
Wolfsburg, Ingolstadt, München, Stuttgart? Klammheimlich steigt Leipzig in die erste Liga der Autostandorte auf. Mit BMW, Porsche und politischem Pragmatismus.
PreviewPagemarker“ id=“pageIndex_1″>Leipzigs ältester, größter und schönster Brunnen, der Mendebrunnen auf dem Augustusplatz, ist zurzeit nicht zu sehen. Er ist eingerüstet und verhüllt. Er wird restauriert. Vor gut 130 Jahren hat eine Kaufmannsfrau, so sagen die einen, Marianne Pauline Mende, der Stadt Leipzig 150 000 Goldmark testamentarisch vermacht, um davon einen Brunnen zu bauen. Doch die Leipziger Stadtherren taten sich schwer, das großzügige Geschenk anzunehmen. Denn Marianne Mende, so erzählen die anderen, soll nicht nur wohlhabende Kaufmannswitwe, sondern auch Betreiberin eines Bordells gewesen sein.
Autor: Peter Schilder, Jahrgang 1950, politischer Korrespondent in Sachsen.
Dieser Umstand ist bis heute nicht bewiesen, aber die Rede davon hält sich hartnäckig. 1886 wurde der Brunnen offiziell eingeweiht. Nun ist es wieder einmal Zeit, das Schmuckstück vor dem Gewandhaus zu restaurieren. Auf der Sichtblende prangt das Signet von Porsche und dazu der Schriftzug „Immer voraus“. Porsche hat etwa 60 000 Euro zu der Sanierung dazugegeben.
Niemand in Leipzig hat gezögert, das Geld von Porsche anzunehmen, denn für solche „Verschönerungsmaßnahmen“ ist das Geld knapp. Und Porsche hat nicht gezögert, wieder einmal in der Stadt Flagge zu zeigen. Porsche ist schon Sponsor und Förderer des Gewandhausorchesters. Anders gesagt: Porsche ist in Leipzig zu Hause. Oberbürgermeister Burkhard Jung will sogar eine größere Dichte an Porsche als anderswo im Stadtbild ausgemacht haben. Dabei dürften in Leipzig die potentiellen Porschefahrer eher dünn gesät sein, kämpft doch die Stadt immer noch mit dem zähen Image des Armenhauses.
Jung hat nicht nachgezählt und nicht nachzählen lassen und ist sich doch seiner Beobachtung sicher. Der Oberbürgermeister freut sich einfach, wenn er Fahrzeuge der Marken Porsche und BMW auf den Straßen sieht. „Ohne BMW und Porsche könnten wir hier die Lichter ausmachen“, sagt er. Dabei geht es nicht nur um die kleinen Wohltaten für das Gewandhausorchester und den Mendebrunnen: Die beiden Automobilhersteller sind die größten Gewerbesteuerzahler der Stadt. „Das hat uns nach vorne geschossen“, weiß Jung und stellt zufrieden fest: „Wir sind jetzt eine Autostadt.“
Das ist ein Attribut, an das sich die Leipziger selbst noch gewöhnen müssen und das außerhalb Überraschung hervorruft. Messestadt Leipzig, das kennt fast jeder aus langer Tradition. Kunststadt ist Leipzig spätestens, seit die Leipziger Schule und Neo Rauch Furore auf dem Kunstmarkt gemacht haben. Die Buchstadt Leipzig, die viele Verlage verloren hat, kämpft sich in diesen Tagen abermals mit der Leipziger Buchmesse auf der literarischen Bedeutungsleiter weiter nach oben. Und jetzt eben die Autostadt Leipzig.
Die Zahlen sprechen für sich. Man muss nur hinschauen. Etwa 300 000 Autos werden in Leipzig jährlich produziert mit steigender Tendenz. Da sind 100 000 Porsche und somit mehr, als im Stammwerk Stuttgart-Zuffenhausen gebaut werden. Der neue Macan läuft dieser Tage an. Und gerade erst hat Porsche angekündigt, die Karosseriefertigung des Panamera von Hannover nach Leipzig zu verlegen. Der Porsche-Vorstandsvorsitzende Matthias Müller lobte kürzlich zum Produktionsstart des Macan das pragmatische Vorgehen der Politiker in Stadt und Land. Hier würden Industrieinteressen verstanden. Auch 200 000 BMW in vier verschiedenen Modellreihen sind ein Wort und auf Augenhöhe mit der Heimat in München. Hinzu kommt der elektrische BMW i3, der ausschließlich in Leipzig gebaut wird und dessen Zukunft eben erst begonnen hat.
Mehr als 8000 Menschen haben dauerhaft Arbeit in den beiden Autowerken, etwa 6000 bei BMW und 2500 bei Porsche. Dazu kommen noch die Arbeitsplätze bei Zulieferern und Dienstleistern. Der Oberbürgermeister schätzt die Zahl der Arbeitsplätze, die unmittelbar mit dem Automobilbau zusammenhängen, auf 25 000. Das ist jeder zehnte Arbeitsplatz in Leipzig. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Die Autobauer verdienen durchschnittlich mehr als der Durchschnitt gewerblicher Arbeitnehmer. Beide Unternehmen haben durch Haustarifverträge unterschiedliche Einkommensstrukturen, die sich nur schwer vergleichen lassen, aber im Endergebnis wird annähernd das Gleiche verdient. So kann man für einen Montagearbeiter etwa 3000 Euro monatliches Grundgehalt annehmen, das über diverse Zusatzvereinbarungen auf fast 50 000 Euro im Jahr ansteigt. Das ist weniger, als die Kollegen in westdeutschen Autowerken verdienen, aber deutlich mehr, als für vergleichbare Arbeit in Leipzig gezahlt wird. Solche Arbeitsplätze sind begehrt. Bei Porsche gab es jüngst für 1500 neue Arbeitsplätze 50 000 Bewerbungen. Wer bei Porsche oder BMW einen festen Arbeitsplatz hat, gibt den auch so schnell nicht wieder her. Die Fluktuation tendiert in beiden Werken gegen null.
