Die Gegenwart

Prinz und King

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Vor 50 Jahren hielt Martin Luther King in Washington seine historische Rede „I have a dream“. Neben ihm stand ein Mann, der Kings Denken beeinflusst hat und dennoch fast vergessen ist: der Rabbiner Joachim Prinz, der 1937 von Berlin in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und dort sein Leben der Bürgerrechtsbewegung verschrieb.

In den frühen Morgenstunden des 28. August 1963 glich Washington D.C. einer Geisterstadt. Sämtliche Spirituosengeschäfte hatten geschlossen, die Waren und Auslagen vieler anderer Läden waren längst aus der Stadt gebracht worden, die Angestellten des öffentlichen Dienstes genossen einen behördlich genehmigten freien Tag. Die amerikanische Hauptstadt rüstete sich für die bis dahin größte Demonstration in ihrer Geschichte, den „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Sowohl die Regierung unter Präsident John F. Kennedy als auch die Stadtverwaltung hatten versucht, die Demonstration zu verhindern, und als das nicht gelang, sie zumindest empfindlich zu stören. Sie untersagten den Teilnehmern die Übernachtung in der Stadt, verboten die Mitnahme regierungskritischer Plakate und verlegten den Aufmarsch auf einen regulären Arbeitstag. Zeitungsberichte sorgten zudem dafür, dass in Washington die Angst vor schweren Ausschreitungen, Plünderungen und Vergewaltigungen umging. Doch die Bürgerrechtler waren nicht aufzuhalten. Statt der prognostizierten Bürgerkriegsatmosphäre herrschte am Morgen des 28. August unter den Demonstranten eine ausgelassene Stimmung. Bei strahlendem Sonnenschein wurde gelacht, getanzt und gesungen. Immer wieder erklangen Lieder der Befreiungsbewegung wie das „We shall overcome“. Fast 200 000 Teilnehmer waren bereits am Washington Memorial versammelt, mehr als 250 000 sollten es bei der Abschlusskundgebung werden. Ein Viertel von ihnen waren Weiße, der Großteil davon Juden.

Nur wenige Wochen zuvor waren die verschiedenen Bürgerrechtsorganisationen ob ihrer Ziele und Mittel zerstritten. Organisationen des Südens haderten mit denen des Nordens, zwischen den Radikalen und den Gemäßigten ging es hin und her. Der größte Streit tobte über der Frage, ob die Kennedy-Regierung unterstützt oder bekämpft werden sollte. Am Nachmittag des 28. August waren alle Rivalitäten jedoch vergessen. Die Organisatoren hatten nicht nur die wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen vereint, sondern auch die größten Religionsgemeinschaften und Teile der

Gewerkschaften integriert. Der heraufbeschworene Gewaltexzess blieb aus.

Bei der zentralen Abschlusskundgebung vor dem Lincoln Memorial wurden jedem Redner höchstens sieben Minuten Zeit zugestanden. Nur einer setzte sich darüber hinweg: Martin Luther King. Nach der Verlesung seines Manuskripts folgten in freier Rede jene Worte, die ihn weltberühmt und zum Sprachrohr der Bürgerrechtsbewegung machen sollten: seine Sequenz „I have a Dream“. Ein Jahr später wurde die „Segregation“, die sogenannte Rassentrennung, in den Vereinigten Staaten von Amerika per Gesetz abgeschafft – ein Erfolg, der auch auf die Demonstration am 28. August 1963 und die Rede Martin Luther Kings zurückzuführen war.

Die Rede Kings wurde schon unmittelbar nach dem 28. August zu einem ikonischen Ereignis, das alle anderen Geschehnisse verblassen ließ. So erinnert sich heute kaum noch jemand an den kleinen Mann mit Sonnenbrille, der an Kings Seite zum Lincoln Memorial schritt und dem die Ehre zuteil wurde, unmittelbar vor King sprechen zu dürfen: Rabbi Joachim Prinz, der Präsident des American Jewish Congress (AJC). Mit seiner Familie war er aus Newark gekommen, um diesen denkwürdigen Tag der amerikanischen Geschichte, aber auch seiner eigenen politischen Biographie zu erleben.

