
Noch völlig unbekannte Unternehmen bestimmen den Markt für den Fernbusverkehr. Das Angebot ist groß. Am Knotenpunkt Frankfurt kommt es regelmäßig zum Durcheinander an der Südseite des Hauptbahnhofs.
Ausgerechnet die Pioniere haben sich überrollen lassen. Wie hatte die Deutsche Touring darum gekämpft, einen Linienverkehr innerhalb Deutschlands aufzubauen. Wie hatten sich die Manager im Unternehmen gefreut, als ihre Busse wenigstens in der Nacht von Frankfurt nach Hamburg fahren durften – tagsüber wurde es ihnen untersagt. Wie hatten sie sich geärgert, als ihnen die Deutsche Bahn verbieten wollte, zusätzlich einen Linienverkehr zwischen Frankfurt und Dortmund einzurichten. Doch seit dem 1.Januar 2013, an dem die Fesseln für den Omnibusfernverkehr innerhalb Deutschlands gefallen sind, hält sich die Deutsche Touring, die ihren Sitz am Rebstock in Frankfurt hat, zurück. Sie fährt weiterhin nahezu ausschließlich ins Ausland, vorzugsweise auf den Balkan.
Und so bestimmen vor Jahresfrist noch völlig unbekannte Unternehmen den Markt, auf dem nach wie Gründerzeitstimmung herrscht. Frankfurt ist binnen weniger Monate zum Knotenpunkt eines für Deutschland neuen Verkehrsangebots geworden: Wer will, kann von der Südseite des Hauptbahnhofs mit dem Linienbus nicht nur in Metropolen wie Hamburg, Berlin und München reisen, sondern auch nach Speyer, Schwetzingen und Kaiserslautern. Die Faustregel: Fahrten mit dem Omnibus dauern länger als mit der Eisenbahn. Dafür sind sie aber billiger.
Preisen bleiben nicht so billig
Die Deutsche Bahn hat bisher nicht erkennbar auf die neue Herausforderung reagiert. Man werde sich bei der Bilanz-Pressekonferenz des Konzerns am 21.März dazu äußern, heißt es. Etwas anders sieht es bei den Mitfahrzentralen aus. Das Unternehmen Carpooling, das unter anderem die Internetplattform mitfahrgelegenheit.de betreibt, kündigte Mitte Dezember eine große Plakatkampagne an und fühlte sich zu dem Hinweis bemüßigt, dass das Mitfahren in einem anderen Auto nach wie vor die billigste Möglichkeit sei, durch Deutschland zu kommen. „Eine Fahrt im Fernbus kostet im Durchschnitt neun Cent pro Kilometer, eine Mitfahrgelegenheit nur sechs Cent.“Tatsächlich sind mit der Liberalisierung des Fernbusmarktes weder die Mitfahrbörsen zusammengebrochen, noch fahren die ICE leer durchs Land. So kann man zum Beispiel an einem Freitag für eine Fahrt von Frankfurt nach München zwar zwischen etwa 15 Busverbindungen wählen, doch die Deutsche Bahn bietet ungefähr 30 Verbindungen, und jeder ICE fasst ein Vielfaches der Fahrgäste, die in einen Omnibus passen.
Die Fahrt nach München kostet, wenn man zwei Wochen im voraus bucht, bei den verschiedenen Omnibus-Unternehmen gerade einmal zwischen 18 und 21 Euro. Die Deutsche Bahn verlangt als Sparpreis 29 Euro, im Regelfall aber deutlich mehr. Bei den äußerst niedrigen Preisen für eine Busfahrt wird es jedoch kaum bleiben, wenn sich der Markt erst konsolidiert hat und einige Teilnehmer ausgeschieden sind, womit alle rechnen.
Busse für vermeintliche Gruppenreise
Dass die Deutsche Touring aus Frankfurt schon jetzt nicht dabei ist, liegt an einem der Eigentümer der GmbH. Ungefähr ein Fünftel der Anteile gehört dem britischen Unternehmen National Express, das selbst mit der Marke City2city in den deutschen Markt eingestiegen ist. So bleibt der Deutschen Touring bloß, deren Tickets zu verkaufen.
Auch ein zweites Busunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet, das wie die Deutsche Touring zunächst ganz vorne dabei war, wurde schließlich doch auf die Plätze verwiesen: die von drei Studenten gegründete Dein Bus.de GmbH mit ihrer Zentrale in Offenbach. Sie hatte schon vor der Liberalisierung Schlagzeilen gemacht, als sie Linienverkehr so organisierte, dass jede Fahrt für sich genommen so aussah wie eine Gruppenreise. Solcher Gelegenheitsverkehr war aber auch damals nicht verboten, während Linienverkehr bis 2012 nur zulässig war, wenn er die Deutsche Bahn nicht störte.
Fahrer müssen allerhand leisten
Dass sich die drei Studenten tatsächlich postwendend in einem Rechtsstreit mit dem Staatskonzern wiederfanden, brachte ihnen viel Sympathie ein – bessere Startbedingungen verschaffte es ihnen nicht. Man wachse nicht so schnell wie andere, dafür aber stetig, heißt es aus der Offenbacher Zentrale. Als Marktführer mit einem Anteil von ungefähr vier Zehnteln gilt die Mein Fernbus GmbH aus Berlin. Auf Platz zwei folgt die Deutsche Bahn selbst, die schon seit eh und je nicht nur auf der Schiene unterwegs war- zu den Omnibusmarken des Konzerns zählt Berlinlinienbus. Das Angebot von ADAC und Deutscher Post ist zwar mit Getöse gestartet, hat jedoch zu den Branchengrößen noch nicht aufgeschlossen.
Bisher ist das Fernbusnetz sehr auf die großen Städte ausgerichtet. Außer in Frankfurt halten im Rhein-Main-Gebiet lediglich noch Omnibusse in Mainz, Wiesbaden, Darmstadt und Bensheim. Während andere Orte weiterhin links liegen gelassen werden, herrscht an der Südseite des Frankfurter Hauptbahnhofs ein großes Durcheinander. Die Busse drängeln sich dort an den Bürgersteigen, von modernen Abfahrtshaltestellen, auch nur einem Regenschutz, gar einem Omnibusbahnhof kann keine Rede sein. Er wird allenfalls dann Wirklichkeit, wenn der große Parkplatz einmal bebaut wird – ein Projekt, über das seit Jahrzehnten im Rathaus geredet wird. Dort heißt es immerhin, über eine Zwischennutzung des heutigen Parkplatzes würden Gespräche mit dessen Betreiber geführt.
Die Gewerkschaften halten sich mit Kritik am Omnibusfernverkehr bisher zurück. Man macht sich zwar Sorgen um die Lenkzeiten, doch eine allgemeine Fahrerknappheit sichert zumindest die Löhne- gezahlt würden 2000 bis 2400 Euro brutto, heißt es. Dafür müssen die Fahrer allerhand leisten, manchmal sogar Würstchen und Cola verkaufen. Ein Lokomotivführer würde sich das schärfstens verbitten. Noch ein Unterschied zwischen Bus und Bahn.
