
Keiner unterbietet die Preise von Dacia. Der Sandero Stepway ist dafür der jüngste Beweis – und jetzt kommt sogar etwas Lifestyle ins Spiel.
Es ist noch nicht lange her, da traten Runzelfalten auf die Stirn anspruchsvoller Autofahrer, wenn am Stammtisch das Wort Dacia fiel. Viel mehr als ein müdes Lächeln hatten ambitionierte Chauffeure kaum übrig für die grobgestrickte Ostware.
Aber den Rumänen kam die Wirtschaftskrise zupass, zu kaum schlagbaren Preisen rollten neue Dacia auf die Parkplätze jener, die sich sonst, wenn überhaupt, mit einem Gebrauchtwagen hätten zufriedengeben müssen. Und heute gestattet Renault der Billig-Tochtermarke sogar einen Hauch von Esprit und Design. Der im vorigen Jahr erneuerte Dacia Sandero macht jetzt sogar beim hochattraktiven Spiel der Maskenträger mit, die Karnevalssaison lässt grüßen. Als vermeintlicher Off-Roader sticht auch er über den Preis jene mit Gelände-Optik aufgehübschten Wagen aus, die als Töchter anderer Marken Cross, Scout oder Outdoor heißen. 13 790 Euro kostet die so spezialisierte Spitzenversion des Sandero Stepway nach einer Preissenkung um 200 Euro zu Beginn des Jahres, dafür gibt es einen 1,5-Liter-Dieselmotor mit 90 PS (66 kW) und auf 4,08 Meter Länge jede Menge serienmäßige Sonderausstattung (der Basis-Sandero mit 1,2-Liter-Motor und 75 PS kostet sogar nur 6890 Euro).
Der Schein trügt, ein bisschen zumindest. Der Sandero kommt als Stepway in gewohnter Manier, nämlich mit reinem Frontantrieb. Immerhin ist seine mit Kunststoffschwellern und angedeutetem Unterfahrschutz sowie einer Dachreling im Off-Road-Trimm gehaltene Karosserie um vier Zentimeter höhergelegt. Der Gewinn an Bodenfreiheit verspricht zumindest auf schlechten Wegen Vorteile.
Der Blick ins Innere offenbart freilich einen Teil der alten Laster. Völlig unverkleidet, wartet die Ladekante schroff vor dem wenigstens 320 Liter großen Kofferraum darauf, feine Taschen und Koffer zu beschädigen. Wie ein Rammsporn droht der Schließzapfen dem Gepäck. Der Mechanismus, mit dem sich die geteilt umlegbare Rückbank nach vorn klappen und das Transportvolumen auf immerhin 1200 Liter steigern lässt, könnte aus einem leichten Armeelastwagen der Vorkriegszeit stammen, aber er funktioniert tadellos und überraschend leichtgängig.
Vorn hat Dacia den Sandero feiner eingekleidet als seinen Vorgänger. Die scharfen Grate an den Kunststoffverkleidungen sind verschwunden, Damen dürfen wieder ins Handschuhfach fassen, ohne um den Nagellack fürchten zu müssen. Selbst die skeptische Begutachtung der Plastikdeckel unter der Lenkradverstellung offenbart mehr Sorgfalt bei Materialwahl und dessen Formgebung. Die Oberflächen wirken schlicht, aber nicht so billig wie bisher.
Die Schalttafel ist aufgeräumt, die Funktionen der einzelnen Bedienelemente erklären sich selbst. Alles findet sich dort, wo wir es erwarten, oder ist zumindest klar und eindeutig gekennzeichnet. Der Lehre von der Aussagekraft des Symbols wird eine gesteigerte Aufmerksamkeit zuteil. Einzig die Taste der Hupe ist wie in trüben Vorzeiten in das Ende des Blinkerhebels integriert, eine höchst unbeliebte Stelle dafür. Die Funktion des Komfortblinkens durch Antippen des Hebels fehlt ebenfalls, die Tasten für die Bedienung der elektrischen Fensterheber sitzen tief in der Mittelkonsole, auch diese Position ist die denkbar schlechteste. Dafür brilliert der Sandero zumindest im Ausstattungsniveau Prestige mit einem serienmäßigen Navigationssystem samt CD-Radio, dessen Bildschirm in günstiger Höhe die Mittelkonsole dominiert. Der Farbmonitor ist wunderbar ablesbar und spiegelt bei Sonneneinstrahlung nicht. Sieben Zoll misst die Bildschirmdiagonale, da braucht es keine überschlanken Finger, um das Touchscreen-Display zu bedienen. Der Bordcomputer ist ebenfalls integriert, er gibt sinnvolle Reiseinformationen über Fahrzeit, Verbrauch und Reichweite.
Die ist bei einem Normverbrauch von 4,0 Liter Diesel für 100 Kilometer und einem Tankvolumen von 50 Liter sehr beachtlich. Theoretisch kommt der Stepway damit 1250 Kilometer weit, er emittiert dabei 105 g/km CO2. Der Praxiswert liegt ein gutes Stück darüber. 5,2 Liter dürfen es schon sein, wenn man den Vierzylinder nicht allzu kräftig fordert. Bei 6,8 Liter auf 100 Kilometer lag unser höchster Verbrauchswert, bei 4,1 Liter der niedrigste. Der Diesel arbeitet kernig und nicht besonders leise, aber wir bewegen uns in der Kompaktklasse und wollen nicht zu kritisch sein. Das Durchzugsvermögen ist anständig, 220 Newtonmeter bei 1750 Umdrehungen in der Minute machen den Dacia munter, ohne dass die Schaltarbeit mit dem Fünfganggetriebe zur Dauerbeschäftigung wird, die Gänge lassen sich hinreichend genau und leicht wechseln. 11,8 Sekunden dauert der Sprint von 0 auf 100 km/h. Der Federungskomfort ist gut, allerdings wankt die Karosserie in Kurven kräftig, und der Fahrtwind heult ab 130 km/h um die Streben der Dachreling. Für aerodynamische Feinarbeit war beim Stepway offenbar kein üppiges Budget vorgesehen. Lenkung und Bremsen lassen sich mit Feingefühl bedienen, zumindest hier zeigt der geschminkte Sandero nicht mehr die Gene eines Billigautos.
Wohl aber bei den Sitzen. Sie bieten weder Seitenführung, noch ermöglichen sie eine bequeme Körperhaltung. Ihr metallenes Innenleben drückt heftig durch die zarte Ummantelung aus dürftigen Polstern und dünnen Bezügen. Entgegen allen Erkenntnissen zur korrekten Sitzhaltung und Sicherheit raten wir zum Einsatz von zusätzlichen Auflagematten, die längere Strecken erträglicher machen.
Der Sandero Stepway ist ein wichtiges Modell für Dacia, um sich emporzuarbeiten. Der Pseudo-Off-Roader sieht gut aus, ist in der Prestige-Version komplett ausgestattet und verrichtet seine Aufgaben mit Zuverlässigkeit und einem gewissen Komfortangebot. Billiger können das vermutlich nur die Chinesen.
