
Mercedes-Benz hat den größten Automarkt der Welt, China, und den dortigen Geschmack fest im Blick. Das hat auch Auswirkungen auf die Autos für Deutschland.
Olivier Boulay steht zwischen alten Backsteinhallen und kommt aus dem Staunen kaum mehr heraus. Zwar lebt der Franzose jetzt schon sechs Jahre lang in Peking und geht so oft wie möglich in die „Area 798“. Doch jedes Mal, wenn er durch diese alte Waffen- und Maschinenfabrik flaniert, saugt er alles auf, was er zu Gesicht bekommt. Denn als Leiter des Daimler-Design-Studios ist Boulay eine Art Styling-Seismograph, und nirgendwo kann man in Peking die Trends besser, intensiver und bunter spüren als in diesem quirligen Viertel voller Galerien, Museen und Kunstmanufakturen.
Diese Trends für die Autos von morgen einzufangen sei wichtiger denn je, sagt Daimlers China-Chef Hubertus Troska. „Denn längst ist China der größte Automarkt der Welt, und ich glaube kaum, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern wird.“ Wer von diesem anhaltenden Boom profitieren will, der tut gut daran, sich auf die Wünsche der Chinesen einzulassen, sagt Boulay.
Damit meint er mehr als den Stauraum für die im Dauersmog der Millionenmetropolen unverzichtbare Kleenex-Box, die ausreichenden Ladebuchsen für die mindestens zwei Handys, die jeder Chinese auch im Auto ständig benutzen will, oder den Platz für einen Glücksbringer, den immerhin 44 Prozent in ihrem Wagen montieren.
Die Zeit des Kopierens ist vorbei
Bei der Teilhabe an diesem immensen Wachstum hat Mercedes noch einen gewissen Nachholbedarf. Die Schwaben liegen weit hinter Audi und BMW und geben deshalb jetzt kräftig Gas. Nicht nur mit dem flächenmäßig größten Werk im Konzern, neuen Modellen und mehr Händlern, sondern auch mit mehr als 100 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung: Nicht umsonst hat Mercedes in diesen Tagen ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum in Peking eröffnet und dort auf zwei Etagen auch ein neues Designstudio eingerichtet.
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Nun rollt Boulay also mit dem Segway durch einen, nun ja, eher gesichtslosen Zweckbau und doziert darüber, welchen Geschmack die Chinesen haben und wie der die Autos der Zukunft bestimmen wird. Denn nicht nur die Zeit des Kopierens gehe rasend schnell zu Ende, hat Boulay beobachtet. Sondern es werde auch die Zeit kommen, in der die Chinesen nicht mehr einfach nur nach westlichen, europäischen, am besten deutschen Luxusgütern fragen und stattdessen ihre eigenen Bedürfnisse ernst genommen sehen wollen.
Navigation leichter mit chinesischen Schriftzeichen
Schon jetzt haben nach den Worten von Forschungschef Thomas Weber die Anforderungen der chinesischen Kunden einen großen Einfluss. Das Touchpad in der C-Klasse zum Beispiel wurde vor allem deshalb eingeführt, damit man die Navigation leichter mit chinesischen Schriftzeichen füttern kann.
Erstmals entwickelten die Schwaben mit Blick auf China zuerst die lange S-Klasse und leiteten davon die kurze ab. Und auch die riesigen Displays im Cockpit, der Parfümspender im Handschuhfach und die bunte Ambiente-Beleuchtung kommen nicht von ungefähr.
Chinesische Frauen bekommen breitere Parkplätze
Doch wer den kleinen Geländewagen G-Code anschaut, den Boulay mit der Mannschaft aus Peking in Peking für Peking zur Eröffnungsparty auf die Räder gestellt hat, der sieht, dass es damit nicht getan ist. Ein Wasserstoff-Hybrid-Antrieb ist zwar genauso abwegig wie ein Lack, der mit mikroskopischen Solarzellen oder elektrostatischer Ladung den Strom für die Plug-in-Akkus generiert. Doch das Smartphone als Zündschlüssel, ein Cockpit, das sich im Stand mitsamt dem Lenkrad vollkommen zurückzieht, und ein Display, das auf der gesamten Fahrzeugbreite aus dem Armaturenbrett klappt, haben durchaus Zukunft.
Nicht nur für den chinesischen Markt – demnächst auch Europa
Und auch Bodyscanner in den Schalensitzen, die den individuellen Wohlfühlfaktor überwachen, Sitzklimatisierung und Massage steuern und je nach Pulsfrequenz und Körpertemperatur frischen Sauerstoff in den Innenraum blasen, der als Abfallprodukt der Wasserstoff-Reformation ohnehin an Bord anfällt, sind keine Träumerei. Denn wer einmal an einem wolkenverhangenen Tag durch Peking gefahren oder gelaufen ist, der weiß, wie sehr sich die Chinesen nach sauberer Luft, gutem Klima und einem frischen Duft sehnen.
Bodyscanner für den Wellness-Faktor, Bedienelemente, die verschwinden, wenn man sie nicht braucht, und riesige Display-Landschaften – damit können sich sicher nicht nur die Chinesen anfreunden. Und wenn man einmal von dem verdächtig an frühere Saab-Studien erinnernden Heck absieht, würde auch das ebenso klare wie kräftige Karosseriedesign des 4,10 Meter langen, aber nur 1,50 Meter flachen G-Code gut zu einem Konkurrenten etwa für den beschlossenen Audi Q1 passen.
Aber was für Boulay genauso typisch chinesisch ist wie die klare Linienführung und das vornehme Innenleben, das sind die wilden Lichtspiele, die sein Team hinter den Kühllamellen inszeniert hat. Denn in einem Land, in dem Kunst und Kitsch extrem nahe beieinanderliegen, in dem Rolls-Royce auch mal lila lackiert und Ferraris verchromt werden, da können ein paar fast hypnotische Grafiken, die in Rot, Blau und Lila vollflächig über den Bug flimmern, nicht schaden, wenn man etwas Aufmerksamkeit erregen will. Und die wird Daimler brauchen, wenn die Aufholjagd erfolgreich sein soll.
