
Sie hätten das nicht tun dürfen. Niemals. Sie hätten uns nicht dieseglitzernde grüne Harley hinstellen dürfen und sagen: Viel Spaß damit.
Man darf nicht jemanden so etwas wie dieses glitzernde grüne Ding in die Hand geben, wenn von vornherein klar ist, dass man es ihm wieder wegnehmen wird. Die Tage bis zur vereinbarten Rückgabe flogen dahin wie nichts, aber die kurze Zeit reichte aus für eine Veränderung im Leben: Seitdem die Lucky wieder weg ist, leiden wir an Chrommangel.
Chrommangel tut weh, deswegen wurde seitdem ein paarmal das Sparschwein in die Hand genommen, aber resigniert wieder hingestellt. Zu viele Münzen drin, zu wenige Scheine. Im Kopfkissen nichts als Gänsefedern, die Aktien … seufz. Mutter anpumpen, den Kindern das Taschengeld kürzen? Wäre mies und würde nicht reichen, denn 5741 Euro sind ein Haufen Geld.
Nur 5741 Euro? Das ist doch fast geschenkt, mag mancher nun beim Blick auf die Bilder hier einwenden. Leider repräsentiert diese Summe nicht das gesamte Motorrad, sondern nur die Extras, die verbaut wurden. Zum Beispiel: Chromsatz für Gabel (725 Euro), verchromte Distanzscheiben für Vorderachse (61 Euro), verchromte Abdeckung für den ABS-Kabelbaum zum Raddrehzahlsensor (37 Euro), verchromte Bremszangen-Einsätze (18 Euro), Scheinwerfer Zierring mit angedeutetem Lampenschirm (53 Euro), Zusatzscheinwerfer-Zierringe (74 Euro), verchromte Kupplungs- und Bremsarmatur (406 Euro), verchromte Brems- und Kupplungshebel (123 Euro) und so weiter. Chrom überall. Man müsste sich als Fahrer, um diesem Motorrad gerecht zu werden, wenigstens die Zähne verchromen lassen. Was würde das kosten?
Im gefederten weißen Solosattel (369 Euro, Montagesatz 344 Euro) der Lucky kommt einem der Rest der Welt furchtbar chromarm vor. Klar wird auch: Weißwandreifen sind das einzig Wahre. Weiße Handschuhe wären nicht schlecht, denn gewöhnliche schwarze hinterlassen mit der Zeit Verfärbungen auf den weißen Nostalgie-Handgriffen (86 Euro) am „Fat Mini Ape“-Lenker (369 Euro). Mit lauwarmem Wasser bekommt man das wieder weg.
Mit dem Betrieb eines solchen Fahrzeugs ist die Pflicht zur peniblen Pflege und zum Putzen verbunden. Die Lucky verwandelt jedes Ferkel in einen Pingel. Denn alles, was den makellosen Eindruck stören könnte, ist unerträglich. Die Leiche der Mücke, die auf einem der Custom-Spiegel Typ „Profile“ mit geschlitztem Ausleger (172 Euro) ihr Ende fand: schrecklich. Der Schatten, den ein Wassertropfen hinterlässt: muss weg. Der Gedanke, man könnte mit der Maschine vom Regen überrascht werden, ist nicht auszuhalten.
Das teure Harley-Davidson-Universum
Zum halbhohen „Fat MiniApe“-Lenker gehört – wenn schon, denn schon – die Anschaffung des Gaszugsatzes Diamondback (197 Euro), des Kupplungssatzes Diamondback (135 Euro) sowie der Bremsleitung unten Diamondback ABS (270 Euro) und der Bremsleitung oben Diamondback (86 Euro). Und so weiter. Was nicht jedem Harley-Neuling klar ist: Mit der Vertragsunterschrift beim Händler kauft man sich ins Harley-Davidson-Universum ein und erwirbt theoretisch ein fertiges Motorrad. In der Praxis legt man sich eine Baustelle zu. Denn es gibt da – abgesehen von alldem Zubehör externer Anbieter – noch einen Katalog für Harley-Davidson-Originalzubehör und Austauschteile. Der ist 830 Seiten stark, umfasst rund 10000 Positionen und dient dazu, aus einem Großserienprodukt eine individuelle Sache zu machen. Fast jeder Kauf einer Harley zieht weitere Investitionen nach sich, manchmal einige hundert Euro, meistens einige tausend.
Das ist einzigartig in der Motorradindustrie. Allmählich kommen auch andere auf den Trichter. BMW mit dem Klassik-Roadster nineT, Yamaha mit der alterwürdigen SR 400 und der XJR 1300, selbst ein Rollerhersteller wie Peugeot mit dem Nostalgiescooter Django zeigten soeben auf der Mailänder Zweiradmesse Eicma Fahrzeuge, die ausdrücklich fürs „Customizing“ gedacht sind. Es gibt eine wachsende Szene, in der wieder auf breiter Front gebastelt wird.
