
Der Renault 4 war nicht das erste Auto der Familie, doch er brachte savoir vivre. Und dem frischgebackenen Führerscheininhaber große Mobilität. Der Renault 4 ist eben ein Traumauto.
Im Rückspiegel gesehen ist manches im Blick verklärt. Nicht diese Aussage: Der Renault 4 ist ein Traumauto. Denn als der kleine Franzose um das Jahr 1980 in die Familie kam, erfüllten sich Träume. Als erster Zweitwagen war er Mutters Auto und auf einen Schlag verdoppelte Mobilität, somit epochal. Vater fuhr damals einen Ford Granada in Ghia-Ausstattung, mit sanft gurgelndem Motor, gigantischem Innenraum, samtweichen Polstern und Echtholztürleisten. Dessen Opulenz und auch Benzindurst wurde zumeist an den Wochenenden der R4 mit seinen 34 PS und dünn beplanktem Blech entgegengesetzt, der dann zur frugalen Ausflugskutsche für Eltern mit Tochter und Sohn wurde. Der Niederrhein wurde mit ihm in einer bis dato nicht gekannten Leichtigkeit entdeckt. Erst später wurde in dieser Leichtigkeit ein savoir vivre erkannt.
Der Familien-R4 war nicht irgendeiner: Es kam in der Sonderausführung „Safari“ daher. Diese zeichnete sich durch bunteste Außenfarben (gewählt: Türkis) und schwarze Anbauteile statt Chromzier, fröhliche Sitzpolster (obligat: türkis-gelb-schwarz quergestreift) und breite Gummileisten an den Türen aus. Die Sitze waren keine im Fauteuil-Stil, sondern aus Stahlrohr gefertigt und inklusive eben des farbschreienden Oberstoffs eher ein rasantes Gartenmobiliar. Vater betonte stets die fix vorhandenen Kopfstützen, damals weithin nicht üblich, und ihr Sicherheitsplus, und der Genickpunkt wäre im Safari sicherlich weniger ein Knickpunkt gewesen im Falle eines Unfalls, doch wollte man sich Auswirkungen auf alle anderen Körperpartien besser nicht vorstellen.
Ein einfaches Blechdings
Denn das Auto war ein einfaches Blechdings mit nur rudimentären Verformungszonen, aber auch das war noch vor 30 Jahren in der Automobillandschaft nicht selten. Das insgesamt Simple des R4 resultierte in einer immensen Leichtigkeit des Seins. Genau das mochten wir: Alles schien mit ihm möglich, und es kostete nicht die Welt. Ein Verbrauch von nur fünf bis sieben Liter – perfekt. Die riesige Heckklappe inklusive umklappbarer und sogar herausnehmbarer Rücksitzbank – kubikmeterweise Platz für alle Lebenslagen. Ein 34-PS-Vergasermotörchen, das freudig hochdrehte und die Fuhre locker auf 130 km/h bringen konnte – manche Tour ist schnell angetreten.
Zu dieser Leichtigkeit des Seins gehörte unbedingt auch der nonchalante Umgang mit dem Blech. Als Gebrauchter des Baujahrs 1976 stieß er zur Familie und trug bereits das ein oder andere Mal des Lebens, so dass es auf Zusatzmale auch nicht ankam. Der Umgang mit dem immanenten Rostproblem war souverän: Alle zwei Jahre bei anstehendem TÜV erhielt der R4 ganz einfach zwei neue vordere Kotflügel, die es billig gab – Korrosionsentfernungsarbeiten wären aufwendiger gewesen. An anderen Stellen durfte der Sohnemann mit Drahtbürste, Rostschutzfarbe, Spachtelmasse und Türkis das Auto partiell renovieren.
Er brachte es dabei zu großer Kunstfertigkeit und war sich stets sicher, dass der Prüfer nimmer eine Laienarbeit erkannte. Weit gefehlt, es waren die Stellen, wo der ganz genau hinschaute. Das hätte er auch im Kofferraum und an den dortigen Radhäusern liebend gern getan, doch dieser war, welch Zufall, auf Anraten des betreuenden Automechanikers just immer dann mit zwei prallen Kartoffelsäcken oder riesigen leeren Pappkartons gefüllt, wenn Mutter beim TÜV vorfuhr, und fürs Ausladen war sich der Herr im weißen Prüferkittel zu schade. Für den Sohn wurde der R4 zudem Wegbereiter der Automobilität. Diese kündigte sich schon Jahre vor dem Führerschein über die ein oder andere Bastelarbeit an.
Mutter duldete den Einbau eines Stereo-Autoradios, bedingte sich aber den Verbleib des vorhandenen Monogeräts mit seinen mechanischen Stationstasten (U-U-M-L-K) wegen der gewohnten Bedienung aus- so konnte der Franzose auf Wunsch mit zwei Radios schallen. Ein äußerst subtiles Tuning war das Anmalen des Michelin-Schriftzugs inklusive der Reifengröße an allen vier Rädern in Weiß zwecks sportlicher Optik, die gerade dem Safari-R4 auch vorzüglich stand- weil das aber mit Kreide passierte, floss die Zierde spätestens mit dem nächsten Regen dahin. Eine große Zeit dann das Selberfahren mit dem R4 mit 18 Jahren, endlich. Die Eltern genehmigten recht freigiebig die Nutzung, wenn Mutter das Auto nicht benötigte.
Sprung in größere Freiheit
Der damalige Mobilitätsgewinn fühlt sich auch rückblickend als der wichtigste überhaupt an, ermöglichte er doch den Sprung in noch größere Freiheit. Herrlich leicht ließ sich das Auto bewegen, die Motorleistung genügte vollauf, eine Servolenkung wurde nicht vermisst. Und der Umgang mit der Krückstockschaltung wurde souverän gemeistert. Perfekt die Straßenlage – in schnell gefahrenen Kurven warf sich allenfalls die Karosserie in eine kecke Schräglage zur entgegengesetzten Seite. Fürs flotte Fahren nicht ganz angemessen waren hingegen die Bremsen, die zudem gern auch mal einseitig zogen.
Aber das Gesamtpaket half, sämtliche Sinne fürs Autofahren zu schärfen. Nur ein Extra wurde vermisst: Ein Faltdach hätte den Genuss der französischen Leichtigkeit verstärkt. Die Schiebefenster in allen Türen waren ein zwar witziger, aber ungenügender Ersatz. Und sie ließen sich mit den Jahren auch immer schwerer öffnen, als die Laufschienen längst mehr Moos als Dichtung trugen. Der R4 verließ die Familie um das Jahr 1988, als der damalige Erstwagen zum Zweitwagen wurde, ein VW Jetta mit Automatikgetriebe in Polarsilber. Fortan war Solidität statt Leichtigkeit zu spüren. Mehr Leben war vorher.
