
Nach der Abgas-Affäre soll ein Geländewagen VW in Amerika aus der Krise führen. Europa bekommt den ersten Mid-Size-SUV nicht. Dafür ist er zu groß – und zu billig.
Hinrich Woebcken hat in den vergangenen sechs Monaten einiges über die Amerikaner gelernt. Und weil er der Chef von VW in Amerika ist, war das ganz sicher nicht nur Gutes. Schließlich hat sein Unternehmen die Abgaswerte von Millionen Motoren getürkt, damit die ganze Industrie in eine Vertrauenskrise gestürzt und den Anwälten auf beiden Seiten des Schreibtischs und beiderseits des Atlantiks ebenso arbeits- wie ertragreiche Zeiten beschert.
Doch es gibt eine Eigenheit an den Amerikanern, die dem bekennenden Amerika-Fan Hoffnung macht: „Sie können auch vergeben und vergessen. Wer hier einmal am Boden liegt und sich wieder aufrappelt, der wird anders als in Europa nicht weiter getreten. Sondern der erntet Respekt und Anerkennung, In Amerika bekommt jeder seine zweite Chance“, sagt er.
Was die Amerikaner so mittelgroß nennen: Der neue VW, der wohl Atlas heißen soll, ist mit seinen 5,04 Metern größer als ein Touareg. Wird er seinen &hellip-Bilderstrecke
Diese Chance tatsächlich zu nutzen und VW mit einem guten Produkt aus den schlechten Nachrichten zu bringen, das ist die zentrale Aufgabe für das erste Mid-Size-SUV, das die Niedersachsen jetzt an den Start bringen.
Bodenständig, bürgernah und billig
Wobei man Mid-Size mit amerikanischen Maßstäben messen muss. Denn mit 5,04 Metern Länge, einer lichten Breite von knapp zwei Metern und 2,97 Metern Radstand ist der Hoffnungsträger noch ein gutes Stück größer als der VW Touareg und bietet deshalb als erster Volkswagen diesseits von Caddy & Co sieben Sitze.
Das Ganze allerdings nicht mit den üblichen Premium-Allüren, sondern bodenständig, bürgernah und billig. Mit einem Kampfpreis von etwa 30000 Dollar kaum teurer als bislang ein Tiguan, zielt er in ein Segment, das in den Staaten neben den Pick-ups zu den größten zählt und macht VW endlich zu einer potentiellen Volumenmarke.
„Auf einen Schlag erhöhen wir damit unsere Marktabdeckung von weniger als 40 auf über 60 Prozent“, sagt Woebcken und freundet sich so langsam mit dem Begriff vom „Vollsortimenter“ an.
Vom Siegerwagen zum Rettungsauto
Die Idee ist natürlich nicht neu. Denn das Mid-Size-SUV geistert seit Jahren durch die Gazetten, und kaum eine Motorshow ist vergangen, auf der die Niedersachsen nicht irgendeine Iteration der Crossblue-Studie gezeigt hätten.
Doch was mal als Siegerauto gedacht war, mit dem VW-Chef Winterkorn das Volumengeschäft in Amerika zurückerobern und die Fahrt an die Weltspitze besiegeln wollte, ist jetzt zu Mr. Woebckens Rettungswagen geworden, der den Karren in einer ziemlich verfahrenen Situation aus dem Dreck ziehen soll.
Das Rüstzeug dafür liefert der Modulare Querbaukasten (MQB), den VW für das Modell aufs Maximum gedehnt hat: „Mehr Auto ist mit dieser Architektur kaum zu machen“, sagt Mattias Erb, der das neue Engineering and Planning Center im Werk in Chattanooga leitet.
Die inneren Werte überzeugen
Die Fabrik in Tennessee wird mit 900 Millionen Dollar und 700 neuen Jobs fit gemacht für den zum Jahreswechsel geplanten Produktionsanlauf, mit dem der Ausstoß von 27 auf 45 Fahrzeuge pro Stunde steigen und endlich die Jahreskapazität von 250.000 Autos ausgeschöpft werden soll.
