
Heute vor 75 Jahren stellte Opel das neue Automodell „Kapitän“ der Presse vor. Damals stand in Rüsselsheim die größte Autofabrik Europas. 1977 endete die Ära der Opel-Oberklasse.
Der Kapitän ist heute eine Legende. Wie kaum ein anderer Opel steht er für jene Zeiten, in denen die Rüsselsheimer GM-Tochter noch eine wahrlich große Nummer im Automobilgeschäft war und in Deutschland Marktanteile von mehr als 20 Prozent erreichte: 21 waren es einmal, 1972. Heute sind noch sieben Prozent geblieben.
Angefangen hatte alles in einer kleinen Scheune, 1862. Adam Opel baut Nähmaschinen, Fahrräder folgen, dann das Auto. 1929 verkaufen die Söhne Opels das gesamte Unternehmen an General Motors als eine der Folgen der Weltwirtschaftskrise. Es kommt aber noch schlimmer: „1932 war das dunkelste Jahr in der Geschichte der deutschen Automobilindustrie nach dem Weltkrieg.“
„Wenige Typen, hohe Bauziffern und niedrige Preise“
Carl Wiskott, Leiter der „Opel-Nachrichtenabteilung“, schätzt am Abend des 15.Dezember 1938 die Situation ein und freut sich darüber, dass statt 6.000 wie vor sechs Jahren 26.500 Mann in Rüsselsheim arbeiten (4.000 Opelaner mehr als heute in allen deutschen Werken). Die größte Automobilfabrik Europas hat damals einen jährlichen Ausstoß von mehr als 100.000 Fahrzeugen. „Wenige Typen, hohe Bauziffern und niedrige Preise“ sind das Erfolgsgeheimnis von Opel, fünf Modelle sind im Programm: Kadett, Olympia, der Super 6, der durch den Kapitän ersetzt werden wird, der Kleinlastwagen Blitz und der Admiral.
Dieser war schon 1937 auf den Markt gekommen. 27 Jahre später wird er der technische Zwillingsbruder des Kapitän, ist aber 1938 noch ein grundverschiedenes Auto: Denn der Admiral ruht noch auf einem Fahrgestell, während der brandneue Kapitän hochmodern eine selbsttragende Karosserie hat und dazu noch einen nagelneuen, kurzhubigen 2,5-Liter-Sechszylinder-Motor. 55 PS genügen für ein Dauertempo von 112 km/h (Spitzengeschwindigkeit 126 km/h), in 12 Sekunden sind 70 km/h erreicht, so die einst übliche Angabe. Sechs Millionen Reichsmark waren in die Entwicklung des neuen Opel gesteckt worden, 1938 ein immenser Betrag.
Opel war sehr stolz auf sein neues Auto und hatte für die Presse ein umfangreiches Programm zusammengestellt (Sperrfrist: „17.Dezember, Morgenausgabe“). Der „Reichsverband der deutschen Presse“ war in die Angelegenheit involviert. Wer das Pressematerial von 1938 durchliest, findet zwar genügend Bezüge zum Nationalsozialismus, ist aber andererseits überrascht, wie positiv die Situation gesehen wird.
Der Export wird als eines der großen Ziele genannt, es soll ein Wagen geschaffen werden, der auch den Geschmack des Auslands trifft. 1938 ist Schweden Opel-Exportland Nummer 1 (mit 7.200 Einheiten), gefolgt von Dänemark (3.200). Dass England nur noch 500 Wagen abnimmt (statt 6.100 im Jahr 1937), ist schon eine Folge der politischen Situation. Doch dass keine neun Monate später der Angriff auf Polen beginnt und damit die größte Katastrophe des 20.Jahrhunderts, ahnen im Dezember 1938 nur wenige.
Das seien doch nur Spielereien für erwachsene Kinder
Heinz Nordhoff (1899 bis 1968), der später für Volkswagen Automobilgeschichte schreibt, ist einer der Redner. In seiner Funktion als „technischer Berater der Opel-Verkaufsabteilung“ begleitet er den Gang durch die Fabrik, referiert en detail zum Wagen und widerspricht Forderungen, einem Automobil eine Instrumentenausstattung wie ein Flugzeug zu verpassen. Das seien doch nur Spielereien für erwachsene Kinder. Er erwähnt auch die „Tonschlitze für den Schallauslass der Tonquelle“ – heute das Autoradio.
Nach dem Rundgang dürfen die Journalisten den neuen Typ auf der Opel-Prüfstrecke fahren. Nordhoff entlässt die Journaille mit dem Versprechen, die seit sechs Jahren unbestrittene Führung unter den deutschen Automobilfabriken zu halten, schon heute arbeite man an den Wagen, die 1942 auf den Markt kommen. (Leider finden sich in den Opel-Archiven keine Fotos von der Veranstaltung.)
Doch dem wird nicht so sein, 1940 stellt Opel kriegsbedingt die Fahrzeugproduktion ein, immerhin 25374 Kapitäne waren in knapp zwei Jahren vom Stapel gelaufen. Zum Glück ist der 38er Kapitän ein sehr modernes Automobil, praktisch nahtlos kann 1948 die Produktion wiederaufgenommen werden, zu den wenigen Änderungen gehören die jetzt runden und nicht mehr oval-eckigen Frontscheinwerfer. Der Preis beträgt 9950 D-Mark, zehn Jahre zuvor war man mit 3975 Reichsmark gestartet.
