
Die englische Marke Brough Superior wird mit einem Retro-Motorrad wiederbelebt. Der erste Prototyp des neuen Modells SS 100 soll im Frühjahr 2014 die Straßen unsicher machen.
Sie wurde 1919 gegründet und bestand nur 20 Jahre, bis sie 1939 wieder von der Bildfläche verschwand. Dennoch ist die englische Motorradmarke Brough Superior ein Schwergewicht der Zweiradgeschichte. Das Image als „Rolls-Royce unter den Motorrädern“ ist unter Klassikexperten unumstritten. Einzelne Exemplare erzielten in den vergangenen Jahren Verkaufspreise von mehr als 300.000 Euro.
Nun schickt sich ein offenbar vermögender – und wohl auch etwas spleeniger – Engländer an, die Marke Brough Superior wieder aufleben zu lassen. Mit Hilfe einer französischen Projektentwicklungsfirma schaffte er es, innerhalb von nur rund 100 Tagen einen Prototyp auf die Räder zu stellen und diesen neulich auf der Mailänder Motorradmesse Eicma auszustellen. Er trägt die Bezeichnung des begehrtesten Brough-Superior-Modells SS 100, was für Super Sports 100 steht. Trotz der unübersehbaren historischen Bezüge stellt die neue SS 100 ein hochmodernes Motorrad dar.
Die verwendeten Materialien und ihre Verarbeitung sprengen den Rahmen des im Motorradbau Üblichen: Die Gabelholme der Vorderradführung bestehen, wie auch die hintere Schwinge, aus einer Aluminium-Magnesium-Legierung, die vordere Twin-Doppelscheiben-Bremsanlage (je zwei Bremsscheiben auf jeder Seite) wird unter Verwendung von Keramik gefertigt, wie man sich das in der Formel 1 leistet. Für die Vorderradführung ist eine Doppelquerlenker-Konstruktion zuständig, wie sie schon vor 90 Jahren Brough Superior auszeichnete und auf deren Vorteile seit einigen Jahren auch BMW in einigen Modellen setzt. Die Querlenker sollen aus Titan gefertigt werden. Die CNC-gefrästen 18-Speichen-Aluminiumräder erinnern auf den ersten Blick an die seinerzeit üblichen Speichenräder. Auch der gut anzusehende Ein-Liter-Motor, ein wasser- und ölgekühlter V2 im ungewöhnlichen 88-Grad-Winkel, verspricht Exklusivität und Leistung gleichermaßen: Zwischen 73 und 103kW (100 bis 140 PS) sollen möglich sein – ganz nach dem Wunsch des Kunden.
Große Stückzahlen hat Mark Upham, seit 2008 Besitzer der Marken- und Namensrechte, nicht im Sinn: „Mein Projekt hat keinen kommerziellen Hintergrund, es muss mir kein Geld einbringen“, sagt der in Oberösterreich lebende Engländer. „It’s passion.“ 100 Stück sind geplant, im Jahr 2015 soll die Fertigung beginnen. Eine Preisvorstellung gibt es bereits: „Rund 50000 Euro“, meint Mr. Upham, Inhaber von „Firmen, die Geld einbringen“, müsse das exklusive Vergnügen den Liebhabern schon wert sein. Er selbst bezeichnet sich als Liebhaber von Metall und dessen hochwertiger Verarbeitung.
Branchengrößen als Kunden
Üblicherweise kalkulieren Motorradhersteller mit mindestens 36 Monaten zwischen Projektstart und Produktionsbeginn. Upham will höchstens 18 Monate benötigen. Immerhin: Das Triebwerk war bei der Projektentwicklungsfirma Boxer Design, in Toulouse beheimatet, schon vorhanden. Und Boxer Design hat seit Jahrzehnten Erfahrung mit der Prototypenentwicklung: Zu den Kunden gehören Branchengrößen wie BMW, Ducati, Honda oder Yamaha genauso wie Eurocopter oder Richmond Aerovac, wo Komposit-Materialien für den Flugzeugbau produziert werden.
Im Frühjahr 2014 soll der erste Prototyp fahren, im darauffolgenden Frühjahr die SS 100 erhältlich sein, lautet Uphams weiterer Ablaufplan. „Wir vereinbaren bisher als unvereinbar Geltendes, nämlich Historie und Hightech.“ In der Tat sieht kein Motorrad einer anderen wiedergeborenen Marke – weitere Beispiele in jüngerer Zeit sind Horex und Indian – zugleich so klassisch und so futuristisch aus wie die SS 100.
