
Nehmen Sie Platz: Eigentlich sollen Autotüren nicht begeistern, sondern handfeste Aufgaben erfüllen. Wären da nicht diese aufregenden Ausnahmen.
Tür auf, Tür zu – einsteigen, aussteigen. Und dies bitte schnell, sicher und bequem: Autotüren waren und sind ein profanes Mittel zum Zweck, mehr nicht. Aber zum Glück nicht immer, wie das von 1954 bis 1957 exakt 1400 Mal gebaute Mercedes-Benz 300 SL Coupé (intern W 198 I) zeigt. Seine atemberaubenden, wie Flügel in den Himmel wachsenden Türen haben dem Zweisitzer neben Kultstatus eine inoffizielle, dafür umso romantischere Modellbezeichnung beschert: Von Liebhabern auf der ganzen Welt wird die schwäbische Sportwagen-Ikone mit ihrem 215 PS starken Einspritzmotor als Flügeltürer, Gullwing oder Portes de Papillon verehrt und verklärt.
Dabei waren die in der Mitte des Dachs verankerten Schwingen keine stilistische Spielerei, sondern Ausdruck einer konstruktiven Besonderheit. Der filigrane, weit nach oben gezogene Gitterrohrrahmen mit den breiten Schwellern war von den ab 1952 eingesetzten Renn-Coupés (W 194) übernommen worden – deren Türen anfangs nur bis zur Unterkante der Seitenfenster reichten (was rasch korrigiert wurde). Dennoch: Wer im Serien-Coupé Platz nehmen oder es verlassen wollte, sollte gelenkig sein, was trotz des klappbaren Lenkrads besonders für den Fahrer galt. Eine weitere Hürde waren die 29 000 Mark, die ein Flügeltürer 1955 kostete. Aber der Gegenwert eines Einfamilienhauses wäre gut angelegt gewesen. Kürzlich erzielte ein 300 SL Coupé bei einer Auktion in Kalifornien 1,1 Millionen Euro.
Tiefe Spuren hinterließen die „geflügelten“ Türen zunächst nicht. Neben Außenseitern wie DeLorean (1981/82) oder Melkus (mit Unterbrechungen von 1969 bis 2012) dauerte es bis September 2009, ehe sich Daimler-Benz der eigenen Tradition besann und nach einigen Versuchsträgern den Mercedes-Benz SLS AMG lancierte. Dieser 571-PS-Bolide, der nicht nur mit seinen Flügeltüren das Design des 300 SL von 1954 zitierte, schien die Umsetzung ungewöhnlicher Türkonzepte zu beflügeln: In den Hallen der 65. IAA in Frankfurt im September 2013 reckten neben Audi Nanuk, Kia Niro oder Koenigsegg Agera eine Fülle von Schöpfungen ihre Türen kühn nach oben.
Zum Portal wurden die großen, üppig verglasten Flügel beim Opel Monza, einem Viersitzer ohne Mittelpfosten (B-Säule), der bei „alten“ Fahrensleuten sofort Erinnerungen an den nicht minder dramatischen Lamborghini Marzal weckte. Aber dieser Bertone-Entwurf von 1967 blieb ein Einzelstück, ebenso wie der Monza – dazu bedarf es keiner prophetischen Gabe – als Concept Car und Ideengeber in der Opel-Historie münden wird. Mag er seinen Passagieren einen noch so bequemen Zugang zum Innenraum bieten.
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Stichwort Lamborghini. Der italienische Karosserieschneider hatte zum Pariser Salon 1968 den Carabo präsentiert, eine wie der Marzal von Bertone-Chefdesigner Marcello Gandini modellierte Studie mit Mittelmotor und Alfa-Technik, die mit ihren kantig-aggressiven Linien die Form künftiger Super-Sportwagen prägen sollte. Den Anfang machte der noch radikaler geformte Lamborghini Countach LP 400, ein Mittelmotor-Keil mit V12-Triebwerk und 375 PS, der 1974 in Serie ging. Zu seinen Besonderheiten zählten die vom Carabo inspirierten Scherentüren, die nicht am Dach, sondern an der A-Säule angeschlagen waren und mittels Gasdruckfedern arbeiteten. Ein deutsches Fachblatt lobte 1975 den akzeptablen Ein- und Ausstieg, den der Flachmann bei selbst engen Parkplätzen bot. Und monierte, dass die Türen eines bergauf abgestellten Countach wie ein Fallbeil zufallen konnten.