1951 erfolgt eine grundlegende Überarbeitung, die Karosserie streckt sich jetzt auf 4,70 Meter, der Motor hat jetzt 58 PS. 1954 endet die Ära des ersten Kapitän, der vielleicht „das“ Wirtschaftswunder-Auto ist. Auch Filmstar Hans Albers fährt einen und geht im Kapitän auf Reisen. (Der berühmte Song handelt freilich von der Seefahrt). Fast 80000 Kapitäne der ersten Serie verkauft Opel in der Zeit von 1948 bis 1954. Sie ebnen den Weg für das, was noch kommen wird: Das neue Modell 1955 folgt der damals so beliebten Pontonform und ist ein rundliches Drei-Box-Auto.
Abermals eine neue Ära
Der Motor basiert freilich immer noch auf dem Vorkriegsaggregat, er hat jetzt 68 PS. Schon ein Jahr später wird die Form geglättet. Das Modell Kapitän 2,6 (90 PS), von 1958 bis 1964 gebaut, kommt mit abermals eher nüchtern gezogenen Linien (Gesamtlänge nun 4,80 Meter). Diese Baureihe ist mit gut 145.000 verkauften Exemplaren der erfolgreichste Oberklasse-Opel aller Zeiten.
1964 im Februar beginnt abermals eine neue Ära. Der Kapitän wird wieder neu eingekleidet, er bekommt den schon erwähnten luxuriöseren Zwillingsbruder Admiral, der nach zwei Jahren Bauzeit schon 1939 wieder eingestellt worden war. Außerdem logiert über dem Admiral nun noch der Opel Diplomat. Mit einem Kampfpreis von 17.500 Mark lässt der oberste Opel mit Achtzylindermotor den 5.600 Mark teureren Heckflossen-300 SE von Mercedes-Benz alt aussehen. BMW scheidet schnell als Konkurrent aus, die Produktion des 3200 S mit V8-Motor („Barockengel“) wird wenige Wochen später eingestellt.
Die KAD-Baureihe (Kapitän, Admiral, Diplomat) macht sich schnell einen Namen. Opel dominiert bis zu Beginn der siebziger Jahre die deutsche Oberklasse. Vor allem mit dem Spitzenmodell Diplomat können Opel-Fahrer, vom Volksmund damals gern als Hut- und-Hosenträger-Fahrer geschmäht, notorischen Dränglern die Zähne zeigen.
Der von Konzernmutter General Motors entliehene V8-Motor aus dem Chevrolet Impala holt aus 4,6 Liter Hubraum 190 PS. Damit schafft der Diplomat als erster Serien-Opel echte 200 km/h, und er beschleunigt trotz kräftezehrender Zweigangautomatik (!) in elf Sekunden von 0 auf 100 km/h – vor fast 50 Jahren ein Traumwert. Von März 1965 an gibt es den dumpf grollenden Achtzylinder für 3750 Mark Aufpreis auf Wunsch auch im Kapitän und im Admiral.
Und schon ein knappes Jahr nach Markteinführung des Dickschiff-Trios reichen die Rüsselsheimer die nächste Überraschung nach. Im Januar 1965 erscheint das zweitürige Diplomat-Coupé, dem ein 5,4-Liter-V8 mit 230 PS – ebenfalls aus dem Chevrolet-Regal – zu standesgemäßer Fortbewegung verhalf: 206 km/h Spitze und weniger als zehn Sekunden für den 0-auf-100-Spurt. Von September 1966 an gibt es diesen Motor für 1960 Mark Aufpreis auch in der Limousine.
Das bei Karmann in Osnabrück weitgehend in Handarbeit gefertigte Coupé kostet allerdings stolze 25500 Mark. Bis zum Produktionsstopp im April 1967 entstehen lediglich 304 Exemplare dieses exklusiven Zweitürers. Ein schon 1965 auf der IAA von Karmann präsentierter Cabrio-Prototyp geht nie in Serie.
Insgesamt laufen 24249 Kapitän-, 55876 Admiral- und 9152 Diplomat-Limousinen bis zum Produktionsende der A-Serie im November 1968 vom Band. Die Zahlen zeigen deutlich, dass sich das Gewicht von Kapitän zum Admiral verschoben hat. Die zweite Auflage der KAD-Baureihe debütiert im März 1969 auf dem Genfer Automobilsalon, sie läuft erst im Juli 1977 aus. Nach weiteren 150599 Straßenkreuzern mit Sechs- und Achtzylindermotoren geht das Rüsselsheimer Oberklasse-Kapitel zu Ende.
Die Opel-Spitzenklasse hat sich zuletzt kaum noch verkauft, das ändert nichts daran, dass Opel insgesamt blendend dasteht. 1977 werden 911 Millionen D-Mark Gewinn nach Detroit überwiesen. Der Monza und der Senator, die der KAD-Baureihe nachfolgen, setzen sich nicht durch, sie verschwinden 1986 und 1993 vom Markt. Bis heute warten viele Opel-Fans vergeblich auf ein Comeback in der Oberklasse.
Mitarbeit: Hans W. Mayer
