
Der Minivan von Kia will Familien-Partner und ein Meister der Langstrecke sein. Dabei helfen ihm die mäßig sportliche Ausrichtung und ein gutes Raumangebot.
Ein gewaltiger Ruck hat das koreanische Unternehmen Kia in jüngster Zeit zum Hersteller moderner Fahrzeuge befördert. Aus den einst unansehnlichen Billigheimern sind vorzeigbare Autos geworden, deren Design keinen Vergleich scheuen muss und die dennoch nicht die Budgets preisbewusst kaufender Kunden sprengen. Einzig der Minivan Carens machte formal seinem bräsigen Namen alle Ehre, polarisierte die Meinungen genauso wie fermentierter Kohl, die Nationalspeise Kimchi.
Die dritte Neuauflage des Carens jedoch folgt aktuellen gestalterischen Tendenzen und orientiert sich am Geschmack der pragmatischen Autofahrer. Die Form folgt der Funktion, und ein Minivan soll nun einmal geräumig sein. Für 26.090 Euro gibt es bei Kia den 1.7 CRDi, einen Lademeister mit Dieselmotor, der zwar nicht übertrieben sparsam ist, aber seine 136 PS (100 kW) wirkungsvoll einzusetzen vermag. Eine niedrige Frontpartie mit dem markentypischen Kühlergrill in Hantelform macht die Karosserie nach vorn übersichtlich, nur die dicken A-Säulen beeinträchtigen die Sicht beim Abbiegen. Die abfallende Dachlinie schränkt das Raumangebot im Fond nicht ein, die drei Einzelsitze lassen sich um rund 20 Zentimeter in Längsrichtung verschieben, ihre Rückenlehnen stufenlos einstellen. Der Blick zurück wird vom hoch angesetzten Heckfenster behindert – gut, dass der Carens in der Ausstattungsversion Vision mit einer Rückfahrkamera ausgerüstet ist.
536 bis 1694 Liter Gepäck lassen sich über die niedrige Ladekante in den Kofferraum hieven, die Heckklappe öffnet weit, und eine herausnehmbare, in die Seitenwandverkleidung integrierte LED-Taschenlampe sorgt bei Dunkelheit für Beleuchtung. Selbst sperriges Gepäck lässt sich mühelos verstauen, da die Lehne des Beifahrersitzes nach vorn in eine waagerechte Position umklappt werden kann.
Beim Anfahren muss er zunächst tief durchatmen
Vorne sind die Platzverhältnisse im Innenraum nicht weniger großzügig bemessen, selbst Hünen finden am zweifach verstellbaren Lenkrad eine perfekte Position. Das allerdings ist mit Tasten und Reglern derart überfrachtet, dass selbst nach intensivem Kennenlernen des Carens über deren Aufgaben immer wieder aufs Neue gegrübelt werden muss. Die übrigen Funktionen erschließen sich dank einer weitgehend logischen Anordnung an der Schalttafel einfacher, die beiden Rundinstrumente sind, gleich bei welcher Lichteinstrahlung, stets gut ablesbar. Ablagen und Staufächer finden sich in großer Zahl, sogar im Boden des Fußraums im Fond gibt es Unterbringungsmöglichkeiten. Mit Zierrat geht Kia im Carens eher sparsam um, Anthrazit scheint die Lieblingsfarbe der Designer zu sein. Dafür kann der Minivan mit einer weitgehend ordentlichen Verarbeitung aufwarten. Die verarbeiteten Materialien fassen sich angenehm an, die Verkleidung des Armaturenbretts verzichtet auf spröde Härte und ist ebenso griffsympathisch wie die einzelnen Bedienungselemente.
Ein turbogeladener, direkteinspritzender Vierzylinder mit 1,7 Liter Hubraum treibt den Diesel-Carens an. Mit dem Zündschlüssel gestartet, brummt er verhalten im Leerlauf los, das Geräusch steigert sich bei höheren Drehzahlen deutlich. Das manuelle Sechsganggetriebe glänzt mit präziser Führung und kurzen Hebelwegen. Obwohl der Diesel sein Spitzendrehmoment von 331 Newtonmeter schon bei 1750/min bereitstellt, muss er beim Anfahren zunächst tief durchatmen, bevor er beherzt für Vortrieb sorgen kann. Unterhalb von 1500/min fehlt es an Ladedruck, um beim Start an der Ampel vorne dabei zu sein. Dennoch kann der 1600 Kilogramm schwere Carens in 10,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt werden. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 196 km/h, das sind fünf mehr, als der Hersteller für den Fronttriebler verspricht. Der Durchschnittsverbrauch von 5,6 Liter Diesel für 100 Kilometer ist angesichts der Ausrüstung mit einer Start-Stopp-Automatik passabel, mit weniger als fünf Liter kamen wir nicht über die Standarddistanz. Allerdings konsumierte der Selbstzünder auch bei zügiger Fortbewegung im Mittel nicht mehr als 6,6 Liter Diesel für 100 Kilometer. Nach Norm verlangt er 5,1 Liter Treibstoff für diese Strecke und emittiert dabei 134 g/km CO2. 58 Liter Tankinhalt ermöglichen eine ordentliche Reichweite.
Die Ausstattung überzeugt
Bei schneller Fahrt wird der 4,53 Meter lange Wagen unruhig, und er reagiert empfindlich auf Seitenwind. Trotz des im Vergleich zum Vorgänger um fünf Zentimeter längeren Radstands (2,75 Meter) ist der Geradeauslauf mäßig, ständige Kurskorrekturen am Lenkrad sind erforderlich. Die in drei Stufen einstellbare Servounterstützung der elektromechanischen Lenkung ist nur im Modus Sport halbwegs genau, in den beiden anderen Stufen wird sie gerade um die Mittellage herum gefühllos. Die Federung arbeitet komfortabel, die Karosserie gerät bei Kurvenfahrten aber arg ins Rollen. Die schlichte Ausführung der Drehstabhinterachse mag einer der Gründe dafür sein. Die Bremsen arbeiten ohne Beanstandung, 1500 Kilogramm erlaubte Anhängelast machen den Carens gespanntauglich.
Die Ausstattung ist es, die skeptische Familienväter überzeugen mag. Sitzheizung, Klimaautomatik, Leichtmetallräder, Licht- und Regensensor, Tempomat, elektrische Fensterheber sowie eine Audio-Anlage gehören dazu. In Paketen gibt es Extras wie Navigation (990 Euro) oder Sicherheitsassistenten samt Sitzheizung im Fond (1630 Euro). Für die dritte Sitzreihe müssen 750 Euro bezahlt werden. Damit behält der Carens ein attraktives Preis-Leistungsverhältnis, das indessen nicht mehr als Schnäppchen durchgeht. Einzig das Fehlen jeglicher Seitenschutzleisten steht einem Familienvan nicht gut zu Gesicht. Da hilft nur, die Rasselbande auf der Rückbank mit der Kindersicherung am unbeaufsichtigten Öffnen der Türen auf dem Parkplatz zu hindern. Sonst wird der erste Lackschaden nicht lange auf sich warten lassen.
