
Bei der Automesse in Los Angeles findet man lange Kerle mit dicken Zylindern, in Tokio sind sie winzig und sparsam. Beides trifft den Geschmack des heimischen Publikums. Sind das die Konzepte für die Zukunft?
Fahrzeuge für die Zukunft zu bauen fällt etwas leichter, wenn man ein klares Ziel vor Augen hat. Wie es aussieht, ist es auch eine Frage der Mentalität und dieser Tage in den wichtigsten Herstellerländern zu beobachten. Während die Deutschen einfach darauf setzen, weiter die besten Autos der Welt zu bauen, sehen die Japaner das Heil ihrer verstopften Städte in kleinen Modellen, aus denen möglichst gar kein Abgas mehr kommt. Diese Form der Zukunft ist in der Weite Amerikas offenbar schon wieder eine Vergangenheit, die es nicht ernstlich gegeben hat. Dort protzt man wie in alten Zeiten mit gewaltigen Hubräumen und hohen Leistungen.
Wer in der vergangenen Woche in Los Angeles war, um auf der Messe Autos zu bewundern, könnte deshalb unter der Haut ein gewisses Retrogefühl gehabt haben – das war irgendwie schon einmal da. Denn dass der Treibstoff alsbald knapp werden könnte, ist in Amerika eine Randnotiz von gestern und dem umfangreichen Einsatz des in Europa umstrittenen Frackings zur Gewinnung von Öl und Gas aus Schiefergestein zu verdanken. So haben die Vereinigten Staaten 2013 zum ersten Mal nach langen Jahren ihre Importbilanz des begehrten Rohstoffs ausgleichen können. Es wurde wieder mehr im eigenen Land gefördert, als aus der Fremde herangeschafft werden musste. Die Abhängigkeit vom Öl aus den arabischen Staaten ist vorbei.
Da darf das Automobil wieder größer und durstiger werden, die Big Blocks mit ihren acht Zylindern werden nicht mehr verschämt in den hintersten Winkeln ausgestellt, sondern glänzen aufpoliert im Scheinwerferlicht. Auch die Pick-ups sind wieder im Kommen, wenn sie auch nie wirklich weg waren. Schließlich ist seit Menschengedenken ein Pick-up (Ford F-Serie) das meistverkaufte Auto in Amerika. Jetzt will Chevrolet mit der Neuauflage des Silverado dem Marktführer Ford F auf den Fersen bleiben. Superlative bemüht außerdem ein neuer Cadillac Escalade, der Ende 2014 auch in Europa zu haben sein wird. Ein 6,2-Liter-V8-Benziner mit 403 PS (296 kW) treibt das riesige SUV an, die bislang angebotene Hybridversion entfällt. Wenn das kein Zeichen ist.
Auf den Reservekanister muss man verzichten
In Japan ticken die Uhren anders. Gut zweieinhalb Jahre nach Fukushima stehen die japanischen Automobilhersteller nicht mehr unter Schock, sondern sie blicken nach vorn in eine Zukunft, in der die Welt irgendwann ohne fossile Brennstoffe auskommen muss. Wer sich also gerade nicht in Los Angeles, sondern in Tokio aufhält, staunt nicht nur über das gute Wetter und die klare Luft, sondern auch über die Tatsache, dass die Stadtverwaltung zumindest zum Teil dem vertrauten Verkehrschaos beigekommen ist. Noch nie konnte man auf Tokios Straßen so gut von A nach B kommen. In Japan wird die Zukunft der Metropolen geprobt, da schauen die Amerikaner halb interessiert zu – wenn überhaupt. Von Kalifornien abgesehen vielleicht. Gewiss, die Voraussetzungen sind andere.
Doch denkt der vorausblickende Japaner, dass es auch zwischen Los Angeles und Boston irgendwann keinen Sprit mehr geben wird. Deshalb ist in Fernost die Brennstoffzelle ein großes Thema, und der Hybridantrieb ist längst etabliert. Die drei meistverkauften Autos auf dem drittgrößten Automobilmarkt der Welt (4,4 Millionen Neuwagen jährlich) sind Hybride: Toyota Prius, Toyota Aqua, Honda Fit. Kaum ein neues Modell kommt ohne eine Version mit E-Motor und Verbrennungsaggregat in die Showrooms. Selbst Mazda, in dieser Hinsicht bisher zurückhaltend, bietet den brandneuen Mazda3 (in Japan Axela genannt) jetzt mit Doppelherz an. Der Markt habe dies erzwungen, sagte Mazda-Chef Masamichi Kogai in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Das Fachwissen holte Mazda von Toyota, die Technik (Batterie, E-Motor) kommt aber aus den eigenen Werken.
