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Sexy Kurbelwelle

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Das Motorrad knackt die 200-PS-Marke, die elektronische Hochrüstung schreitet voran. Aber die Gegenbewegung wird stärker: Zurück zu den Wurzeln. Ein Bericht von der Messe Eicma.

Es ist eine turbulente Glitzerwelt, so eine Roller- und Motorradmesse im Land der Ducatisti, Vespisti, Guzzisti. Schon am Tag vor dem offiziellen Beginn, der eigentlich Presse und Fachbesuchern vorbehalten ist, tummeln sich Schaulustige in Scharen in den Mailänder Hallen. Weiß der Totti, wie die alle da reinkommen. Es wird geknipst wie der Teufel, die Kostümierung der Models, angenehme Begleiterscheinung aller neuen Modelle, ist von ausgesuchter Eleganz und Knappheit. Stil und Sexappeal haben auf der Eicma den gleichen Stellenwert wie Einspritzdüse und Auspuffklappe.

Hier findet Gehör, wer mit der „most sexy“ Kurbelwelle prahlt. Ducati nimmt diesen wichtigen Superlativ für seine 1199 Superleggera in Anspruch. Das ist ein gut 200 PS starkes Leichtbau-Wunder mit den Eckdaten eines WM-Renners, limitiert auf 500 Stück, Kostenpunkt 65000 Euro. Verkauft sich so etwas? Durchaus. 90 Prozent seien schon weg, lässt Ducati wissen.

Auch der Preis der neuen Monster 1200 ist stattlich, wenngleich volkstümlicher: 13795 Euro, S-Version gut 16000 Euro. Über dieses für Ducati so wichtige Modell haben wir schon in unserer Eicma-Vorschau vor einer Woche berichtet. Neuheiten von Honda, Triumph, KTM, Suzuki (erste Fahreindrücke der Reiseenduro V-Strom 1000 in Kürze), waren ebenfalls schon im Blatt, aus Platzgründen gehen wir nicht noch einmal darauf ein. Denn es wimmelte auf der Eicma von weiteren Neuvorstellungen.

Invasion von der Wega

Frische Ware – das ist das Mittel, um in schwierigen Zeiten zu bestehen. Die Märkte Südeuropas sind eingebrochen, die Branche steht unter Druck, aber sie macht Dampf. Man kann etwas bewegen, selbst als Zwerg unter Riesen, wie MV Agusta mit seiner erstaunlichen Modelloffensive beweist. Nun präsentiert das vom Racing geprägte Unternehmen Ungeheuerliches: eine MV mit Laderaum! Die Turismo Veloce 800, erster Sporttourer aus Varese, ist ein Kofferträger der dynamischen Sorte geworden, mit 125-PS-Dreizylinder sowie allen erdenklichen elektronischen Zutaten und Spielereien: ABS, Traktionskontrolle, diverse Fahrprogramme, LED-Beleuchtung, TFT-Farbdisplay im Cockpit. Ein Bluetooth-Modul macht das Motorrad zum „Router“ für Smartphone und funkenden Helm. Die Luxus-Version der Turismo Veloce wird ein adaptives Elektronik-Fahrwerk aufweisen. Der Bordcomputer speichert mit GPS-Unterstützung alle möglichen Motor- und Fahrdaten, die sich via Apps auf dem Tablet oder Smartphone anzeigen und im Internet austauschen lassen. Das Handy wiederum kann als Fernbedienung für Einstellungen am Fahrzeug genutzt werden.

Schöne neue Motorradwelt. Die elektronische Hochrüstung nimmt Ausmaße an. Nicht zuletzt ist sie ein Mittel, exorbitante Motorleistungen beherrschbar zu halten. Die KTM 1290 Super Duke R hat keinen Windschutz, wenig Gewicht, aber 180 PS und ein Arsenal von Regelsystemen, damit das Hinterrad nicht macht, was es will. Kawasaki treibt mit seiner Z 1000 der nächsten Generation (ab 12195 Euro), deren Reihenvierzylinder 142 PS (105 kW) anschaufelt, aggressives Design auf die Spitze: Kopf runter, Hintern hoch und ein Blick, der keinen Zweifel daran lässt, dass die Invasion von der Wega begonnen hat. Doch sie wird sich angenehm bewegen lassen, wie eine Sitzprobe vermuten lässt.

