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Scania und MAN : Schwer vermittelbar

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Die ehemaligen Konkurrenten Scania und MAN sollen unter VW-Regie gemeinsame Sache machen. Das bedeutet viel Arbeit für die neue Führungsmannschaft bei Volkswagen.

Vielleicht muss man es sich so vorstellen: BMW und Mercedes-Benz müssten plötzlich zusammenarbeiten. Die Eigenständigkeit wird aufgegeben, um Kostenvorteile aufgrund vieler Gleichteile zu erzielen. Das ist schwer vorstellbar. Doch vor einer ähnlichen Aufgabe steht der ehemalige Daimler-Truck-Vorstand Andreas Renschler. Er soll unter dem Volkswagen-Dach eine gesunde Ehe zwischen MAN und Scania stiften, die einen finanziell relevanten Sinn ergeben muss. Sonst hätte sich VW nicht bei Scania engagieren brauchen.

Die Hindernisse sind hoch, selbst wenn man die emotionale Komponente weglässt: Aus München und Södertälje kommen nicht nur unterschiedliche Produkte, auch die grundsätzliche Philosophie ist eine andere. Der MAN-Lastwagen setzt mehr auf Zukaufteile wesentlicher Fahrzeugkomponenten wie Getriebe oder Achsen. Bei Scania hingegen folgt man der Linie vom integrierten Lastwagen. Vom Chassis über die Kabine und den Antriebsstrang, vom Motor über das Getriebe bis zu den Achsen: es wird alles selbst entwickelt und produziert. Die Recken aus Schweden sehen sich nicht zuletzt deshalb als Crème de la Crème unter den Lastwagenbauern. Das Selbstbewusstsein jedes Mitarbeiters ist groß. Aber eine Motorenfamilie für MAN und Scania, eine Getriebefamilie für beide Marken und idealerweise am Ende auch noch eine gemeinsame Kabinengrundstruktur scheinen unerreichbar. Jeder hat Angst, Eigenständigkeit zu verlieren.

Nichts passt zueinander

Noch ist alles verschieden, und nichts passt zueinander. Außer der Tatsache, dass MAN und Scania an grundlegend neuen Modellen arbeiten. Bei MAN soll die 14 Jahre alte TGA-Baureihe abgelöst werden, bei Scania reichen die technischen Grundzüge der Fahrerhäuser in den aktuellen R- und G-Baureihen bis ins Jahr 1995 zurück. Daher wundert es nicht, dass derzeit in einschlägigen Trucker-Medien vermehrt Erlkönigfotos vom neuen Scania auftauchen. Wie es scheint, ist es für eine technische Zusammenlegung mit dem ebenfalls in Arbeit befindlichen MAN-Nachfolgemodell zu spät. Oder ein Modell wird gestrichen – mit der Folge von großem Unmut in München oder Schweden.

Belässt man es, wird sich die Integrationsarbeit auf die Aggregate konzentrieren. Das macht die Sache für Renschler und sein zu formierendes Team nicht leichter. Immerhin sind schon viele Millionen Euro für das Erreichen der seit Januar geltenden Euro-VI-Abgasnorm in beiden Häusern getrennt verfeuert worden.

Dabei sind die Maschinen, mit denen MAN und Scania ihre schweren Lastwagen von nun an ausrüsten, gar nicht so unterschiedlich. Beide Hersteller haben in den vergangenen Jahren gelernt – und dabei einiges an Lehrgeld gezahlt -, dass sie die Euro-VI-Norm eigentlich mit ähnlichen technischen Maßnahmen erreichen. Der schwedische Grundmotor ist ein Sechszylinder-Turbodiesel mit einem Hubraum von 12,7 Liter. Das bayerische Gegenstück kommt auf 12,4 Liter und leistet 480 PS (353 kW) sowie 2300 Newtonmeter Drehmoment. Scania schafft deutlich mehr: 2550 Nm und 490 PS (360 kW). Für die Leistungsklassen um 400 PS setzen beide Unternehmen stark gedrosselte Varianten ein.