
Mehr Bewegung war selten im Reich der mobilen Formen. Die Phasen der Stagnation scheinen vorüber, und die Prinzipien des Aufwärmens bewährter Rezepte verlieren ihren Einfluss.
Für die formale Unruhe sind vor allem eine technische und eine modellpolitische Entwicklung zuständig: Auf der Technikseite ist das Aufkommen der Elektroautos zu vermerken. Die Phase der Installation von E-Technik in konventionelle Karossen ist zwar noch nicht vorüber, aber die Designer haben die Herausforderung des neuen Antriebs angenommen. Doch wie es aussieht, können sie noch nicht zum Wohle der Schönheit damit umgehen. Die allgemeine Modellentwicklung hat sich mit der Neigung, alle Lücken zu schließen und fast täglich neue Nischen zu erfinden, der Vielfalt verschrieben: Viertürige Coupés, flachere Geländewagen und Buckel- oder Stufenhecklimousinen haben bei nahezu allen Herstellern zu einer Explosion der Baureihen und Varianten geführt.
Weitere Fortschritte in der Verzahnung der Technik und im kostengünstigeren Karosseriebau ermöglichten das Aufplatzen der Modellfamilien. Mehr Variationen vom Thema des Vehikels auf vier bis zum Boden reichenden Rädern für den freudvollen Transport menschlicher Existenzen hat es seit hundert Jahren nicht gegeben. Und dem Design ist die Aufgabe zugefallen, einerseits die Marken- und Familienähnlichkeit zu erhalten und andererseits jede Version als eigenständig und gleichzeitig als zugehörig einzukleiden. Das gelingt nicht immer.
Für die Beschreibung von Lage und Stimmung des Autodesigns sollen einige herausragende Modelle dienen. BMW i3 und Tesla Model S sind Elektroautos, jedes unverschämt teuer, und nur der BMW ist unverschämt anders, der Tesla folgt mit gleitender Seifigkeit formal belanglos den üblichen Nobel-Vorgaben. Die neue Mercedes-Benz S-Klasse ist abermals ein Ereignis und wieder ein Auto, das nicht einfach im Duft der großen Welt vorüberfährt. Für Jaguar ist der F-Type als Roadster und als Coupé fast so scharf wie der E-Type damals und im Stil unvergleichlich britisch, von herrlicher Arroganz für alle, die keinen Aston Martin und keinen Heckmotor (911er) wollen. Das F-Coupé wirkt in seiner komprimierten Sportlichkeit dichter und präziser als der Roadster, der noch frugaler und leichtfüßiger sein müsste, um die einstige Herrlichkeit zu beleben.
Britisch-indisches Ereignis: Die Rückkehr des E… Bilderstrecke
Die jungen Opel Adam, Mokka und selbst der seriösere und gesetztere Kundschaft anpeilende Offen-Cascada tragen die Züge eines neuen Markenverständnisses: Nicht allen will es Opel recht machen, sondern jenen, die sich bewusst entscheiden. Dabei ist das Adam-Risiko sehr überschaubar: Das Formenrezept mit den weit nach außen gerückten Rädern ist seit langem bekannt, aber das Dach und das Heck gehen eine unerwartet dynamische Verbindung ein, Adam ist attraktiv, dazu gehört auch das von außen zugängliche Handschuhfach, sonst Kofferraum genannt.
Keine Marke ist zurzeit schwerer einzukleiden als Renault. Einerseits muss der Abstand zur Zweitmarke Dacia und zum rustikal-erfolgreichen Duster stimmen, andererseits dürfen die Franzosen zum Beispiel mit dem schnieken Captur nicht abheben. Aber sein Charakter ist definiert von französischem Design, das vor allem eine überschäumende Lebensfreude auf Rädern selbst in triste Alltage trägt. Die Räder wirken wegen des kräftig-muskulösen Aufbaus ein wenig unterdimensioniert, aber die Front ist einprägsam strukturiert, und die Flanken mit dem dynamischen Kantenverlauf bringen das Auto schon im Stand auf Touren.
Peugeot sucht mit dem neuen 308 zwischen deutscher Nüchternheit und französischem Charme seinen soliden Pfad, ist aber mit guten Proportionen und einem rassig-raffinierten Heck auf dem richtigen Weg und sollte nicht daran zweifeln. Die Sensation im technischen und gestalterischen Autoleben der Gegenwart ist der BMW i3, er wird eine tüchtige Spanne in die Zukunft reichen. Er ist die entscheidende Zutat im automobilen Eintopf. Ob BMW der Konkurrenz damit die Suppe versalzen kann, ist und bleibt spannend. Weshalb sich der in letzter Konsequenz verantwortliche BMW-Chef Norbert Reithofer dafür entschieden hat, sein Sensations-Mobil so und nicht anders bauen zu lassen, ist womöglich den Wirkungen eines Föhn-Sturms über München zuzurechnen.
