
Kaum zu glauben, aber wahr: Zwölf Zylinder im Ferrari faszinieren auch auf dem täglichen Weg ins Büro. Du fliehst einfach gen Horizont. Doch so ein Auto kann auch für Probleme sorgen.
Ein Ferrari ist im Haus. Das wirft Fragen auf. Wie bekommt man es hin, braune Schuhe zum dunkelgrauen Anzug zu tragen? Kann ich eine Pizza Pepperoniwurst für 5,50 Euro bestellen, obwohl draußen 740 Pferde angebunden sind? Wie lässt sich der Menschenauflauf zerstreuen, ohne dabei den unablässig „Mamma mia, che bella macchin!“ ausrufenden italienischen Nachbarn so zu kränken, dass er sich nicht gleich auf den Boden wirft, wälzt und die Gelbe Karte fordert?
Wo stellt man dieses Auto ab während eines Termins in einem Viertel, in dem Rot und Licht andere Bedeutung haben als Außenlackierung und LED-Scheinwerfer? Die letzten Worte des etwas unruhigen Ferrari-Mitarbeiters vor der Abfahrt klingen uns noch im Ohr: Sie haben doch eine Garage? Ja, ja, haben wir, aber in der Frankfurter Innenstadt gerade nicht zur Hand. Wir stellen den F12 in ein Parkhaus. Es passiert nichts.
Nur acht Durchgänge Probesitzen
Bis wir wieder wegfahren. So ein Parkhaus ist ein schöner Resonanzkörper. Der Zwölfzylinder erhebt sich nach Druck auf den roten Startknopf aus seinem vorübergehenden Ruhestand je nach Temperatur mit einem zornigen Satz oder mit einem sehr zornigen in die Nähe von 2.500/min. Im familieneigenen Diesel wäre das keiner Erwähnung wert. Hier schon. Ja, uns ist das mit dem Feuerwehreinsatz auch unangenehm, und nein, wir können uns nicht erklären, wieso die Brandmelder geborsten sind.
Wochenende, Tennisplatz. Es lebt sich ganz gut zwischen Porsche und Range Rover. Schon nach acht Durchgängen Probesitzen ist die Schar Neugieriger zufriedengestellt. Der Tag geht entspannt zu Ende, ein Pokal des Filius ist zu verbuchen, Mann und Frau entern ihre Gefährte. Wir hätten das mit der vierflutigen Auspuffanlage gern noch erklärt, aber da hatte die hinter dem startenden Ferrari entlangschlendernde Dame schon vor Schreck alle Taschen fallen lassen.
Dabei wussten wir doch um die Erschütterungen, den Startknopf, gelobten Zurückhaltung (nicht wirklich), und wir hatten in den Rückspiegel geschaut (wirklich). In dem ist leider nichts zu erkennen. Ein Ferrari-Pilot blickt nach vorn, nur nach vorn, sagte schon Fernando Alonso. Der muss dabei ständig einen Red Bull Renault ertragen, wir nur den langen Strich, der die Fahrspur auf der Autobahn teilt.
Das Auto ist eigentlich ein GT, hat der Ferrari-Mann gesagt. Schon klar. Ihn locker um die Kurven zu werfen ist bei 4,62 Meter Länge und 1.630 Kilogramm keine leichte Übung. Also schnurstracks dem Horizont entgegen. Fünf rote Warnleuchten blitzen nach und nach im Lenkrad auf, immer wenn die Maschine 5.500/min üerschreitet, die Automatik wirft die nächste Stufe ein. Oder man nimmt die Schaltarbeit, die ein Vergnügen ist, über Paddel selbst in die Hand.
Das Gebrüll ist infernalisch, herrlich
Das Gebrüll des Zwölfzylinders, der eben in der Stadt noch dezent vor sich hin brabbelte und ohne Murren durch die 30-km/h-Zone surrte, ist jetzt infernalisch, herrlich. Resonanzrohre vom Auspuff führen gen Innenraum, damit man jederzeit im Tone ist. Der Drehzahlmesser zuckt hoch, vor der Angabe km/h laufen Ziffern durch: 220, 240, 270, es sind jetzt keine nennenswerten Fahrwiderstände zu erkennen, die einer weiteren Beschleunigung abträglich wären. 285, 301, 306. Genug. So leer ist keine Autobahn. Ferrari gibt als Höchstgeschwindigkeit „Über 340 km/h“ an.