Preise an der Schmerzgrenze

BMW benutzt für dieses Marktsegment der spärlich bekleideten Kraftüberschussräder die Bezeichnung „Dynamic Roadster“. Die S 1000 R ist ein glühendes Eisen mit schiefem, leicht wirrem Blick. Den ist man von BMW gewöhnt, ein Markenzeichen mittlerweile, aber so schräg und zugleich so grimmig hat noch keine Maschine aus dem weiß-blauen Imperium geguckt. Dass diese Variante des Supersportlers S 1000 RR kommen würde, war klar, jetzt steht sie da und lässt einen vor Ehrfurcht leicht erschauern. Zu welchem Preis sie angeboten wird, ist eine Überraschung: 1.2800 Euro, für BMW-Verhältnisse geradezu ein Kampftarif. Stabilitätskontrolle, Race-ABS und zwei Fahrmodi sind standardmäßig an Bord, ein semiaktives Fahrwerk gibt es gegen Aufgeld. Der von der Doppel-R gespendete Reihenvierzylinder wurde modifiziert und auf Alltag und Allround abgestimmt: Spitzenleistung von 193 PS (142 kW) auf immer noch gewaltige 160 PS gekappt, Drehzahlkeller besser gefüllt. Nur 209 Kilo soll das Fahrzeuggewicht mit vollem Tank betragen.

Darüber kann der Chauffeur einer R 1200 RT nur lächeln. Der 275-Kilo-Reisedampfer bekommt den neuen Zweizylinder-Boxer mit Luft-/Wasserkühlung, der in der Reiseenduro GS debütierte und quer durch die Modellpalette das etwas schwächere luft-/ölgekühlte Boxer-Aggregat ablöst. Für den Einsatz in der RT erhöhten die BMW-Ingenieure zum Zwecke eines komfortableren Laufs die Schwungmassen, das Triebwerk leistet 125 PS (92 kW) bei 7750/min und schiebt mit bis zu 125 Nm an. Die markentypischen elektronischen Helferlein sind vollzählig versammelt, zudem unterstützt der Luxus-Boxer den Fahrer mit einer Berganfahrhilfe. Mindestens 16990 Euro sind für die RT anzulegen. Glatte 15.000 Euro wird, wie bekannt wurde, der Elektroroller C evolution kosten. Oha. Ob das noch unterhalb der Schmerzgrenze möglicher Kunden liegt, wird sich zur Markteinführung im Frühjahr zeigen.

Ein lebendes Fossil ist der heimliche Star

Es gibt zu Hochvolt, Höchstleistung und Vollausstattung eine Gegenbewegung der Rückbesinnung auf das Einfache, der Reduzierung aufs Nötigste. Wie stark die Zurück-zu den-Wurzeln-Welle inzwischen ist, zeigte die Messe von Mailand. Rückgriffe auf die Vergangenheit gehören zum Repertoire fast jedes Herstellers, und das große Thema „Customizing“ – Umbauen nach persönlichem Geschmack – hat die Industrie reihum erfasst. Alldem widmet sich nun auch Yamaha, wo die Krisenlethargie vergangener Jahre in einen Wirbel der Erneuerung umgeschlagen ist.

