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Edel-Autohaus in Tokio: Aber wo sind die Autos?

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Wer hier ein Auto kaufen will, den schicken sie wieder weg. Denn die neue Lexus-Boutique in Tokio ist nicht nur eines der edelsten, sondern auch eines der ungewöhnlichsten Autohäuser der Welt.

„Sie wollen ein Auto kaufen? Dann sind Sie hier leider falsch.“ Wer bei Lexus in Tokio nach einem Neuwagen fragt, der erntet befremdliche Blicke. Zumindest, wenn er im neuen Prachtbau „Intersect by Lexus“ im angesagten Shoppingviertel Aoyama landet. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft von Marken wie Dior, Prada oder Cartier betreibt die noble Toyota-Tochter dort seit Ende letzten Jahres einen neuartigen Flagship Store, der sich mit solch profanen Dingen wie dem Autohandel erst gar nicht abgibt. „Intersect by Lexus“ steht an der Tür, und nach normalen Neuwagen sucht man dahinter vergebens.

Design als kleinster gemeinsamer Nenner

Ja, bisweilen steht auf der Eventfläche vor den Toiletten ganz hinten im Erdgeschoss, die sie hier „The Garage“ nennen, mal eine Designstudie, wie sie sonst auf Messen ausgestellt wird. Und die Wände im Treppenhaus sind mit den lackierten Einzelteilen eines Lexus LFA dekoriert, die Stufe für Stufe aufwendig drapiert sind wie in einem Modellbaukasten. Doch für die normale Modellpalette haben sie hier weder Platz noch Sinn. „Es geht hier um die Marke, nicht um die Modelle“, sagt Markenchef Marc Templin und sieht die Boutique vor allem als Platz der Inspiration und Entspannung für Menschen mit dem gewissen Sinn fürs Schöne: „Wir wollen hier nicht Lexus als Autofirma in den Vordergrund rücken, sondern einen Platz schaffen, an dem sich Menschen in einer einladenden, modernen Atmosphäre mit spannendem neuen Design beschäftigen können.“

Die lackierten Einzelteile eines Lexus schmücken die Wand des Showrooms in der Boutique in Tokio

Denn Design, so philosophiert der Markenchef, solle künftig der kleinste gemeinsame Nenner der Lexus-Gemeinde werden. „Das ist unsere gemeinsame Sprache, mit der wie die Kunden aus aller Welt erreichen“, sagt Templin und hat damit noch einen gewissen Nachholbedarf. Denn während Marken wie Mercedes oder BMW in rund 200 Ländern angeboten werden, kann man Lexus bis dato nur in 90 Ländern kaufen.

Natürlich auch in Japan, nur eben nicht im Aoyama-Distrikt. In einem Stadtviertel, in dem der Quadratmeter Bauland schnell mal 20 000 Dollar kostet und die Leute mittlerweile viel lieber bummeln als auf der alten Prachtmeile Ghinza, leistet sich die Marke einen kleinen Palast mit zwei Etagen von jeweils knapp 200 Quadratmeter, auf denen man deshalb jede Menge Luxus sieht – aber keine Limousinen.

Inspiriert von britischen Herrenclubs

Gestaltet von Star-Designer Masamichi Katayama und seiner Firma Wonderwall, ist die Intersect-Boutique eingerichtet wie eine Mischung aus Nobel-Bistro, Luxuskaufhaus und Szene-Club. 15 Mitarbeiter servieren dort organischen Kaffee, grünen Tee und gesunde Snacks, verkaufen Designer-Accessoires japanischer Edel-Manufakturen oder bitten zur Lesestunde in der luftigen Bibliothek und zeigen dabei stolz auf Dutzende Regalmeter voller Autobücher. Aber selbst da üben die Japaner eine vornehme Zurückhaltung: Man sieht erst Dutzende von Bildbänden über Porsche und Ferrari oder die üblichen Kompendien zu Mercedes, BMW oder Chevrolet Corvette, bis man endlich mal ein Buch über Toyota oder Lexus entdeckt. Ja sogar englische Kleinwagen sind in den Regalen besser repräsentiert als die Marken, die diesen Tempel hier bezahlen.

Das Ambiente ist inspiriert von den britischen Herrenclubs, sagt Designer Katayama und freut sich, wenn geladene Gäste oder Laufkundschaft in seinen Laden kommen, um zu lesen, zu arbeiten, zu diskutieren oder „einfach nur um bequem abzuhängen“. Und wenn sie dort tatsächlich Autos sehen wollen, müssen sie halt ein Buch aus dem Regal nehmen oder aufs Klo gehen. Dort nämlich hängen zumindest kunterbunte Spielzeugautos an der Decke.

Die Boutique bietet alles nur Erdenkliche, aber keine Autos

Bei aller Distanz zum ernsthaften Autohandel: Ganz so selbstlos und fern vom Geschäft ist die Boutique natürlich trotzdem nicht, verrät der Filialleiter. Er hat zwar draußen keine Parkplätze, hinter dem Haus keine Werkstatt und im Showroom keine Neuwagen. „Doch wenn sich bei uns jemand ernsthaft für einen Lexus interessiert, wird ihm natürlich geholfen“, sagt der junge Mann mit Maßanzug und feinsten Manieren.

Noch während der Gast seinen Tee schlürft oder die Designermode im ersten Stock bewundert, glühen hinter den Kulissen die Drähte, und seine Mannschaft schaltet einen konventionellen Händler ein: „Im besten Fall wartet der schon daheim zur Probefahrt, wenn der Interessent nach seinem Bummel durch die Boutique wieder nach Hause fährt.“

Deutschland ist den Japanern für so ein Projekt zu klein

Lexus liegt mit seinem Boutique-Konzept voll im Trend. Denn überall auf der Welt drängen vor allem die Nobelmarken mit neuen Flagship Stores in die Szeneviertel und Shopping Malls der Reichen und Schönen: Egal ob auf der Rubljowka im stacheldrahtumzäunten Luxus-Outlet vor den Toren von Moskau, im vornehmen Sunlitun-Center im Botschaftsviertel von Peking, der Westfield Mall zwischen Santa Monica oder Beverly Hills – überall findet man zwischen Designer-Boutiquen, Apple-Stores und noblen Juwelieren mittlerweile auch ein Schaufenster für PS-Pretiosen von Ferrari, Lamborghini, Porsche oder Brabus. Obwohl Deutschland bei dieser Entwicklung deutlich hinterherhinkt, kann man das zum Beispiel beim Elektro-Pionier Tesla sogar in Frankfurt sehen. Zwar haben die Amerikaner ihre Werkstatt wenig schmuck und weit draußen in der Hanauer Landstraße. Doch ihr wichtigster Showroom ist direkt am Opernplatz auf der Laufmeile von Brokern und Bankern.

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So weit wird es mit Lexus und seinen Boutiquen vorerst wahrscheinlich nicht kommen, räumen die Japaner ein. Nicht dass so ein nobles Autohaus ohne Autos nicht auch prima in die Goethestraße passen würde. Doch nach Tokio stehen jetzt erst einmal Dubai, New York und in Europa allenfalls noch London auf dem Zettel der vornehmen Toyota-Schwester. Deutschland dagegen, so sagt es Firmenchef Templin, ist den Japanern für so ein Prestige-Projekt schlichtweg zu klein. Denn man muss in einem Land schon verdammt viele Zulassungen machen, damit man sich dort einen Showroom ohne Autos leisten kann.