
Busfahren ist eine echte Konkurrenz für die Bahn, weil es so unschlagbar günstig ist. Von Frankfurt am Main nach Berlin kommt man schon für 22 Euro – solange man online bucht.
Bis zum 1. Januar dieses Jahres hatte die Deutsche Bahn im Prinzip ein Monopol. Konkurrenz durch Buslinien war per Gesetz aus dem Jahre 1934 nur in Ausnahmen möglich (zum Beispiel von und nach Berlin). Jetzt sind die Karten neu gemischt, und das öffentliche Reisen durch Deutschland wird sich verändern. So viel lässt sich jetzt schon sagen. Gleich mehrere Anbieter haben den vom Verkehrsminister hingeworfenen Ball aufgenommen und lassen Busse quer durch die Republik rollen. MeinFernbus, Flixbus, City-to-City, Dein-Bus.de, Eurolines, Berlin-Linienbus und seit jüngstem der ADAC-Postbus buhlen um Kunden. Und die dürfen sich als König fühlen. Vor allem wegen der beinahe schon als unverschämt zu bezeichnenden niedrigen Preise. Wer im Internet im Voraus bucht, zahlt nur acht oder neun Euro für die Fahrt von Frankfurt nach Köln. Nach Berlin kostet es von der Mainmetropole aus 22 Euro. Was die Bahn für solche Strecken verlangt, will man gar nicht mehr wissen.
Einen Haken bei der Sache muss man lange suchen. Im Netz kann sich der Reisende alle Angebote und Abfahrtzeiten anschauen und das für sich beste herausfischen. Alle größeren Städte Deutschlands sind angebunden, die Tarife der Anbieter ähneln sich stark. Wer nicht gebucht hat, wird selbstverständlich auch mitgenommen, nur zahlt man dann unter Umständen 19 Euro für die Fahrt nach Köln und nicht acht. Frühbucher sind im Vorteil.
Die Busse fahren in der Regel in der Nähe des Hauptbahnhofes ab, die jeweilige Buslinie ist aber nicht immer leicht zu finden. Hier hapert es oft noch, die jeweilige Stadtverwaltung ist für das Ausweisen der Haltestellen zuständig, oft müssen die Wartenden im Regen stehen, Wartehäuschen sind Mangelware. Außerdem wird es in Städten wie Köln oder Frankfurt, deren Busbahnhöfe nicht für den jetzt zu bewältigenden Verkehr ausgelegt sind, schnell eng. Wir verpassten in Köln einen Flixbus, weil wir vor lauter Bussen den Wald nicht sahen und der Fahrer die eigentlich vorgesehene Parkbucht nicht anfahren konnte. Jedoch haben alle Busse ihr eigenes Markendesign, das kennt man inzwischen von der Autobahn. Ganz neu im Geschäft (seit November) ist der ADAC zusammen mit der Post. Sie haben dem Marktführer „MeinFernbus“ den Kampf angesagt und „starten ein neues Kapitel der Mobilitätsgeschichte, definieren das Busreisen neu“ (Eigenwerbung).
Die 15-Meter-Kolosse ärgern die Autofahrer
Alle ADAC-Busse liefert Scania, wenn die Flotte komplett ist, sind es 55 Scania OmniExpress (siehe Datenkasten) und sieben Scania VanHool Altano. Beide Typen sind Dreiachser. Angetrieben wird jedoch nur die vordere der hinteren Achsen. Diese ist als einzige vierfach bereift. Der VanHool (so heißt der Aufbauhersteller) ist bei gleicher Motorisierung etwas größer und schwerer (17,8 Tonnen), hier gibt es 58 statt 53 Sitzplätze im „Oberdeck“, dazu kommen drei Plätze direkt hinter dem „unten“ sitzenden Fahrer und ein Platz für einen Rollstuhlfahrer direkt neben dem Piloten. Punkten will der ADAC mit einem kostenlosen WLAN (das bieten die anderen auch), einem Media-Center mit einem Angebot aus Filmen und Serien und Musikstücken ähnlich wie im Flugzeug (auch dafür muss man seinen eigenen Laptop oder iPad dabei haben), jede Zweierbank verfügt über eine Steckdose. Eine Toilette im Heck ist selbstverständlich (und Vorschrift), beim ADAC gibt es im hinteren Bereich auch eine Kaffeemaschine (ein Euro der Becher), am hinteren Einstieg an der rechten Seite.
Der Automat ist jetzt besser plaziert als noch im Prototypenbus, da stand die Maschine am Boden. Snacks und Kaltgetränke können beim Fahrer gekauft werden, jedoch nicht während der Fahrt. Bei ungefähr jedem zweiten Trip ist jedoch ein zweiter Mann an Bord, der sich um solche Wünsche kümmern kann. Dieser fährt dann entweder von oder zur Arbeit. Es gelten die gleichen Lenkzeitregeln wie für die Lastwagenfahrer, in der Regel dürfen sie nicht mehr als acht Stunden am Tag fahren (maximal zehn), nach spätestens viereinhalb Stunden Fahrt ist eine Pause von 45 Minuten einzulegen. Alles wird auf der obligatorischen Fahrerkarte elektronisch registriert, Fahrtenschreiber mit Scheiben zum Einlegen sind Vergangenheit. Busse dürfen 100 km/h fahren, bei exakt diesem Tempo wird elektronisch abgeregelt. Das Überholverbot für Lastwagen gilt nicht, Busse dürfen auch auf die dritte Spur, wenn vorhanden. So mancher Autofahrer beginnt sich schon über die zunehmende Zahl der 15-Meter-Kolosse zu ärgern.
