
Kein Dach über dem Kopf, aber BMW fahren: Die neue 4er-Verbindung von Motorkultur und Offenheit hält, was sie verspricht. Über Geld und die Gelenke darf man nicht nachdenken.
Auf diesem luftigen Niveau, weit über den Niederungen der alltäglichen Mobilität, streitet es sich wunderbar. Denn bei der Entscheidung für eine neue mobile Terrasse kommt es auf der Gourmet-Ebene zur Dachfrage: Zelt oder Ziegel, das will bedacht sein, und BMW hat sich bei der Neuauflage seines 3er Cabrios, das jetzt als 4er Cabrio firmiert, im Gegensatz zu Audi und Mercedes-Benz abermals nicht für Stoff, sondern für Stahl entschieden.
Das hat Vorteile, etwa im Winter oder wenn die Garage eine Laternengarage ist. Der größte Nachteil des festen Dachs zum Klappen ist ein emotionaler: Mit geschlossenem Dach sieht das extravagante Cabrio nur aus wie ein nettes Coupé, denn die flotte Stoffmütze führt eine mechanische Unbeschwertheit heran.
Dachmechanismus
Beim offenen 435i hat das zu einem bayerischen Dachplattler geführt, der seine Ursprünge in alpiner Körperbeherrschung hat. Vom Balztanz des Auerhahns ist der höchst komplizierte Schuhplattler abgeleitet, und ähnlich verhält es sich mit dem schlichten Vorgang des Öffnens eines Cabriodachs. Daraus ist ein komplizierter Tanz der Scharniere entstanden.
Sensible Beobachter fürchten angesichts der zahlreichen Ärmchen, Träger und beweglichen Verbindungen um die Dauerhaftigkeit der Konstruktion. Es ist ein Werk der Präzision, das nach unseren Erfahrungen jederzeit klappte, aber wie das nach 20 Jahren in dritter Hand noch abläuft?
Ein attraktiver Hingucker ist es allemal: Statt um auf und nieder immer wieder geht es um auf und zu in einem fort: Denn faltet, klappt, ordnet und schiebt das 435i Cabrio vor dem angesagten Kaffeehaus auf Geheiß einer attraktiven Weibsperson automatisch sein in drei Teile zerlegtes Dach in die Versenkung, dann laufen verwirrte Männer gegen Laternenpfähle, und verstörte Frauen blicken mit engen Augen auf ihre männliche Begleitung. Mit dem 4er Cabrio wird nicht nur ein Auto geliefert. Es ist die Eintrittskarte für eine Party auf dem Boulevard der Eitelkeiten.
Preise
Mit markentypischer Konsequenz hat BMW aus der 3er-Reihe eine 4er-Runde geschält. Nischen werden nicht mehr entdeckt, sondern erfunden. Nicht ohne Profit: Das 4er Cabrio beginnt bei rund 42.000 Euro, das 3er Cabrio gab es in seiner letzten Ausprägung zum Basispreis ab etwa 39.000 Euro, der Testwagen-Kraftkerl 435i fordert mit Achtgang-Steptronic und Sonderlack 57.150 Euro, ohne Extras.
Mit Extras kam der Testwagen auf 73.540 Euro. Aber niemand wird zum Kauf genötigt. Natürlich gibt es auch Dieselversionen, aber muss man einen Selbstzünder mit dem unvermeidlichen Öldunst im Cabrio haben?
Design
Im Vergleich zum abgelösten, offenen 3er ist der 435i ohne Dach natürlich gewachsen. Maßvoll. Aber doch zu erkennen. Vor allem in der Breite. Der BMW mit diesem aufgefrischten und gestrafften Design ist die Wucht auf Rädern. Aus bestimmten Blickwinkeln, wie von vorne schräg auf die Haube, da kommt die muskulöse Vervierung am stärksten zur Geltung, und auch das Heck wirkt fülliger, ohne unförmig zu sein.
Kofferraum
Die Klappe ist mitsamt den Leuchteinheiten neu konfiguriert, und niemand sollte glauben, es verberge sich darunter ein Behältnis, das als Kofferraum zu bezeichnen wäre. Als wäre die gesamte Dachkinematik mit ihrer Vorgangsdauer von jeweils etwa 25 Sekunden nicht schon kompliziert genug, setzt BMW noch eins drauf: Mit dem Druck auf einen Schalter im Deckel werden das gesamte, eingestapelte Dach (BMW spricht immer von Hardtop) und massive Teile der Trägerkonstruktion angehoben, und ein gut dimensionierter Koffer kann darunter eingeladen oder entnommen werden. Dann senkt sich das gestapelte Dach wieder ab.
Rückbank
Das entspricht dem bayerischen Drang nach Perfektion, ist aber unnötig. Denn hinter den beiden bequemen Vordersitzen ist menschliches Niemandsland. Alles ist zu eng, die Kopffreiheit ist knapp, die Knie knacken schon beim Einsteigen, und jeder hofft da hinten schon vor der Fahrt auf ihr Ende. Die Rückbank wird idealerweise als Ablage genutzt und das Windschott für 360 Euro besser nicht bestellt. Es liegt sonst störend herum, denn im Dienst wirkt es etwas peinlich. Zumal die Windsbräute zärtliche Begleiterinnen sind.