Toyota, im Augenblick nicht nur in Japan, sondern auch in der Welt Marktführer, will jetzt, nachdem man praktisch im Alleingang das Hybridauto hoffähig gemacht hat, der Brennstoffzelle (Fuel Cell) zum Siegeszug verhelfen. Der aktuelle FCV Concept zeigt auf der Messe in Tokio schon mal den Weg auf, der gegangen werden soll. Die futuristische 4,87 Meter lange Limousine soll schon 2015 als Fuel Cell Car auf den Markt kommen – erst in Japan, dann auch in Europa und Amerika. Als Preis werden 80.000 Euro kolportiert. Zwei Wasserstofftanks im Unterboden sorgen für eine Reichweite von 500 Kilometern, getankt ist der Wasserstoff in drei Minuten. Da muss sich der Autofahrer nicht groß umgewöhnen. Was aber nie gehen wird: einfach mit dem Reservekanister nachfüllen, da der zu tankende Wasserstoff unter hohem Druck stehen muss und nur aus speziellen Zapfsäulen fließt. In der Brennstoffzelle wird H2 „reformiert“, es entsteht der Strom für den E-Motor. Abgase gibt es keine, nur Wasser kommt aus dem Auspuff.
Futuristisch-miniaturisierte Lastwagen-Zugmaschine
Nun ist es nicht so, als wüssten die anderen Hersteller nicht um diese Technik. Mehr als die halbe Automobilindustrie arbeitet schon lange daran, auch Mercedes-Benz oder General Motors. Dass sich die Fuel Cell noch nicht weiter durchgesetzt hat, liegt erstens an der immensen technischen Komplexität – es dauerte Jahre, bis man das an sich schlichte Problem des Einfrierens der Zelle bei Temperaturen unter null Grad im Griff hatte –, zweitens an den immer noch extrem hohen Kosten und drittens am fehlenden Tankstellennetz. Nun sollen in Japan in den nächsten zehn Jahren bis zu 1.000 Wasserstoff-Stationen gebaut werden. Und so wie wir die Japaner einschätzen, machen die das auch.
Toyota wird mit seiner Offensive nicht allein bleiben. Honda, bislang bei der Brennstoffzelle ohnehin einer der Protagonisten, hat ebenfalls für 2015 die Marktreife eines Brennstoffzellenautos angekündigt. Auch hier ist von 500 Kilometern Reichweite die Rede.
Solche Zahlen lassen die Amerikaner kalt. Aber auch wenn der Anschein groß ist, die Mehrzahl von ihnen schere sich überhaupt nicht um den Verbrauch, gibt es doch hier und da grüne Pflänzchen, die in der Modellpalette wachsen. Fast überall bei GM, Ford oder Chrysler sind Hybridantriebe geplant oder vorhanden, selbst wenn kaum jemand Notiz davon nimmt. Ein Lichtblick sind auch die mit vergleichsweise umweltverträglichem Erdgas (CNG) betriebenen Modellvarianten. Selbst die großen Pick-ups können mit umgerüsteten Motoren CNG verarbeiten. Der Dodge Ram etwa bringt es mit einem Sechsliter-V8 auf stramme 268 kW (360 PS).
Freilich war von den amerikanischen Herstellern keiner unter den Bewerbern um den wichtigen Titel „Green Car of the Year“, der seit 2005 vergeben wird. Verliehen bekam ihn ein japanisches Produkt, der neue Honda Accord. Die Modellreihe sei ein Vorbild in Sachen niedriger CO2-Ausstoß. Zu haben ist der Accord auch als Hybrid- oder gar Plug-in-Hybridauto. Mit Blick auf die Umweltfreundlichkeit werden also in Japan die Zeichen für die Zukunft gesetzt, Amerika steht hinten an.
Man muss ja nicht gleich ins andere Extrem verfallen. Japanische „K-Cars“ sind steuerbegünstigt, und man braucht für Tokio keinen Parkplatz nachzuweisen. Sie dürfen nicht länger als 3,40 Meter sein und maximal 0,66 Liter Hubraum haben. Die Toyota-Tochtergesellschaft Daihatsu ist ein großer Spezialist für solche kleinen Wagen (alle Hersteller bieten sie an), und auch hierfür könnte die Brennstoffzelle taugen. Der FCDeck, der aussieht wie eine futuristisch-miniaturisierte Lastwagen-Zugmaschine, ist der beste Beweis, dass man die komplizierte Technik auch auf 3,40 Meter Länge unterbringen kann. Der FCDeck passt auf die Ladefläche eines amerikanischen Pick-ups.