Die Lucky, unser Testmotorrad, ist ein Beispiel dafür, wie man Begehrlichkeiten weckt und die Kasse zum Klingeln bringt. Basis dieser Maschine ist die Softail Deluxe für mindestens 20935 Euro. Merkmal der Softail ist die glaubwürdig historische Anmutung bis ins Detail, ein wesentlicher Faktor dabei der Rahmen mit den klaren, klassischen Proportionen, der geraden Linie zwischen Lenkkopf und Hinterradachse. Das Heck erscheint starr, also ungefedert wie vor 60 Jahren, die Dämpfer arbeiten unterm Motor im Verborgenen. Selbstverständlich kann man auch die Dreiecksschwinge in der verchromten Variante haben (676 Euro) und dazu: verchromte Schwingachs-Abdeckung (38 Euro), verchromte Hinterachs-Abdeckung mit Bar&-Shield-Logo (123 Euro), verchromte Befestigungsschrauben für vordere Riemenscheibe (37 Euro), verchromte Bremsscheiben-Befestigungsschrauben hinten (17 Euro) und so weiter. Es kommt auf jeden Posten an, nur die Summe all dessen ergibt ein abgehobenes Fahrgefühl und bewundernde Blicke beim Harley-Treffen, wo die Konkurrenz gewaltig ist. Tut gut, die Bewunderung, auch wenn der Glanz nur geborgt ist.
Mut und Phantasie für Farben und Namen
Wir sind nach Rückgabe des Testmotorrads nun auf Chromentzug. Es ist hart. Sogar an das psychedelische Grün – „Hard Candy Lucky Green Flake“ – hatten wir uns gewöhnt sowie an die Blicke der Nachbarn, die sagten: Jetzt ist der Alte endgültig durchgeknallt. Harley-Davidson hat die Knallfarben der Siebziger mit Glitzereffekt wiederentdeckt. Es gibt noch „Hard Candy Big Red Flake“ und „Hard Candy Coloma Gold Flake“. Auf einen schwarzen Grundlack wird eine Harzschicht mit unzähligen Farbplättchen aufgebracht, die siebenmal so groß wie die Pigmente üblicher Metallic-Lacke sein sollen. Mehrere Schichten Klarlack werden von Hand geschliffen. Die Herstellung ist also aufwendig (was zu einem Aufpreis von 870 Euro führt), der Effekt großartig (besonders bei tiefstehender Sonne). Aber man fragt sich, wo die Harley-Leute den Mut und die Phantasie für die Farben und deren Namen hernehmen und was sie eigentlich rauchen bei der Arbeit.
Für die Saison 2014 sind neue Hard-Candy-Töne im Angebot: „Voodoo Purple Flake“, „Volcanic Orange Flake“, „Chrome Flake“. Bevor sie nun weitere crazy Farben erfinden, sollten sie sich um den Leerlauf kümmern, der rastet schlecht ein. Obendrein rupfte die Kupplung ein wenig. Ansonsten fährt es sich mit dem Motorrad so, wie man es von einer Harley mit Big Twin erwartet: lässig, souverän, frei von Leistungsdruck. Der 1690-Kubikzentimeter-Zweizylinder schiebt angenehm polternd, mit einem gedämpften Patpatpat aus den Endrohren plus dunklem Grölen aus dem „Screamin’ Eagle“-Sportluftfilter (172 Euro) auf verchromter Luftfilter-Grundplatte (61 Euro) mit verchromtem Luftfilterdeckel (56 Euro).
79 PS (58 kW) und 132 Newtonmeter bei 3250 Umdrehungen, per Zahnriemen zum Hinterrad gereicht, sind eine gute Grundlage zum Entspannungscruisen, mehr will man gar nicht, zumal schon bei moderater Schräglage der Asphalt an den Trittbrettern raspelt. Das Handling ist besser, als es Hochlenker und Masse (annähernd 330 Kilo) erwarten lassen. Der knackig-straffe Einzelsitz ist perfekt auf dem Boulevard und überzeugend im Sinne der Rückmeldung von der Straße. Wer verreisen will, braucht einen Hammerhintern, wer es im Leben noch nicht zum ersten Bandscheibenvorfall gebracht hat, kann die Sache bei dieser Gelegenheit beschleunigen.
Egal, solange sich das Himmelsgewölbe in all dem Chromtamtam spiegelt. Es gäbe in dieser Hinsicht noch viel aufzuzählen: verchromter gefräster Abstandshalter für die Ölleitung (37 Euro), verchromtes Schaltgestänge (111 Euro), verchromter Zündungsdeckel (28 Euro) und so weiter und so fort. Lassen wird das. Nur eins noch: In den 5741 Euro ist noch gar kein Wechsel des Auspuffs enthalten. Obwohl das für viele Harley-Käufer sozusagen der erste Spatenstich auf ihrer neu erworbenen Baustelle ist.
