Waterloo – ein europäischer Sieg?

Published 17/06/2015 in Die Gegenwart, Politik

Deutsche und Engländer haben lange darüber gestritten, wem der Erfolg in der entscheidenden Schlacht gegen Napoleon am 18. Juni 1815 zu verdanken sei – den preußischen oder den britischen Truppen? Die Streitkräfte waren so bunt zusammengewürfelt, dass sie eine kleine europäische Koalition bildeten.

Obwohl seither zweihundert Jahre vergangen sind und das 20. Jahrhundert Blutvergießen eines zuvor unvorstellbaren Ausmaßes gebracht hat, hat die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 nichts von ihrer Faszination verloren. Zahllose Straßen, Plätze und Denkmäler in aller Welt zeugen von ihrer fortdauernden Bedeutung. Auch wenn der Krieg gegen Napoleon nicht sogleich mit ihr endete, war die Schlacht doch so entscheidend, dass ihr Name zum Inbegriff einer totalen Niederlage wurde. Sowohl im Englischen als auch im Deutschen ist „sein Waterloo erleben“ längst eine feste Redewendung.

Auch wenn klar ist, wer die Schlacht bei Waterloo verlor, so war und ist doch heftig umstritten, wer sie denn gewann. Der Herzog von Wellington, Befehlshaber einer der siegreichen Armeen, bemühte sich in der Folgezeit zunehmend, die Rolle seines preußischen Verbündeten Marschall Blücher herunterzuspielen. Selbst der Name der Schlacht wurde zum Gegenstand von Kontroversen, denn die Preußen benannten sie lieber nach dem Gasthaus, in dem die beiden Befehlshaber sich nach der Schlacht trafen und das durchaus treffend „Belle Alliance“ hieß. Einige Jahrzehnte später brauste der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck während eines Staatsbanketts auf, als das Gespräch auf die Schlacht von Waterloo kam: „Belle Alliance“, rief er aus. „Das ist so recht Deutsch. Die Engländer schämen sich der Gemeinschaftlichkeit des Kampfes, reden nie von unserer Beihilfe, die doch entschied, ihnen ist es eine üble Alliance. Sie sagen Waterloo.“

Während des Kaiserreichs wurde Waterloo zunehmend als „deutscher Sieg“ reklamiert. Wie der preußische Historiker Julius von Pflugk-Harttung behauptete, war der Feldzug „ein Sieg germanischer Kraft über französisches Ungestüm…, im Besonderen ein Erfolg des deutschen Volkes“. Anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Tags der Schlacht prophezeite der „Hannoversche Kurier“ auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs am 15. Juni 1915, wenn spätere Generationen von Briten dereinst „die Erfolge ihrer Hilfstruppen, die sie in diesem Kriege gegen Deutschland einsetzen, mit den Diensten vergleichen, welche ihnen deutsche Heere vor hundert Jahren erwiesen haben, so dürfte der Wehruf begreiflich sein, der einstmals noch über den Kanal herüberschallen wird: ,Deutschland, Deutschland, gib mir Deine Legionen wieder‘.“

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Populären Ausdruck fand die These eines „deutschen Sieges“ in dem James-Bond-Film „Der Hauch des Todes“. „Ich hätte wissen müssen, dass Sie hinter dem britischen Aasgeier Wellington Schutz suchen würden“, wirft der Bösewicht dem Helden vor. „Sie wissen doch, dass er deutsche Söldner anheuern musste, um Napoleon zu schlagen.“ Diese Interpretation ist nicht ganz falsch.

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Gut fünfundvierzig Prozent der Männer, mit denen Wellington die Schlacht begann, sprachen Deutsch, und ihr Anteil erhöhte sich mit jeder preußischen Einheit, die auf dem Kriegsschauplatz eintraf. Am Ende waren die alliierten Kombattanten deutscher Muttersprache klar in der Mehrheit. In diesem Sinne war Waterloo in der Tat ein „deutscher Sieg“. Es wäre indessen exakter und hilfreicher, wenn man Wellingtons Armee als „europäisch“ bezeichnen würde. Der gesamte Feldzug wurde von einer Koalition zur Verteidigung der europäischen Freiheit gegen Napoleons Hegemonie unternommen.

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