
100 Jahre nach der Markengründung ist es so weit: Maserati baut Selbstzünder ein. Mit der Ghibli-Limousine als Diesel will Maserati näher an BMW und Audi heran.
Wer aus der Nische will, muss sich mit neuen Maßstäben messen lassen. Die setzen im automobilen Nobelhaus Mercedes-Benz, BMW, Audi und Porsche. Range Rover vielleicht noch. Dann wird die Luft schon arg dünn. Aber die hoch hängenden Früchte sind die süßesten, und so strebt die deutsch-italienische Equipe von Maserati nach oben. Mehr Absatz, mehr Umsatz, mehr Gewinn lautet die Vorgabe aus der Führungsetage, und die Ziele klingen ambitioniert. Falls sie überhaupt zu erreichen sind, geht das – jedenfalls auf dem europäischen Markt – nicht ohne Diesel. 100 Jahre nach der Markengründung ist es so weit: Maserati baut Selbstzünder ein. Zu Gast in der Redaktion war das kleinere der beiden angebotenen Modelle, der Ghibli, der freilich recht erwachsene Ausmaße hat.
4,97 Meter Länge, hinreißende Kurven, rahmenlose Scheiben, sie fügen sich zu einem Statement, mit dem sich die Italiener in die Business-Klasse einmischen wollen. Zugeliefert wird das Dreiliter-V6-Turboaggregat (ebenso wie im noch stattlicheren Quattroporte) vom italienischen Spezialisten VM. Die Eckdaten klingen erfreulich und für ein Einstiegsmodell angemessen. 275 PS (202 kW) sorgen für feinen Vortrieb, 600 Newtonmeter Drehmoment schon ab 2000/min garantieren dreizackigen Durchzug. Fürs Protokoll: Binnen 6,3 Sekunden passiert der hinterradgetriebene Ghibli die Marke von 100 km/h, bei 250 km/h ist Schluss. Erfreulich arbeitet die serienmäßige Achtstufenautomatik von ZF. Nur beim Einlegen des Rückwärtsgangs gerät man immer wieder eine Raste zu weit.
So weit, so irritierend. Denn wo der Vortrieb standesgemäß ist, bleibt der Klang hinter den Erwartungen zurück. Ein Druck auf den Sportmodus weckt zwei nahe den Abgasendrohren angebrachte Soundgeneratoren. Dann klingt der Ghibli kerniger. Aber das betörende Gewitter, das alle Welt aus „Ziemlich beste Freunde“ kennt, wird nicht geboten. Dafür lockt Entschädigung an der Tankstelle. Die nach Norm angegebenen 5,9 Liter sind natürlich eine Schwalbe, erst recht, weil ein Maserati grundsätzlich zu forscher Fortbewegung animiert. Wir ermittelten 9,4 Liter Diesel im Durchschnitt, wer freilich des öfteren das Weite sucht, wofür sich dieser Italiener besonders eignet, wird Werte unter 9,0 erreichen können.
Wo der Vortrieb standesgemäß ist, bleibt der Klang hinter den Erwartungen zurück Bilderstrecke
Lange Aufenthalte an Bord sind jedenfalls mehr Vergnügen als Aufgabe. Die Aura ist phantastisch. Der Duft ein herrlicher. Farben und Materialien sind so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, wie es wohl nur Italiener vermögen. Die Sitze sind bequem und großzügig. Mittels eines Knopfes am Fahrersitz lassen sich die Pedale in Längsrichtung verschieben, das ist lobenswert und der angenehmen Sitzposition zuträglich. Hinten sind zwei vorzüglich bequeme Sessel verbaut, allerdings ist die Beinfreiheit überraschend knapp, da erwartet man angesichts der Länge mehr. Zudem liegt die Bedieneinheit für Fensterheber und Türverriegelung so in der Armlehne, dass Mitreisende immer wieder auf den Knopf der Entriegelung kommen. Dann zieht es mal kurz, das erfrischt den Kopf.
Einen großen Kofferraum braucht die Business-Klasse selbstredend auch, 500 Liter warten unter dem arg beliebig aussehenden Heck, und spätestens nach Umklappen der Rücksitzlehnen fasst das Cargo-Abteil mehr, als es für die Reise braucht. Die Instrumente sind noch richtig analog, in der Mitte thront ein Touchscreen. Das sieht alles ordentlich aus, aber die Konkurrenz ist mit ihren Bildschirmen schon auf neuen Pfaden, die eine Generation moderner (vielleicht auch modischer) wirken. Die schöne Uhr in der Mitte könnte die Zeit vergessen lassen. Kann sie aber nicht, denn völlige Entspannung herrscht am Lenkrad nicht. Die Reifen laufen bereitwillig Längsrillen in der Fahrbahn nach, der Pilot ist allzeit gefordert, seine Aufmerksamkeit nicht vollends dem schönen Leder hinzugeben.
Zudem bot der Testwagen einige Nachlässigkeiten auf, über die man hinwegsehen kann, aber nicht muss: Es knisterte hier und da, die Türen fallen blechern ins Schloss, hohl klingt der von Hand zu schließende Kofferraumdeckel, die Fugen der Karosserie verliefen nicht überall gleichmäßig, die Sitzheizung verweigerte den Dienst. Warum ist der imposant mit vertikalen Streben versehene Kühlergrill aus Kunststoff, der statusbewusste Dreizack auch? Keine Frage des Geschmacks ist der Wendekreis, er ist zu groß. Und warum sich die Automatik nicht von selbst in P stellt, wenn der Wunsch nach Abstellen des Aggregats besteht, bleibt ein Geheimnis. Kaum vermisst haben wir die sonst in dieser Klasse angepriesene Armada an Assistenzsystemen, es gibt wenige, dafür aber auf Wunsch Rückfahrkamera, W-Lan-Hotspot und ein erquickliches Orchester von Bowers &- Wilkens mit 15 Lautsprechern.
Der Ghibli ist schon für vergleichsweise attraktive 65.000 Euro zu haben. Angereichert durch Fahrwerk mit Dämpferanpassung, Glasschiebedach, Poltrona-Frau-Naturleder samt Velours-Teppichen und diverser weiterer Annehmlichkeiten, erreichte der Testwagen 84.000 Euro. Das wird in dieser Klasse eher verführen als schrecken. Freilich steht ein gewisser Wertverlust zu befürchten, den Maserati womöglich durch attraktive Leasingraten puffert. Und dann? Zugreifen? Vielleicht muss nicht jeder aus der Nische. Ein Maserati zaubert ein Lächeln auf jedermanns Gesicht. Ein guter Diesel beeindruckt. Deren Eheschließung aber ist nicht erste Wahl. Das Auto lässt uns ein wenig ratlos zurück. Es hat objektiv einige Defizite, und doch waren die Tage, an denen der Ghibli im Haus war, bessere Tage.
