
Der Sommer kommt und zwei hinreißende Varianten zum offenen Fahren mit ihm: BMW 4er Cabriolet und Porsche Targa. Aber diese Dächer! Sie bewegen sich zwischen Genie und Irrwitz.
Als wir uns vor rund 15 Jahren einen Mercedes-Benz SLK Roadster zulegten, dachten wir, kompliziertere Dachkonstruktionen wird es wohl nicht mehr geben. Nun fahren Porsche und BMW ihre neuesten Kreationen für das offene Vergnügen in den Sommer, und der Cabriolet-Fan kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Schon schüttelt ihn der Gedanke an einen Schaden. Werden diese Gebilde zu reparieren sein? Werden sie auch noch klaglos funktionieren, wenn das Auto zum hundertsten Mal schräg auf dem Bürgersteig steht? Muss das alles denn so kompliziert konstruiert werden?
BMW sagt ja, denn aus dem einstmals schlicht-schönen 3er Cabriolet mit Stoffdach ist ein aufwendiges 4er Cabriolet mit Blechdach geworden. Die amerikanische Kundschaft schätzt die Alltagstauglichkeit der harten Hülle, und da die meisten dieser Cabriolets in den Vereinigten Staaten verkauft werden, ist des dortigen Kunden Wunsch Befehl. In einer schier unglaublichen Prozedur legt sich das dreiteilige Dach in- und übereinander und verschwindet unter dem weg- und hinklappenden Heckdeckel. Das soll in 20 Sekunden erledigt sein, wir stoppten deren 26. Der Vorgang des Öffnens und Schließens gelingt auch während der Fahrt, freilich nur bei schleichender, bis 18 km/h.
Stauraum schwer erreichbar
Damit die Linie nicht ruiniert wird, müssen sich die Dachteile möglichst tief im Kofferraum stapeln, was den dortigen Vorrat an Stauraum weitgehend zunichtemacht. Besonders hinderlich ist die Tatsache, dass für Taschen meist zwar etwas Luft unter dem geöffneten Dach bleibt, man an selbige aber nicht herankommt, weil das zusammengefaltete Dach im Weg liegt.
Das versucht BMW nun mit einer Hebeeinrichtung zu lösen. Der Weg zum Glück verläuft in etwa so: Heckdeckel von Hand öffnen (schwergängig). Dach auf Tastendruck elektrisch anheben (fährt hoch über die Karosserie hinaus wie ein Gabelstapler). Gepäck einladen. Dabei darauf achten, dass sich nichts in dem Sammelsurium aus Stangen, Buchsen und Scharnieren verklemmt. Abdeckklappe händisch über das Gepäck ziehen und einrasten. Dach elektrisch absenken und warten, bis es an allen Punkten hörbar verriegelt. Heckklappe von Hand schließen (wieder schwergängig). Zum Ausladen das Ganze in umgekehrter Reihenfolge.
Der von den Bayern betriebene technische Aufwand ist bemerkenswert. Vier Elektromotoren sind im Einsatz, einer am Windlaufverschluss, zwei in der Kinematik des Heckmoduls und einer in der Hydraulikeinheit für die Radialkolbenpumpe. Acht Hydraulikzylinder braucht es dafür. Besonders die Führung der außenliegenden Lenker sei eine Herausforderung gewesen, sagen die Ingenieure. Größere Kopfschmerzen bereitete ihnen die Abstimmung mit dem Design, denn die „Wahrung der Linie bei geöffnetem Dach war ein Muss“.
Ausgefallenes Material ist nicht gefragt, die Schalen sind wie beim Vorgänger aus Stahl, denn nur mit Stahl konnten die Radien und Flächen wie gewünscht geformt werden. Indes kommt eine spezielle Steuerungssoftware zum Einsatz, die nur für das 4er Cabriolet entwickelt wurde. Die gesamte Konstruktion wiegt rund 155 Kilogramm und hat vier Jahre Entwicklungszeit verschlungen. Und falls doch mal etwas beschädigt wird? BMW verweist auf seine Vertragswerkstätten, die Servicemitarbeiter seien extra mit besonderen Schulungen bedacht worden.
Spektakuläre Kunststücke beim Porsche Targa
Am neuen Porsche Targa vollzieht das Dach nicht minder spektakuläre Kunststücke. Vorbei ist die Zeit, da das Dachteil mit zwei Handgriffen herausgenommen und verstaut oder in der heimischen Garage abgestellt wurde. Nun öffnet auch der Targa elektrisch. Das Glasteil fährt nach hinten weg, das Dach legt sich über den Motor ins Heck, das Glasteil fährt wieder vor. 19 Sekunden dauert das. Weil die große Heckscheibe wie ein mächtiger Windfang wirkt, funktioniert die Betätigung nur im Stand. Schon so hat die Mechanik jede Menge zu leisten. Allein die große Heckscheibe wiegt einschließlich Verdeckkastendeckel rund 35 Kilogramm.
