Auto & Verkehr

Citroën: Göttinnen in der Stadt der Liebe


700 Citroën DS feiern Geburtstag in Paris. Das Publikum applaudiert und fragt: Warum gibt es solche Autos heute nicht mehr?

Hans-Peter Simm und seine Gattin wohnen in Wuppertal, aber im Herzen sind sie Franzosen. Vor 25 Jahren haben sie einige Zeit in Frankreich gelebt, der Beruf hatte den Maschinenbauingenieur dorthin verschlagen. Und weil das Dasein am Schreibtisch eines Ausgleichs bedurfte, legte sich der Mann eine Traction zu. Mithin jenen spektakulären Citroën, dessen vollständige Bezeichnung Traction Avant für die ersten über die Vorderräder angetriebenen Serienmodelle steht, die zwischen 1934 und 1957 gebaut wurden.

In fünfjähriger Handarbeit hat Simm sein Auto restauriert, und die Familie hat dabei einiges gelernt. Vater Simm weiß nun, dass nur ein gekonntes Verhältnis zum Schraubenzieher vor dem finanziellen Desaster bewahrt. „Wer nicht vieles selbst machen kann, bezahlt das Auto noch einmal“, sagt er. Mutter Simm weiß nun, dass die Zeit seither mit einem weiteren Familienmitglied geteilt werden muss. Und die Kinder Simm wissen nun, dass sie möglichst rasch Reißaus nehmen, sobald der Vater ruft: „Kann mir mal jemand ein wenig zur Hand gehen?“

Göttinnen in der Stadt der LiebeDS Cabriolets sind rar und teuer. Sehr teuer…Bilderstrecke

Auf dem Heimweg von Frankreich nach Deutschland hat der liebevoll restaurierte Oldtimer seine fiese Seite gezeigt, ein kapitaler Motorschaden stellte die Beziehung auf die Probe. Sie hat gehalten, genau genommen hat das Virus die Familie erst richtig infiziert. Denn nach 23 Jahren nahezu unveränderter Bauform stellte Citroën im Oktober 1955 auf dem Autosalon in Paris den Nachfolger vor, der nichts weniger war als eine Revolution: die DS. Am ersten Tag der Messe verkauft Citroën 12.000 Stück, binnen einer Woche sind es 85.000. Citroën brauchte hernach eineinhalb Jahre, nur um diese Aufträge abzuarbeiten.

An ihr kann kein Fan vorbei, und so gehört seit sieben Jahren eine penibel restaurierte DS 20 mit Halbautomatik zum Simmschen Fuhrpark. Mit ihr ist er am vergangenen Wochenende nach Paris gefahren, wo er sich mit siebenhundert Gleichgesinnten versammelt hat, um Geburtstag zu feiern. 60 Jahre DS. Seit dem überwältigenden Treffen zum fünfzigsten mit mehr als 1000 Fahrzeugen haben sich die DS-Clubs vorgenommen, alle zehn Jahre zusammenzukommen. So bevölkern sie zwei Tage lang die Stadt der Liebe und ernten überall Applaus. Der Höhepunkt ist eine Fahrt vom Park an der Porte de Saint-Cloud an die Place de la Concorde, und mit jedem Meter wird deutlich, welch grandiose Entwicklung die DS war und ist. Die Straße scheint keine Schlaglöcher zu haben, die Hydropneumatik bügelt alles aus, was Winter und kommunale Budgets aufgerissen haben. Die Sitze sind Sofas, nur weicher, und der im Cabriolet nebenan dauergrinsende Junge fragt: „Warum gibt es so etwas heute nicht mehr?“

„Zwischen jedem Auto ein Meter Abstand“

Die Frage versucht Citroën mit der Neuauflage seiner Submarke DS zu beantworten, aber an das Flair der Ikone kommt bislang nichts und niemand heran. Leider fällt das Defilée aller siebenhundert aus aller Herren Ländern angereisten DS über die Champs-Elysées aus, und keiner weiß recht, warum. Offenbar haben die Sicherheitsbehörden Bedenken angemeldet, man ist vorsichtig geworden in Frankreich mit größeren Menschenansammlungen. Und so werden kleinere Gruppen durch die Stadt geleitet, begleitet vom örtlichen Motorradclub, dessen Mitglieder auf ihren Maschinen den Weg weisen. Und die Sonne lacht dazu. An der Place de la Concorde trauen dann die Fans ihren Augen kaum: Wie Ameisen stellen sich alle DS auf, „zwischen jedem Auto ein Meter Abstand“, ruft die Einweiserin.

Tausende Neugierige flanieren zwischen den Pretiosen und spüren die Faszination. Dicht drängeln sie sich um die wenigen Kombis, die schon damals Siebensitzer waren und mit einer Variabilität aufwarten, die auch heute keiner besser kann. Pick-ups sind zu sehen. Und natürlich Cabriolets. Sie sind die Stars der Stars, nur 1856 Stück sind in zwanzig Jahren gebaut worden. Je nach Zustand werden sie zwischen 150.000 und 200.000 Euro gehandelt, die Preise haben sich in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht. Eine Limousine gibt es ab etwa 15.000 Euro, doch wer eine DS in halbwegs ordentlichem Zustand erwerben will, sollte mit rund 35.000 Euro kalkulieren.

Dafür gibt es ein Auto, das eine Göttin ist und jeden in seinen Bann zieht. Auch den Autoren des Feuilletons dieser Zeitung, der zum fünfzigsten schrieb: Unter den vielen Gründen, die sich dafür finden lassen, ist womöglich der schlüssigste, dass es sich dabei ganz einfach um das schönste Auto der Welt handelte. Nicht vorher und nicht nachher wurde je ein Wagen gebaut, dessen Form auf so schlüssige Weise alle Versprechen verkörperte, welche mit der Mobilität einhergingen. Es handelt sich um den Citroën DS, dessen Kürzel, auf Französisch buchstabiert, weit über sich hinausweist: Déesse. Auf deutsch: Göttin. Und wer immer von ihr spricht, behandelt sie auch so.