
Auf fast allen Gebieten setzte der vor einem halben Jahrhundert vorgestellte Mercedes-Benz 600 neue Standards. Eine Sternstunde sozusagen.
Die Daimler-Benz AG, stets vornehmer Zurückhaltung verpflichtet, ließ diesmal fünfe gerade sein: „Der Mercedes-Benz 600 ist das technisch fortschrittlichste Automobil unserer Zeit“, hieß es vollmundig in einem Prospekt. Eine solch offensive Feststellung des honorigen Hauses aus Stuttgart-Untertürkheim mag verwundert haben. Noch erstaunlicher freilich war, dass niemand widersprach. Im Gegenteil. Fachleute rund um den Erdball waren sich schnell einig, dass dies mächtige, intern W 100 genannte Monument auf vier Rädern nicht nur das technisch Machbare verkörperte, sondern seine glücklichen Besitzer mit höchstem Komfort, feinster Verarbeitung sowie enormer Leistung bei souveränem Fahrverhalten verwöhnte. Fast folgerichtig ging der inoffizielle, aber eben auch klangvolle Titel „Best Car in the World“ von Rolls-Royce an den „Großen Mercedes“ über, wie der schwäbische Autobauer sein Prunkstück in Anlehnung an den von 1930 bis 1943 gebauten 770 (W 07 bzw. W 150) nannte.
Vorgestellt im September 1963 anlässlich der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main, rückte der pompöse Debütant sofort in den Mittelpunkt. Seine betont sachliche, glattflächige Außenhaut mit ihrer niedrigen Gürtellinie und den schwülstigen Chrom-Ornamenten orientierte sich stilistisch am kurz zuvor gezeigten Mercedes-Benz 230 SL und war, wie der sportliche Zweisitzer, das Werk von Karosserie-Versuchschef Karl Wilfert sowie den Designern Friedrich Geiger und Paul Bracq. Wirklich aufregend aber ging es unter dem selbsttragend ausgelegten, mit der Rahmenbodenanlage verschweißten Blechkleid zu.
Der „Große Mercedes“
Die Mercedes-Konstrukteure hatten alle Register gezogen und dem 600 ein hochkarätiges V8-Triebwerk spendiert, das – hochtouriger ausgelegt – jedem Spitzensportwagen zur Ehre gereicht hätte. Zur Ventilsteuerung stand eine obenliegenden Nockenwelle je Zylinderbank bereit, die Gemischaufbereitung übernahm eine Saugrohreinspritzung von Bosch, und die Leistung des 6,3-Liter-Aggregats wurde mit 250 DIN-PS bei gelassenen 4000 Umdrehungen pro Minute angegeben – genug für eine Höchstgeschwindigkeit von gut 200 km/h. Eine Viergang-Automatik mit hydraulischer Kupplung, ein Sperrdifferential, eine Zweikreis-Scheibenbremsanlage mit Druckluft-Bremshilfe sowie eine aufwendige Luftfederung mit Niveauregulierung und während der Fahrt verstellbaren Teleskop-Stoßdämpfern waren weitere Merkmale des Mercedes 600.
Stichwort Druckluft und „Komfort-Hydraulik“ (so die Mercedes-Terminologie). Durch den Organismus des 600 zog sich ein mehrere hundert Meter dichtes Geflecht aus Öl- und Luftdruckleitungen, das mittels Pumpen und Kompressoren das Leben der Passagiere erleichterte. Es zog die Türen und den Kofferdeckel ins Schloss (um sie pneumatisch zu verriegeln und zu öffnen), hob und senkte die Seitenfenster, bewegte Sitze, Schiebedach und Belüftungsklappen. Ergänzt wurde dieses komplexe System durch zahlreiche elektronische Helfer, deren Stromversorgung zwei Drehstromgeneratoren mit je 490 Watt sicherten.
Enormer Prestigegewinn
Den in Handarbeit zusammengefügten, auf Wunsch gepanzerten „Großen Mercedes“ gab es serienmäßig als viertürigen, 5,54 Meter langen Fünfsitzer sowie als noch gewaltigere, sieben- bis achtsitzige Pullman-Limousine, die sich auf 6,24 Metern streckte und schon bald auch mit sechs Türen zu haben war. Das für Staatsoberhäupter und Potentaten gedachte, Landaulet genannte Halb-Cabriolet auf Basis der Langversion war dagegen nur auf Bestellung lieferbar. Als die Serienfertigung des 600 1964 anlief, schlugen der Fünfsitzer bei uns mit 56.500 Mark und der Pullman mit 63.500 Mark zu Buche. Das war viel Geld – damals, als ein gehobener Mercedes 200 10 800 Mark kostete. 1979, als der bis Mai 1981 gebaute 600 letztmals in den Preislisten auftauchte, wurden 141 232 Mark für die Normalausführung und 171.920 Mark für den Sechstürer aufgerufen.
Insgesamt entstanden bei Mercedes 2190 Normal- und 428 Stretch-Limousinen, 59 Landaulets sowie zwei Coupés. Obwohl ein Zuschussgeschäft, dürfte die Daimler-Benz AG durch den enormen Prestigegewinn dennoch auf ihre Kosten gekommen sein: Königshäuser, Staatsmänner und Diktatoren, der Stellvertreter Gottes auf Erden, Playboys, Filmstars und Showgrößen schmückten sich neben betuchten Bürgern mit einem „Großen Mercedes“. Mindestens mit einem: Mao Tse-tung bestückte seinen Fuhrpark mit gleich elf Exemplaren. Kapitalismus kann eben sehr reizvoll sein.
