
Mit dem Fahrrad wird auch das Lastenrad als Verkehrsmittel wiederentdeckt. Vorangetrieben wird diese Entwicklung vom Elektrohilfsmotor. Ein Überblick.
Wer es noch nie probiert hat, kann es sich kaum vorstellen: vier Kisten Wasser auf dem Fahrrad zu transportieren. Oder gar einen Kühlschrank, das Surfbrett? Beim Stichwort Lastenrad sehen viele von uns zuerst Bilder aus Ostasien vor sich: unter hoch aufgetürmten Säcken ächzende Fahrräder. Ältere erinnern sich, dass ganz früher einmal die Bäckerei den Lehrling mit einem speziellen Rad die Brötchen ausfahren ließ. Das hieß darum Bäckerrad. Heute kommt der Pizzabote auf dem E-Bike zur Redaktion. Eine junge Dame mit einem Kontrabass auf dem Lastendreirad ist in Kopenhagen, Europas Hauptstadt des Lastenrads, überhaupt nichts Besonderes. In der City parkt an jedem Abstellplatz mindestens ein Lastenrad. Ähnlich ist das Bild in Amsterdam, und auch bei uns sind Lastenräder wieder schwer im Kommen.
Junge Familien in Berlin oder München finden es hip, mit dem Lastendreirad ihren Nachwuchs zur Kita zu kutschieren. Wenn die Parkplatzsuche um ein Vielfaches länger dauert als die Autofahrt zwischen Punkt A und B, hat das Lastenrad schließlich enorme Vorzüge. Gewohntes Handling beim Großeinkauf: Kiste auf, alles rein, Kiste zu und los. Beim Kindertransport ist – anders als mit dem Anhänger – die Kommunikation viel einfacher. Groß und Klein haben das vom Auto her vertraute Gefühl, zusammen in einem Fahrzeug unterwegs zu sein.
Symbole für moderne Mobilität
Eigentlich war das Lastenrad auch in Deutschland nie ganz verschwunden, sondern nur in der Wahrnehmung ausgeblendet. In großen Industriebetrieben – und zunehmend auch wieder im Handwerk – werden nach wie vor Lastenräder eingesetzt. 15 von 34 Düsseldorfer Schornsteinfegern radeln durch ihren Bezirk, und in einem Drittel der 52 000 Zustellbezirke bringt der Postbote die Briefe mit dem Rad. 40 Elektrolastenräder sind seit Sommer 2012 in acht deutschen Großstädten als Kurierfahrzeuge im Rahmen einer Studie im Einsatz. „Ich ersetze ein Auto“, steht auf der regensicheren und abschließbaren Box. Die entspricht mit 250 Liter Volumen dem Kofferraum eines Kleinwagens. Der Feldversuch dauert zwei Jahre und wird vom Bundesumweltministerium (BMU) im Rahmen der Klimaschutzinitiative gefördert. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) will mit dem vom BMU geförderten Projekt „Ich fahr Lastenrad“ die Nutzung dieser Fahrzeuge im innerstädtischen Wirtschaftsverkehr voranbringen.
Wenn es mal rollt, lässt sich auch bei einer maximalen Zuladung von bis zu 100 Kilogramm (und sogar mehr) ein Lastenfahrrad auf ebener Strecke mit unerwartet lockerem Tritt in Fahrt halten. Nur beim Anfahren, Beschleunigen und bergauf wird die große Last zur Mühsal. Deshalb sind viele moderne Lastenräder mit einem Elektromotor als Zusatzantrieb ausgestattet. Die Leistung von 0,25 kW eines Pedelec-Antriebs reicht für Lasten bergauf aus. Zulassungsfrei wie beim Elektrofahrrad ohne Laderaum eröffnet der unterstützende Hilfsmotor dem Lastenrad vergnügliche und klimafreundliche Nahmobilität mit größerem Radius. Auch wenn man das Lastenrad, ob mit, ob ohne E-Motor, nicht in jedem Laden an der Ecke kaufen kann, ist es im Gegensatz zu anderen Elektrofahrzeugen schon ein Serienprodukt. Dabei beflügelt der Elektroantrieb nicht nur das einzelne Lastenrad, sondern diese Technik stimuliert den gesamten Markt für Lastenräder, wie die wachsende Zahl und Vielfalt der angebotenen Modelle zeigen.
