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Neue Rivalitäten

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Bei MV Agusta herrscht Aufbruchstimmung. Die Sportmarke erschließt sich neue Segmente. Mit der Rivale 800 gibt es jetzt ein Motorrad im Supermoto-Stil. Bewundernswert ist es geworden.

Es ist nicht so, dass man einer Italienerin grundsätzlich zuerst auf den Auspuff guckt. Es gibt auch andere Reize. Aber was es dort zu sehen gibt, ist oft außerordentlich entzückend. Besonders MV Agusta, dieser italienische Edelzwerg, hat den Auspuffbau zur Kunst erhoben. Nirgends pufft es schöner aus als bei einer F4, einer F3, einer Brutale.

Und nun bei der Rivale 800. Ein klangvoller Name – wem ist der eingefallen? Giovanni Castiglioni, der junge Chef, Nachfolger seines 2011 gestorbenen Vaters Claudio, des Presidente, entdeckte am Ufer eines oberitalienischen Sees ein herrliches Boot vom Typ Riva Rivale. Der junge Presidente erkundigte sich bei Riva, Altadel des Bootsbaus, ob er die Bezeichnung vielleicht verwenden dürfe, man wurde sich schnell einig. Jetzt hat das neue Dreizylinder-Motorrad im Supermoto-Stil einen Namen, wie er nicht passender sein könnte. Castiglioni begibt sich mit der Maschine in ein für MV neues Marktsegment und scheut offensichtlich nicht die Konfrontation mit arrivierten Konkurrenten wie Ducati und KTM.

Ein extrovertiertes, dynamisches Design

Bewundernswert ist sie geworden, eine echte MV Agusta. Die Sportmarke investiert gerade in zahlreiche Neuheiten, erschließt sich neue Segmente (in Kürze kommt sogar ein Tourer), nach wie vor mit dem Anspruch, „Motorcycle Art“ zu produzieren. Mit Hingabe kümmern sie sich in Varese um Formen, Linien, Proportionen. Man ahnt, dass hinter der Ästhetik der Leichtigkeit pedantische Arbeit steckt. Kein Detail wird vernachlässigt, das kurze Flöten-Trio des Rivale-Auspuffs, das den Blick freigibt auf das von einer Einarmschwinge geführte Hinterrad, ist nur ein Blickfang von vielen. Atemraubend luftig geriet das spitz zulaufende Heck mit den beiden Leuchtbändern des Rücklichts unterhalb des Soziussitzes. Im Sinne zusätzlichen Entblätterns lassen sich die Beifahrer-Fußrasten im Nu abschrauben.

Niemals übertreten die MV-Leute die Grenze, an der aus extrovertiertem, dynamischem Design zu dick aufgetragene Aggressivität wird. Unvernunft allerdings erlauben sie sich: Nur 12,9 Liter fasst der Benzintank, das Display des Digital-Cockpits ist mäßig abzulesen. Und die Rückspiegel mit integrierten Blinkern und Positionsleuchten sitzen – ausdrücklicher Wunsch Castiglionis – außen an den Handprotektoren. Die Spiegel stehen also seitlich ab von der ohnehin mordsbreiten Lenkstange, das sieht lässig aus. Bloß bleibt man im Stadtverkehr öfter mal hängen. Die Lösung war schon von Ducatis Hypermotard bekannt und wurde dort wieder abgeschafft. MV hat immerhin die Klappmechanik pfiffig hinbekommen – und bietet sicherheitshalber im Zubehör konventionelle Rückspiegel an. Erstaunlich lieblos wurden an den ersten Testmaschinen die Elektrokabel am Lenker verlegt – hier soll nachgebessert werden.

125 PS (92 kW) bei 12.000/min leistet der schon aus der Brutale 800 bekannte wassergekühlte 800-Kubik-Dreizylinder, dem ein Motorschutz optisch Gewicht verleiht. Technisch nimmt er wegen seiner rückwärts rotierenden Kurbelwelle eine Sonderstellung ein. Die Rivale fährt trotzdem vorwärts, und zwar zügig. In niedrigen und mittleren Drehzahlen entwickelt sie grummelnd einen wunderbar gleichmäßigen Schub, ab etwa 7000/min jagt sie Richtung Orbit und klingt dann nach Agostini. Zwischen 7000 und 12.000/min sind stets mehr als 70 Nm Drehmoment anwesend, die Spitze von 84 Nm wird bei 8600/min erreicht. Die offizielle Höchstgeschwindigkeit beträgt 245 km/h, was man nicht erleben muss auf einem so zierlichen, unverkleideten Motorrad.

Nichts für Siegfriede und Kleinpiloten

Auf der Landstraße schwingt die gut 190 Kilo wiegende MV mit frappierender Leichtigkeit von Kurve zu Kurve, ist agil, aber nicht zappelig. Feinfühlige Federung, transparentes Fahrwerk, kraftvolle, nicht zu bissig abgestimmte Bremsen, knackiges Getriebe tragen zum Genuss bei, ebenso wie die mittlerweile guten Manieren des Triebwerks. Im Schwestermodell Brutale hatte der Dreizylinder anfangs wegen harter Gasannahme und unharmonischen Lastwechseln Kritik ausgelöst, das scheint behoben. Verschiedene Fahrmodi, achtfach einstellbare Traktionskontrolle sowie „Quick Shift“ (zum Hochschalten bei stehendem Gast ohne Kupplung) unterstützen den Fahrer. ABS jedoch wird leider erst Mitte nächsten Jahres zur Verfügung stehen.

Die Sitzposition ist nach Supermoto-Manier stark zum Vorderrad hin orientiert. Siegfriede von 1,90 Meter Körpergröße wirken deplaziert auf der kompakten Maschine (Radstand 1410 mm), Kleinpiloten wiederum hadern mit der stattlichen Sitzhöhe von 881 mm. Alle anderen dürften sich wohl fühlen und bei sportlicher Fahrweise die Vorzüge der großen Bewegungsfreiheit auf der Sitzbank schätzen.

Giovanni Castiglioni hält die Rivale für die bisher beste MV Agusta überhaupt. Wir halten sie nach einer ersten Probefahrt für einen guten Grund, zu prüfen, ob sich irgendwie 12.865 Euro lockermachen lassen. Schon allein wegen dieses Auspuffs.