
Im VW Golf R schlägt der Puls der Rennstrecke. Im Race-Modus stürmt der allradgetriebene Zweitürer los, dröhnt und röhrt wie drei Rudel Höllenhunde. Eine erste Probefahrt.
Bei den modernen Allradantrieben müsse man alles vergessen, was man bisher über das Driften wusste, sagt Matthias Kahle. Der Mann muss es wissen, sieben-Mal hat er die deutsche Rallyemeisterschaft gewonnen. Den Golf R 4motion hat er aufs Eis der zugefrorenen Seen im eisigen Nordschweden gestellt. Seitdem bemühen sich üppig spikebewehrte Winterreifen, 300 PS (221 kW) und 380 Newtonmeter Drehmoment in Vortrieb umzuwandeln.
Es ist die vierte Generation des Golf R, die alle Rekorde bricht. Als R32, noch mit sechs Zylindern und 3,2 Liter Hubraum, ging die Erstauflage 2002 an den Start, die jetzt vorgestellte Version schöpft aus nur zwei Liter Hubvolumen 59 Turbo-PS mehr. Und sie kann vieles besser als der Ahn. Er sei die Obergrenze des Golf-Potentials, sagt VW-Entwicklungschef Hans-Jakob Neußer und verweist auf die Runde über die Nürburgring-Nordschleife. Die legt der Golf R 15 Sekunden schneller zurück als sein direkter Vorgänger. Und der hatte 2009 immerhin schon 265 PS.
Dröhnt und röhrt wie drei Rudel Höllenhunde
Im schwedischen Schnee kurz vor dem Polarkreis fühlt sich das Kracherle geschmeidig an wie ein Eisbärfell. Das Interieur ist mit einer Leder-Stoff-Kombination verschönert, das kleine, unten abgeflachte Lenkrad schmiegt sich in die Handflächen, und mit dem verkürzten Schalthebel wechseln sich die sechs Gänge blitzschnell. Auch außen herrscht vornehme Zurückhaltung. 17-Zoll-Räder, größere Bremsscheiben und ein Diffusor samt Vierrohr-Auspuffanlage am Heck sind neben dem vielerorts angebrachten R-Symbol die einzigen Hinweise auf den Athleten-Status.
Nach dem Start mit Tastendruck klingt die Maschine, die auch im Audi S3 Verwendung findet, noch verhalten. Das ändert sich nach der Auswahl des Race-Modus über die Fahrprogrammwahl. Der Golf strafft sich, macht das Fahrwerk härter und den Antriebsstrang präsenter. Dann stürmt der allradgetriebene Zweitürer los, dröhnt und röhrt wie drei Rudel Höllenhunde und lässt sogar einen Porsche Boxster an der Ampel stehen. 5,1 Sekunden genügen ihm für den Sprint bis 100 km/h, mit der optionalen Doppelkupplungsautomatik (Aufpreis 1925 Euro) geht das sogar noch zwei Zehntelsekunden schneller. Die senkt auch den Normverbrauch von 7,1 auf 6,9 Liter Benzin für 100 Kilometer, das Spitzentempo ist dagegen immer elektronisch auf 250 km/h begrenzt.
Das Fahrerlebnis ist beeindruckend. Neben dem ungestümen Vorwärtsdrang erfreut die elektronische Spurstabilisierung, die sich stufenweise abschalten lässt. Sie genehmigt dann maßvolle Drifts, was Spaß macht, oder zieht sich ganz zurück- das sollten nur Könner ausprobieren. Hilfreich in allen Situationen ist das nachgeschärfte XDS+, das als elektronisches Sperrdifferential die kurveninneren Räder beim Einlenken leicht abbremst und den 1465 Kilogramm schweren Wagen mit Nachdruck in die Biegung zwingt.
Aber der Golf R kann auch anders. Im Eco-Modus gibt er sich wie ein gezähmtes Wiesel, flitzt immer noch gekonnt um die Kurven und bietet dabei einen angenehmen Fahrkomfort. Motor- und Auspuffklang sind gedämpft, mehr Wolf im Schafsfell geht kaum. 38.325 Euro kostet der stärkste Golf, den es je gab. Das mag manchem als zu viel erscheinen, der sich dann für einen 10.000 Euro billigeren GTI entscheidet. Oder wartet, bis der Polo als R-Modell antritt. Seinen Schatten und rund 250 PS (183 kW) warf er zumindest am dunklen schwedischen Morgen am Rande der Golf-R-Präsentation als Erprobungswagen voraus.
