Auto & Verkehr

Honda CB 650 F: Rückschritt als Fortschritt

• Bookmarks: 17


Jahrzehntelang ging die Motorradentwicklung in Richtung stets höherwertiger Technik. Mit der neuen CB 650 F hat Honda diesen unumkehrbar scheinenden Trend gestoppt und radikal umgekehrt.

Jahrzehntelang ging die Motorradentwicklung in Richtung stets höherwertiger Technik: Aus dem einst kaum wahrnehmbaren stählernen Rückgrat wurden protzige Aluminiumrahmen, aus schmächtigen Telegabeln fette Upside-down-Gabeln und aus der schlichten Handbremse fürs Vorderrad und der zusätzlichen Fußbremse hinten wurden Hightech-Verzögerungsanlagen mit Kombinationsfunktion für Vorder- und Hinterrad zugleich (bei Honda Dual Combined Brake System genannt und Dual-CBS abekürzt). Mit der neuen CB 650 F hat Honda diesen unumkehrbar scheinenden Trend gestoppt und radikal umgekehrt.

Ihr 650-Kubik-Reihenvierzylinder leistet mit 87 PS (64 kW) rund 20 PS weniger als der des 600-Kubik-Vorgängermodells CB 600 Hornet, der Rahmen besteht aus Stahl statt Alu, der Honda-Stolz „Dual Combined ABS“ wurde zugunsten eines schlichten Zweikanal-ABS ausgemustert, die Gabel weist keinerlei Einstellmöglichkeiten mehr auf, und, und, und. Und trotzdem: Die CB 650 F ist ein fein zu fahrendes, in sich sehr stimmiges Motorrad geworden. Eines für Leute wie du und ich, und auch die Partnerin wird prächtig damit zurechtkommen.

Denn diese leichte und leicht zu fahrende Honda ist beinahe ein Alleskönner geworden. Ihr Stahlrahmen aus ovalen Rohren ermöglicht eine sehr schlanke Statur, lediglich 208 Kilogramm bringt sie vollgetankt auf die Waage. Der für einen Reihen-Vierzylindermotor dieser Größe gute Durchzug, die sehr entspannte Sitzposition unterstützen die einfache Handhabung, ebenso die sehr brauchbare Grundabstimmung des Fahrwerks – Nachjustierungsmöglichkeiten überflüssig. Das Zweikanal-ABS wird gegenüber dem weit schwereren CBS-ABS in keiner Situation als Rückschritt empfunden.

Die erste Test-Ausfahrt offenbarte aber nicht nur eine ausgeprägte Handlichkeit der CB 650 F, sondern auch ihre mehr als ausreichende Motorleistung. Wer vom Führerschein A2 kommt oder bisher irgendein Mittelklasse-Motorrad der Klasse von 50 bis 70 PS gefahren hat, wird jauchzen vor Freude. Für die noch im fahrerischen Entwicklungsstadium begriffene Zielgruppe hat Honda ein von seinen Rahmendaten her zwar schlichtes, aber sehr gut funktionierendes Motorrad entwickelt. Es funktioniert nämlich – abgesehen von einem etwas ruppigen Leistungseinsatz beim Wechsel von Gas zu/Gas auf – wunderbar geschmeidig. Da vermisst man weder eine Traktionskontrolle noch die Möglichkeit, unter mehreren Motormappings wählen zu können. Auspuffanlage, Räder, Schwinge sind ausgesprochen hübsch. Was fehlt ist eine Ganganzeige, aber ansonsten erfüllt die CB 650 F die Grundbedürfnisse für großen Motorradspaß abseits der Autobahnen, auch wenn sich wahre Könner am Lenker vielleicht unterfordert fühlen.

7955 Euro kostet die neue Honda, die dieser Tage bei den Händlern erscheint. Das sind etwa 600 Euro weniger, als für die schon erwähnte CB 600 Hornet verlangt wurde. Doch zugleich ist das nicht wenig, wenn man bedenkt, dass die Maschine zur Gänze in Thailand gebaut wird (Verarbeitungs-Nachteile bringt das, jedenfalls auf den ersten und zweiten Blick, nicht mit sich).

Nicht wenig auch, wenn man zur deutlich leistungsfähigeren neuen Yamaha MT-09 für einen ähnlichen Preis hinüberschielt, die zudem „Made in Japan“ ist und nicht ohne Grund in Deutschland in den ersten drei Monaten mit fast 900 Neuzulassungen auf Anhieb auf Rang zwei Modell-Hitliste geprescht ist. Insofern ist es vielleicht klug, dass Honda-Deutschland für 2014 nur 900 Stück geordert hat. Andererseits: Das Zeug zu einem durchschlagenden Erfolg hätte die CB 650 F.