
Aus dem Ferrari herausgewachsen, aber immer noch cool? Lust auf Luxus ohne den Prunk angestaubter Paläste? Dann hat Rolls-Royce eine schräge Idee.
Die Welt der Schwerreichen ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Yacht, Helikopter, Patek Philippe gehören seit je zur Grundausstattung eines ordentlichen Multimillionärs. Aber Hecken und Naturteiche für Hunderttausende Euro? Unheimlich angesagt seien derlei Verschönerungen des Eigenheims, verlautet aus der für High Society zuständigen Investigativ-Station.
Anderenorts wird von neuen Tönen berichtet. Ein Bang&-Olufsen-Händler habe für 200.000 Euro am Pool seines Hamburger Kunden eine Musikanlage installiert. Der habe sich nach Fertigstellung beim Händler beschwert: „Sie müssen noch mal kommen. Wenn ich tauche, höre ich nichts.“
Marktstellung
Wo solche Konkurrenz um die sauer abgesparten Taler entsteht, kann der Inbegriff der automobilen Königsklasse nicht ruhen. Wraith heißt die Antwort von Rolls-Royce auf Fragen, die zuvor niemand gestellt zu haben scheint. In einem Kosmos, in dem die Ankündigung einer demnächst zu verändernden Zierleiste zum Kurssturz im Auftragsbuch führt, darf das Coupé gelinde gesagt als Wagnis gelten.
Es offenbare das kühnste Design und die dynamischste Performance, die je ein Modell mit der berühmten Figur gehabt habe, meint Rolls-Royce. Nach ersten Meldungen aus dem Markt lässt sich wohl sagen, die Spirit of Ecstasy dreht sich nicht im Grabe um, sondern nur nach Betätigen der Zündung in ihrem Kühlergrill.
Mit Absatzzahlen sind die hohen Herren bis heute so knauserig wie früher mit der Leistungsangabe, so müssen wir uns mit „ausreichend“ begnügen. Fast. Nachgebohrt, wie sich die Käufergunst auf die Modelle Ghost (Einstieg), Phantom (Aufstieg) und Wraith (Umstieg) verteile, kommt immerhin ein Hinweis. Das Unternehmen verkaufe etwa drei Ghost auf einen Phantom. Der Wraith erreiche schon nach wenigen Monaten seines irdischen Daseins das Niveau des Ghost mit verzückender Eroberungsrate. Zur Jahresmitte 2014 sei abermals ein Rekord erreicht, allein in Deutschland habe sich die Zahl der Auslieferungen verdoppelt. Kurzum: Das Wagnis scheint sich auszuzahlen.
Preise
Mit Hang zu britischem Understatement darf man das Coupé als progressiv gezeichnet einordnen. Münder bleiben offen stehen. Der Wraith sorgt für freudvolle Atemlosigkeit, die sich des Nachts zur erträglichen Leichtigkeit des Scheins erhebt. Dann zieht ein Sternenhimmel über den Insassen auf.
Die Hundertschaft an Leuchtdioden ist so geschickt ins Dach eingelassen, dass die darüberstreichende Hand keine Erhebung spürt. Hinten Sitzenden gehen die Augen noch intensiver über, ohne Wenn und Aber empfehlen wir die Anschaffung zu 11.513 Euro. Für das zugehörige Fahrzeug wären weitere 281.000 Euro abzuheben.
Design
Niemand hätte Rolls-Royce dieses Auto zugetraut, nicht mal mit allen Kühlwassern gewaschene Fahrensmänner, deren gewählte Worte treffender nicht sein könnten. „Das Design sorgt für eine gewisse Ratlosigkeit, denn der Wraith ist von der größeren und doch dezent gekleideten Ghost-Limousine abgeleitet. Weshalb sollte man diesem Ausdruck des automobilen Überflusses die wichtigsten Mittel seines Auftritts beschneiden? Weil damit ein etwas kleineres Coupé entstanden ist, das just diesen Eindruck des automobilen Reichtums und der Lust am Luxus noch steigern konnte. Die Dimensionen sind beeindruckend, und über den Radstand von 3,11 Meter legt sich ein Dach, das aus der gravitätischen Kühlermaske, einer meilenweit nach vorn ragenden Haube und der niedrigen Frontscheibe (in der sich das Armaturenbrett spiegelt) übergeht in einen Rücken, der viel schneller ist, als es diese Nobelmarke jemals war. Dicke Räder und rechteckige Endrohre der Abgasanlage sind die etwas ordinären Gegenpole zur ruhigen Eleganz des Karosseriekörpers.“
Bliebe zu ergänzen, dass sich das zu bewegende Edelmetall auf fast 5,30 Meter Länge verteilt und zu knapp 2,4 Tonnen Gewicht verdichtet, was die Vermutung nahelegt, man habe es mit einem unbeweglichen Dickhäuter zu tun. Das ist mitnichten der Fall.
Fahrverhalten
Der Wraith lässt sich mit leichter Hand durch den Alltag steuern, sein Wendekreis ist für die Größe erstaunlich klein, und falls der Verkehrsminister nicht überraschend all die Einnahmen aus der Mineralölsteuer in die Straße gesteckt hat, wird es wohl die Luftfederung mit ihren sensorgesteuerten Schwingungsdämpfern sein, die Wellen und Rillen ausbügelt.
