
1864 gründete Conrad Magirus in Ulm seine Feuerwehr-Requisiten-Fabrik. Aus der Lastwagenwelt ist Magirus fast verschwunden. Doch jedes Jahr werden noch 1000 Feuerwehrautos gebaut.
In der Stadt an der Donau feiert man mit einigem Stolz 150 Jahre Magirus. Kunden und die Familien der 1750 Mitarbeiter sind eingeladen, und sie können sich dank zahlreicher Exponate, die auf dem weitläufigen Firmengelände plaziert sind, auf eine Zeitreise begeben, die mit den Leiterwagen des Firmengründers beginnt. Sie endet in der Vielfalt der heutigen Fahrzeuge des italienischen Großkonzerns Fiat. Unter dem großen Fiat-Dach sind die Lastwagenmarken Iveco und CNH (Case New Holland), aber auch Ferrari, Alfa Romeo, Jeep und Maserati vereint, um nur einige Namen zu nennen. Konzernlenker Sergio Marchionne überbrachte dem Ulmer Werk am gestrigen Donnerstag seine Glückwünsche persönlich.
In Ulm werden zwar seit 2013 keine Lastwagen der Marke Iveco mehr gebaut, doch durch das Beibehalten der Entwicklungs- und Versuchsabteilung inklusive des Prototypenbaus für Iveco sowie eine Stärkung der Magirus-Aktivitäten hielt sich das knapp 700 000 Quadratmeter große Werk im Donautal relativ schadlos. Nur 300 Arbeitsplätze wurden abgebaut, niemand wurde entlassen.
Rund 60 Prozent der Fahrzeuge sind von Iveco
Heute entstehen in Ulm rund 1000 Feuerwehrautos jährlich, dazu kommen weitere 200 Drehleitern auf Lastwagenfahrgestellen. Rund 60 Prozent der Fahrzeuge sind von Iveco, dann steht zusätzlich auch „Magirus“ auf der Fahrzeugfront, die Leitern, sozusagen die Keimzelle des Ganzen, tragen immer diesen Schriftzug. Fahrzeuge anderer Hersteller rüstet Magirus erst seit 1998 auf, die Kunden – also zu 95 Prozent die Feuerwehren – hatten immer wieder danach verlangt. Sie wollen alles aus einer Hand, und das kann Magirus bieten.
Angeliefert wird das Fahrgestell mit Fahrerhaus und Motor, der Rest wird in einer Art Manufaktur Schritt für Schritt gefertigt: der Aufbau mit den vielen Staufächern für die Brandschutz-Utensilien und einem Platz für den Wassertank, sogar die Pumpen baut Magirus selbst. Die Fertigung erfolgt auf vier Linien, die Leiterwagen entstehen in einer separaten Halle. Das Fertigen der Leitern selbst ist eine Wissenschaft für sich, aber man hat ja 150 Jahre Erfahrung. In vielen Ländern ist „Magirus“ das Synonym für eine Drehleiter, Magirus ist Marktführer, es gibt in dieser Nische kaum Konkurrenz.
Die deutsche Fußball-Nationalelf zeigte sich 1954 vor einem Magirus-Bus
Die größten Leiterwagen (61 Meter maximale Höhe) sind mit einem Endpreis von deutlich mehr als 600 000 Euro der größte einzelne Umsatzbringer für Magirus. 60 Prozent der Produktion erfolgen für ausländische Feuerwehren in aller Welt. So wurde unlängst das letzte von 80 Flughafenlöschfahrzeugen ausgeliefert, die von Brasilien bestellt worden waren. Dies war bisher der größte Einzelauftrag (rund 50 Millionen Euro) für die neue Magirus.
Der größte Einzelauftrag für die Marke überhaupt bleiben wohl für immer die 10 000 Lastwagen, die von der Sowjetunion 1974 geordert wurden. Zu diesem Zeitpunkt war Magirus-Deutz schon längst ein veritabler Lastwagenhersteller. Conrad Magirus (1824 bis 1895) hatte jedoch nicht mehr miterlebt, wie aus seinem auf Feuerwehrgeräte und Leitern spezialisierten Unternehmen ein Lastwagenbauer wurde (1917).
Heute taucht die Marke Magirus noch auf Feuerwehrautos auf
Seit 1919 gehören auch Busse zum Portfolio. Nach der Übernahme der Magirus AG durch Humboldt-Deutz 1936 bleibt der Markenname, selbst die komplette Zerstörung des Ulmer Werkes kann überwunden werden. Schon 1947 laufen die Bänder wieder, das Wirtschaftswunder ist ohne die Lastwagen von Magirus – mit dem stilisierten Turm des Ulmer Münsters als Markenlogo – nicht denkbar. Das Logo war 1925 aus einem Preisausschreiben hervorgegangen. Zu den vielen Innovationen aus Ulm gehört zum Beispiel der erste Lastwagen mit einem kippbaren Fahrerhaus (1955).
1960 fertigen 7600 Beschäftigte 12 865 Fahrzeuge und 22 387 Motoren. 1973 wird der neue, heutige Standort im Donautal bezogen, das modernste Lastwagenwerk Europas wird mit dem Großauftrag aus der Sowjetunion (für den Eisenbahnbau in Sibirien) voll ausgelastet.
Angeliefert wird das Fahrgestell mit Fahrerhaus und Motor, der Rest wird in einer Art Manufaktur Schritt für Schritt gefertigt
Doch insgesamt stehen die Zeichen schlecht auf dem Nutzfahrzeugmarkt. Spätestens seit 1968 herrscht eine Krise, viele gute Namen verschwinden oder sind es schon (Büssing, Faun, Henschel). 1975 gründen die Magirus-Muttergesellschaft Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) und Fiat unter Federführung der Italiener die International Vehicle Cooperation, kurz Iveco. Darin gehen auch der französische Hersteller Unic und die italienische OM auf. 1980 verkauft KHD seine Anteile (20 Prozent) an Fiat, die damit Alleinaktionär bei Iveco werden. Der Name Magirus verschwindet nach und nach aus der Lastwagenwelt, 1982 muss der Bau von Bussen aufgegeben werden, obwohl das Werk in Mainz vier Jahre zuvor umfangreich erweitert worden war. Auch die Werbepartnerschaft mit Bayern München (1980, für den Reisebus M 200) hilft nicht. 1983 wird die Magirus-Deutz AG in Iveco Magirus AG umbenannt.
Die künstlich geschaffene Marke Iveco schlägt sich im Markt besser, als viele erwartet haben. Die Verlegung der traditionellen Lastwagenproduktion von Ulm nach Madrid 2103 sorgt für Turbulenzen, wird aber aus Ulmer Sicht mit einer Investition von 50 Millionen Euro in die Fertigung der Feuerwehren aufgefangen. Organisatorisch gehört Iveco samt Magirus seit kurzem zu CNH, die vor allem für ihre Landmaschinen bekannt sind. CNH setzte 2013 gut 26 Milliarden Euro um, 31 Prozent davon entfielen auf Iveco. Ulm ist einer von 62 Standorten, gut 71.000 Menschen sind bei CNH beschäftigt.