Wenn sich ein Premiumhersteller wie Riese und Müller mit dem Thema auseinandersetzt, dann kommt mit dem „Load hybrid“ (4500 Euro) dabei nicht nur ein vollgefedertes Lastenrad mit hervorragendem Fahrwerk heraus. Das neue E-Modell ist darüber hinaus ein Indiz dafür, wie ernst diese Fahrzeuggattung – wieder – genommen wird. Große Fahrradhersteller hatten auf der Eurobike ein Lastenrad oder wenigstens ein Rad mit Lastkörben in der ersten Reihe ihres Messestands stehen: Symbole für moderne Mobilität. Doch ausgereifte Fahrzeuge kommen meist von kleinen, spezialisierten Herstellern. Die haben entweder schon lange Erfahrung mit Lastenrädern wie der dänische Hersteller Christiania Bikes. Oder sie verfeinern traditionelle Bauformen, wie das Bullitt Cargo als leichtere und steifere Variante des Klassikers Long John. Beide kommen ebenfalls aus Dänemark.
Jedes Kilo Fracht ist in den Armen spürbar
Lastenrad ist nicht einfach gleich Lastenrad. Grundsätzlich gibt es zwei- und dreirädrige Typen – beide haben ihre Vor- und Nachteile. Mit Lastendreirädern kann man Schwereres und Voluminöseres bewegen, weil sie nicht im Gleichgewicht gehalten werden müssen und mehr Ladefläche bieten. Man kann auf drei Rädern besser langsam fahren und stehen bleiben, ohne dass das Rad kippt, etwa an der Ampel, vor allem aber beim Be- und Entladen. In Kurven muss man wie bei allen Mehrspurfahrzeugen mit der Geschwindigkeit heruntergehen, um nicht zu kippen. Zum Lenken wird meistens der Lastenkorb geschwenkt. Das geht auch beladen leicht, führt aber bei zunehmender Geschwindigkeit zum Eindruck, das Dreirad schlingere um die Längsachse. Da hat das Nihola (rund 2300 Euro) mit einer Achsschenkellenkung mehr Spurtreue – allerdings um den Preis eines größeren Wendekreises.
Die erheblich leichteren Lastenzweiräder bieten das gewohnte Fahrradgefühl. Man kommt besser und schneller um die Kurve. In der Regel schmaler, sind sie trotz der oft größeren Länge wendiger als Dreiräder und brauchen beim Parken weniger Platz. Dafür muss der Fahrer jedoch die Zuladung im Gleichgewicht halten. Da spürt man, vor allem beim Anfahren und bei langsamer Fahrt, jedes Kilo Fracht in den Armen.
Fahrverhalten wie ein Tandem
Das klassische Bäckerfahrrad und seine Variante mit verlängertem Radstand bietet über dem kleineren Vorderrad bis zu 100 Liter Gepäckvolumen bei maximal etwa 50 Kilogramm Gewicht. Die Packhöhe ist durch den Lenker begrenzt. Fahrstabile Varianten findet man etwa bei Kemper und Speedbike (von etwa 650 Euro an). Beim Tieflader wird das Vorderrad so weit nach vorn versetzt, dass zwischen ihm und dem Lenker die bis in Bodennähe abgesenkte Lastebene Platz findet. Der tiefe Schwerpunkt zwischen den Radachsen verbessert die Fahrstabilität spürbar, erlaubt den Transport schwererer Lasten und bietet mehr Ladevolumen. Hier passt bei einer Tragkraft von 100 Kilogramm auch schon mal eine Waschmaschine drauf. Allerdings hat der Tieflader wegen des längeren Radstandes (1,80 m statt 1,15 m) einen größeren Wendekreis und braucht für die indirekte Lenkung eine sehr stabile Lenksteuerstange, die Steuerrohr und Gabel miteinander verbindet, sonst wird das Fahrgefühl leicht schwammig. Aktuelle Modelle sind das Packbernds (rund 2450 Euro), das Bullitt Cargo (rund 4000 Euro mit BionX-Elektroantrieb) oder das „Load hybrid“.
Der dritte zweirädrige Bautyp ist der Backpacker, dessen Rahmen sich hinter dem Sattelrohr zu einem langen Gepäckträger verlängert. Auf ihm finden übergroße Packtaschen oder zwei Kindersitze hintereinander Platz. Seitliche „Trittbretter“ erlauben den Transport langer, flächiger Gegenstände wie Surfbrett oder Zimmertüre. Dieser noch junge Lastenradtyp ist im Fahrverhalten vergleichbar dem eines Tandems. Modelle dieser Art gibt es von Blue Label, Kemper, Velonom und Yuba (ab etwa 1000 Euro).
Unter www.velotransport.de findet man nicht nur Informationen über Lastenräder, Fahrradanhänger, Fahrradkörbe und -taschen, sondern auch Hinweise auf Veranstaltungen, bei denen Lastenräder zum Ausprobieren gezeigt werden.