Der Fahrer kümmert sich an den Haltestellen auch um das Gepäck (je nach Linie ein oder zwei Stücke frei, Sperrgepäck kostet extra, Fahrräder auch), beim ADAC oder bei „MeinFernbus“ gibt es an den großen Haltepunkten noch zusätzliche Helfer. An Bord darf das Handgepäck, die Fächer oben im ADAC-Bus sind jedoch sehr schmal, können aber geschlossen werden. Der Sitzkomfort ist gut, die Beinfreiheit beträgt 80 Zentimeter, das ist allerdings etwas weniger als in der Bahn. Tatsächlich saßen wir im Flixbus (es war ein zweiachsiger Setra mit 48 Plätzen) etwas besser. Auch dieser Bus war ziemlich neu und sehr gepflegt. Es gab jedoch nur Beckengurte, und Steckdosen fanden sich nur in den Fußleisten am Gang von Reihe 3 bis 7. Dafür war die Ablage fürs Handgepäck größer, jedoch offen.
Längere Fahrzeiten müssen in Kauf genommen werden
Der ADAC hat bei seiner Bestellung auf Dreipunktgurte auf allen Plätzen bestanden, auch sind die Scania mit Alcolock ausgerüstet. Der Fahrer muss vor Fahrtantritt pusten, auch nach der 45-Minuten-Pause. Der Motor springt nur an, wenn kein Alkohol in der Atemluft ist. Die Pusteprozedur führt immer wieder zur Verwunderung unter den Passagieren. Gängiger sind Assistenzsysteme wie ein adaptiver Tempomat, Lane Departure Control oder ein Reifendrucküberwachungssystem (die anderen Anbieter sind meist auf einem ähnlichen Niveau). Alle ADAC-Busse sind nagelneu, sie fahren momentan auf sechs Routen in Deutschland. Im Februar 2014 kommen die Strecken Hamburg-München, Berlin-München und Bonn-Hamburg dazu.
„MeinFernbus“, nach eigenen Angaben Marktführer, bedient zurzeit 40 Strecken und fährt 124 Städte an (der ADAC im Februar 29). Einige Ziele liegen im Ausland: Straßburg, Luxemburg, Zürich, Innsbruck. Geführt wird das Unternehmen, das ein ehemaliger Bahn-Manager gründete, von Berlin aus. In der Zentrale sitzen 140 Mitarbeiter, sie koordinieren die Flotte aus 148 Bussen, die von 47 Partnerunternehmen gestellt werden. Die Zentrale weiß jederzeit, wo jeder einzelne Bus ist, und kann gegebenenfalls bei Streckensperrungen auch Umleitungsempfehlungen geben. Mindestens 44 Sitzplätze werden immer geboten, gefahren werden auch 13 Doppeldecker mit Platz für 78 Reisende. 600 Fahrer arbeiten für „MeinFernbus“, deren Dienstpläne sind ebenfalls eine logistische Herausforderung.
In der noch jungen Branche herrscht Einigkeit, dass hier bald ein Missstand droht, Fahrer sind gesucht, neue kaum noch zu finden. Es wird daran gedacht, gemeinsam eine Fahrerakademie zu gründen, auch um den Beruf für Frauen attraktiv zu machen. Anders als ein Trucker muss ein Buspilot ein kommunikativer Mensch sein, er hat ständig direkten Kundenkontakt, und er ist für seine Passagiere und sein Fahrzeug verantwortlich. Er muss dafür sorgen, dass der Bus sauber ist (es kommen jedoch mitunter Putzkolonnen wie bei der Lufthansa), und sich um das Tanken kümmern. Dass Busse von der Kraftfahrzeugsteuer befreit sind und auch keine Maut entrichten müssen, ist manchem Eisenbahnfreund ein Dorn im Auge. Wäre dem nicht so, wären die günstigen Preise in dieser Form nicht möglich. Für den Verzicht auf die Maut gibt es eine offizielle Zusage für die nächsten vier Jahre. Die Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Dass den Boom der Gründerzeit maximal drei, vielleicht vier Unternehmen überleben, gilt als abgemacht. Nur glaubt jeder, dass er zu den Gewinnern zählt. Gut für die Kundschaft: Wettbewerb belebt das Geschäft.
Unser kleiner Selbstversuch von Frankfurt nach Köln und zurück verlief bis auf den verpassten Flixbus positiv. Nur ins Mediacenter im ADAC-Bus kamen wir nicht, das kann auch am Laptop gelegen haben. Eine Dame, die auf dem Weg von Nürnberg nach Essen war (50 Euro hin und zurück), war „drin“ und von dem Angebot begeistert: „Ich fahre nie mehr Zug.“ Beide Busse waren eher spärlich besetzt (hin 12, zurück 20 Passagiere), doch noch hat sich die neue Art des Reisens nicht überall herumgesprochen. Längere Fahrzeiten müssen jedoch in Kauf genommen werden. Frankfurt-Köln dauert – ohne Stau – zweieinhalb Stunden, Frankfurt-Berlin sechseinhalb. Wichtig ist noch, das Tiere nicht mitgenommen werden dürfen und selbstverständlich ist Rauchverbot. Kinder müssen von Erwachsenen begleitet werden.