Es wird stimmen, so wie die 8,5 Sekunden. Von null auf 100 km/h? Auf 200. Launch Control ist dabei hilfreich. In Kurzform: System aktivieren, linken Fuß auf die Bremse, rechten Fuß voll aufs Gas, linken Fuß lupfen, beim Ausbruch des Ätna das Schalten nicht vergessen. Das Heck möchte vor der Front ins Ziel, die Elektronik unterbindet übermäßige Ausbruchversuche. Man kann sämtliche elektronischen Hilfen mit dem Manettino genannten Drehschalter am Lenkrad abschalten. Man kann 268400 Euro in die Wand setzen.
Welch schöne Details
Das mit den Kurven geht übrigens trotzdem recht flott. Die Lenkung ist präzise, das Fahrwerk knackig, die Konkurrenz in der psychotherapeutischen Nachsorge. Es gibt da noch ein paar Dinge: Hatten wir schon diese stilvollen Nähte im edel ausgeschlagenen Innenraum erwähnt? Die Ringe an den Lüftungsdüsen sind eine Verführung. Das Handschuhfach wird auf Knopfdruck elektrisch entriegelt. Welch schöne Details.
Im Kofferraum ist Teppich ausgelegt, den unsere Katze nicht mehr preisgeben würde. Das Lenkrad und seine Umgebung? Sie kommt ohne Hebel aus, weshalb man die Fahrtrichtungsanzeiger über Tasten nach links mit dem linken und nach rechts mit dem rechten Daumen betätigt. Ein Knopf für die Scheibenwischer, einer für das Fernlicht, das Volant ist der Kommandostand. Es gibt ein Radio, wir hatten es nie an. Wem aber ist das Reibeisen im Fußraum auf der Beifahrer-Innenseite eingefallen? Irgendwie albern und gendermäßig natürlich vollkommen unkorrekt.
Mit dem iPhone 5 verbindet sich der Ferrari ungern
Die Fensterheber kauern in der Mittelkonsole. Die beiden recht kommoden Sitze sind nicht höhenverstellbar und längs manuell zu justieren. Man hatte uns wohl die Billigversion zugeführt. Der Kofferraum liegt hinten und ist nach Maßstäben von Supersportwagen verschwenderisch groß, nur die Kante in Schulterhöhe erschwert die Beladung, sofern kein Gabelstapler bereitsteht. Die Anzeigen im Armaturenträger sind von gestern mit dem technischen Unterbau von vorgestern.
Mit dem iPhone 5 verbindet sich der Ferrari eher ungern. Das wird so nicht bleiben können, nicht nur wegen der Asiaten, die diesbezüglich wenig Spaß verstehen. Jaha, und der Verbrauch. Die italienischen Scherzbolde geben doch glatt 15 Liter auf 100 Kilometer an. 25 Liter sind schon realistischer. Volltanken beschert einen Krater im Portemonnaie und magere 400 Kilometer Reichweite.
Der Einfüllstutzen macht dich zum Depp an der Tanke. Man muss ihn mit der Nase der Zapfpistole ein wenig nach oben schieben, um die Öffnung frei zu bekommen. Wer das nicht weiß, fummelt mit der Pistole hilflos herum. Schwamm drüber, die Kommentare der Aral-Fachkraft tun schon fast nicht mehr weh.
Es ist ein feuchter Herbstmorgen, unser letzter Tag. Der Zwölfzylinder grummelt und dampft vor sich hin wie das Ungeheuer von Loch Ness, bevor es aus dem See springt. 20 Prozent aller F12-Fahrer nutzen ihren jeden Tag, die meisten anderen fahren nur 2.000 Kilometer im Jahr. Wir gehörten gern zur Minderheit. Ein Ferrari geht aus dem Haus. Noch einmal anlassen.
