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Mercedes erweckt Stromlinienwagen 540 K zu neuem Leben

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Mercedes-Benz erweckt ein Stromlinien-Coupé von 1938 zu neuem Leben. Tests im Windkanal zeigen: Die Entwickler haben schon vor 76 Jahren exzellente Arbeit geleistet.

Oldtimerbesitzer kennen jenes Phänomen, das den Gregorianischen Kalender gründlich aus der Spur wirft: Die kleine Roststelle am linken Schweller, vermeintlich in wenigen Stunden zu beseitigen, wächst sich nicht selten zur zwei Jahre dauernden Vollrestaurierung aus. Sind von der Substanz des Traumwagens nur noch ein paar Fragmente übrig, kann der Wiederaufbau auch schon mal ein Menschenleben lang dauern, wie jetzt bei Mercedes-Benz Classic in Stuttgart. Dort feierte ein Unikat von 1938, der 540 K Stromlinienwagen, in diesen Tagen seine glanzvolle Wiederauferstehung.

Einst Spitzenmodell der Stuttgarter Nobelmarke

Der von 1936 bis 1939 als Limousine, Coupé, Cabriolet oder Roadster für die Schönen und Reichen dieser Welt gebaute Typ 540 K – Werkscode W 29 – war in den letzten Vorkriegsjahren das Spitzenmodell der Stuttgarter Nobelmarke. Sein langhubiger Reihenachtzylinder setzte aus 5401 Kubikzentimeter Hubraum 115 PS (85 kW) bei 3400/min frei. Entschlossenes Niedertreten des Gaspedals aktivierte ein zweiflügeliges Roots-Gebläse, was die Leistung auf 180 PS (132 kW) hochschnellen ließ. Derart beflügelt erreichten die mehr als fünf Meter langen und zweieinhalb Tonnen schweren Boliden kurzzeitig 170 km/h.

Das nun wiederhergestellte Stromlinien-Coupé, ein klassischer Gran Turismo, wurde 1937 von der Abteilung Sonderwagenbau im Werk Sindelfingen auf Basis des normalen 540 K-Coupés entwickelt und mit einer strömungsoptimierten Aluminiumkarosserie eingekleidet. Seine Premiere war für die Langstreckenrallye Berlin-Rom im Spätsommer 1938 vorgesehen. Dieser Plan zerschlug sich, nicht zuletzt auch deshalb, weil die damals populäre Fernfahrt zunächst auf 1939 verschoben und dann ganz abgesagt wurde.

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Erste Zulassung im Jahr 1938

Nun beginnt Teil eins der abenteuerlichen Vita des zeitlos eleganten Unikats. Am 14. Juni 1938 wird es an die deutsche Dunlop-Niederlassung in Hanau verkauft und mit dem Kennzeichen IT-146901 für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen. Dank aerodynamischer Karosserie und längerer Hinterachsübersetzung (2,90 statt 3,08) schafft es kompressorunterstützt 185 km/h Höchstgeschwindigkeit und im Saugmotorbetrieb 160 bis 170 km/h Dauertempo auch über lange Strecken, was es als Erprobungsfahrzeug für Hochleistungsreifen prädestiniert.

„Eine Prüfung besonderer Art sind unsere Versuche mit einem schnellen Stromlinien-Kompressor-Wagen auf der Reichsautobahn, um das Verhalten der Bereifung bei schneller Dauerfahrt zu studieren“, berichtet 1938 eine Jubiläumsbroschüre von Dunlop. „Hier wird mit Fahrerwechsel gefahren, und zwar mit einer Geschwindigkeit von etwa 170 Kilometer pro Stunde. Fahrpausen gibt es nur für Tanken und Fahrerwechsel.“

Abmeldung des Wagens im Jahr 1948

Der Kriegsausbruch am 1. September 1939 bringt einschneidende Nutzungsbeschränkungen für private Kraftfahrzeuge mit sich. Um weiterhin Reifentests fahren zu können, begeht Dunlop ein Sakrileg und lässt sein windschnittiges Hochleistungsfahrzeug auf Flüssiggasbetrieb umrüsten. Der solchermaßen entweihte 540 K übersteht immerhin die Kriegsjahre unbeschadet, wird jedoch 1945 zur Beute eines amerikanischen G.I. Der verpasst dem silbergrauen Luxuscoupé einen Anstrich in Army-Oliv und wird später damit in Stuttgart gesichtet. Irgendwann, der genaue Zeitpunkt verliert sich im Nebel der Geschichte, erhalten die Dunlop-Werke das Fahrzeug wieder zurück und melden es am 21. April 1948 ab, wie ein Stilllegungseintrag der Hanauer Polizei im original erhaltenen Kraftfahrzeugbrief belegt.

Unklar bleibt das weitere Schicksal des Stromlinienwagens, der zu einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt wieder in den Besitz von Daimler-Benz gelangt, wo er aus unbekannten Gründen völlig zerlegt wird. Die Vermutung, dass mit einigen Komponenten andere 540-K-Modelle wieder flottgemacht wurden, liegt nahe. Die Karosserie verschwindet jedenfalls spurlos, übrig bleiben vom Originalfahrzeug lediglich der beschädigte Rahmen, die Hinterachse und eine Felge, die fortan im Fundus des Werksmuseums schlummern.

29830361 Vorderansicht des Stromlinienwagens

Aufwendige Rekonstruktion des Stromlinienwagens

Nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf beginnt Anfang 2012 die Restaurierung, besser gesagt: die Rekonstruktion des Stromlinienwagens. Wertvolle Hilfe leistet dabei die originale Linienrisszeichnung von 1938, eine millimetergenaue dreidimensionale Flächenbeschreibung der Außenhaut mit sämtlichen Fahrzeugabmessungen. In akribischer Detailarbeit wird sie in ein 3D-Flächenmodell modernster CAD-Konstruktionstechnik umgewandelt, das als Grundlage für Fertigungszeichnungen, Hilfswerkzeuge und Schablonen dient. Hilfreich sind ferner Archivunterlagen wie Kraftfahrzeugbrief, Bedienungsanleitung, Teilelisten und historische Fotos.

Originale Glas-Negative aus den dreißiger Jahren lassen durch Scannen mit höchster Auflösung entscheidende Details sichtbar werden, beispielsweise die Form des Armaturenbretts, die Position der Befestigungsschrauben der Holzinnenverkleidung oder des Amtssiegels auf dem Original-Nummernschild IT-146901.

Exzellente Arbeit vor 76 Jahren

In mehr als 4800 Arbeitsstunden entsteht in aufwendiger Handarbeit ein originalgetreues Duplikat der verschwundenen Aluminiumkarosserie, die auf einem ebenfalls neu angefertigten Hilfsrahmen aus Eschenholz montiert wird. Als einziges 540-K-Modell trug der Stromlinienwagen eine komplette Unterbodenabdeckung, um den Luftwiderstand zu minimieren. Wertvolle Hilfe bei ihrer Neuanfertigung leisten die originalen Befestigungspunkte im erhalten gebliebenen Rahmen.

Im Mai 2014 kommt dann der große Moment: Im Windkanal beweist der Stromlinienwagen erstmals, dass er seinen Namen zu Recht trägt. Sein Luftwiderstandsbeiwert liegt mit 0,36 meilenweit unter dem seines konventionellen Coupé-Bruders mit 0,57. Hermann Ahrens (1904 bis 1995), der Leiter des Sonderwagenbaus in Sindelfingen, und seine Mannen haben vor 76 Jahren offensichtlich exzellente Arbeit geleistet.