Yamaha kommt zur nächsten Saison mit dem leichten, rassigen, vermutlich sehr günstigen Zweizylinder-Allrounder MT-07 (689 Kubikzentimeter, 75 PS). Dabei handelt es sich um eine kleinere Schwester der Dreizylinder-Maschine MT-09, von der wiederum eine Variante im Supermoto-Stil nachgereicht wird. Stark aufgewertet geht die große Reiseenduro XT 1200 Z Super Ténéré ins Modelljahr ’14, so dass sie im Wettbewerb mit BMW GS und Konsorten nun endlich ihre wahres Potential ausschöpfen könnte. Mit der XVS 1300 Custom schicken die Japaner einen lässigen Cruiser auf die Straße. Aufsehenerregend ist die Studie eines Dreiradrollers namens Tricity: Im Unterschied zu den Dreirädern von Piaggio oder Peugeot soll dieses Stadtvehikel mit 125-Kubik-Motor sehr kompakt und wendig ausfallen, nur etwa 150 Kilo wiegen und weniger als 4000 Euro kosten. Das Serienfahrzeug ist für Sommer 2014 angekündigt.

Heimlicher Star am Yamaha-Stand war die SR 400, ein lebendes Fossil. Gereifte deutsche Motorradfahrer haben noch die SR 500 (kam 1978) in Erinnerung. In Japan wird sie – passend zu dortigen Führerscheinbestimmungen – als 400er noch heute verkauft. Nun kehrt der Einzylinder-Methusalem mit 23 PS zu uns zurück, praktisch unverändert (Einspritzung statt Vergaser, Katalysator), für etwa 6000 Euro. Kickstarter, Benzinhahn, mechanischer Tacho, Trommelbremse hinten – das ist Motorradgefühl wie früher. Yamaha preist die SR 400 als Basis für Umbauprojekte zum Café Racer, Scrambler oder Bobber und plant, entsprechende Teile zu entwickeln und im Set anzubieten.

Sehen, hören und fühlen

Auch im Scootermarkt macht sich das „Customizing“ ab Werk breit, Peugeot enthüllte in Mailand einen herzzerreißend hübschen Nostalgie-Roller namens Django mit Motorisierungen von 50 bis 150 Kubikzentimeter Hubraum. Der Clou: Vier Versionen werden angeboten, verschiedene Räder, Reifen, Sitze, Windschutzscheiben, Lampen, Gepäckhalter, Lackierungen ergeben ganz unterschiedliche Charaktere. Im Zubehörprogramm finden sich Zutaten für die weitere „Individualisierung“.

Ein rätselhaftes Bild gibt momentan der Piaggio-Konzern ab. Nichts Neues von den Marken Aprilia, Moto Guzzi, Gilera und Piaggio, Demonstration kurzarbeitender Aprilia-Werker am Messegelände. Auf der anderen Seite der Glanz Vespas: Das Nachfolgemodell des Umsatzbringers LX ist, was auch sonst, eine rollende Skulptur aus Pressstahl, die den alten Namen Primavera mit Würde trägt. Im Design finden sich Spuren der teuren Nobel-Vespa 946 (F.A.Z. vom 5. November). Vier Motor-Varianten (50 bis 150 Kubik) gibt es und dazu das Versprechen einer verbesserten Federung und weiteren technischen Fortschritts. Die Primavera (Frühling), die wir voraussichtlich nächsten Dienstag im Fahrtbericht beschreiben, wird ein Erfolg. Alles andere ist undenkbar.

Womit wir zu Harley-Davidson kommen. Milwaukee macht das für manch einen seiner Verehrer Undenkbare wahr: Produktion der neuen Baureihe namens Street in Indien, jedenfalls für alle Märkte außerhalb der Vereinigten Staaten. Und: 60-Grad-V-Zweizylinder mit 500 und 750 Kubik nicht luft-, sondern wassergekühlt. Nur die 750er wird, frühestens im Herbst 2014, nach Deutschland kommen. Amerika, Südeuropa und Indien werden vorher bedient. Der Weltmarkt ist das Ziel, junge Erwachsene mit „urbanem Lebensstil“ will das Unternehmen mit diesem Typ ansprechen, der für eine Harley außergewöhnlich wendig, gut gefedert, relativ leicht sein soll sowie preiswerter als das bisher günstigste Modell, die Sportster 883 für mindestens 9375 Euro. Die Motor Company verspricht: trotzdem waschechte Harleys, was „look, sound and feel“ betrifft. Man wird sehen, hören und fühlen.