Prinz betrat die kleine Bühne, nachdem die Gospelsängerin Mahalia Jackson, der musikalische Star der Bürgerrechtsbewegung, gesungen hatte. „Ich wünschte, ich könnte singen“, waren seine ersten Worte, die seine Nervosität widerspiegelten, die er hinter einer Sonnenbrille zu verstecken suchte. Noch nie hatte der erfahrene Redner Prinz vor einer derartig großen Menschenmenge gesprochen. Nun legte er dar, was er unter dem „American Dream“ verstand und warum Juden und Schwarze nur gemeinsam kämpfen könnten, um diesen Traum dereinst zu erfüllen.

Prinz sprach davon, dass Juden und Schwarze die gleiche leidvolle Geschichte von Sklaverei, Unterdrückung und Diskriminierung teilten. Es sei daher „nicht allein Sympathie und Mitgefühl für das schwarze Volk Amerikas“, das ihn und die Juden motiviere, für die Rechte der Schwarzen einzutreten, sondern „ein Gefühl vollständiger Identifikation und Solidarität“. Aber nicht in dieser Geschichte allein liege sein Einsatz für die Bürgerrechte begründet, sondern auch in seiner persönlichen Biographie.

Zwar versicherte er seinen Zuhörern, er spreche „als ein amerikanischer Jude“. Doch seine Wurzeln lagen im Deutschland der Weimarer Republik und der ersten Jahre des Nationalsozialismus. Damals habe er vor allem gelernt, dass „Intoleranz und Hass nicht das dringendste Problem sind. Das dringendste, das erbärmlichste, das schändlichste und das tragischste Problem ist das Schweigen.“ Einst ein großartiges Volk, seien die Deutschen im Angesicht von Hass, Brutalität und Massenmord zu schweigenden Zuschauern geworden. Amerika, so Prinz, dürfe einen solchen Weg nicht einschlagen, dürfe nicht zu einem Volk von Zuschauern werden. Amerika könne nicht schweigen, nicht der Schwarzen, sondern des „Bilds, der Idee und des Anspruchs Amerikas selbst“ wegen.

Bis heute ist nicht geklärt, was King bewog, seiner Rede das „I have a dream“ anzufügen. Gemeinhin wird angenommen, Mahalia Jackson habe King dazu aufgefordert. Einer der besten Kenner Kings, der amerikanische Literaturwissenschaftler Eric J. Sundquist, vermutet hingegen, dass es „Joachim Prinz gewesen sein könnte, der Kings bekannten Gedankengang ausgelöst“ habe. Prinz hatte am Ende seiner Rede eben von jenem American Dream gesprochen, der „Freiheit und Gerechtigkeit für alle“ verspreche und doch bisher nur Absicht geblieben sei. Die Zeit sei reif, dafür zu kämpfen, rief er dem Publikum entgegen, dass dieser Traum zu einer „unerschütterlichen Realität in einem moralisch erneuerten und vereinigten Amerika“ werde. Gut möglich, dass sich King von diesen Worten inspirieren ließ, als er von seinem Traum eines Amerika ohne Rassismus sprach.

Zur Zeit des Marschs auf Washington war Prinz längst eine herausragende Persönlichkeit des amerikanischen Judentums. Neben der Präsidentschaft einer der größten jüdischen Organisationen, des AJC, hatte er viele weitere einflussreiche Posten in amerikanischen und internationalen jüdischen Organisationen inne. Er war zudem enger Vertrauter und politischer Weggefährte Martin Luther Kings und hatte den AJC zu einer wichtigen Stütze der Bürgerrechtsbewegung gemacht. Seine Bedeutung in Amerika war vergleichbar mit der Prominenz, die er vor seiner Emigration im nationalsozialistischen Deutschland gehabt hatte. Nach Leo Baeck war Prinz damals der wohl bekannteste Rabbiner in Deutschland. Und dennoch wurde Prinz von der Geschichte nahezu vergessen. In Berlin, seiner ersten Wirkungsstätte, fehlt jeder Hinweis auf sein Leben und seinen Einfluss. Wer war also jener Joachim Prinz, den der amerikanische Historiker Michael A. Meyer als eine der bedeutenden Figuren in der modernen jüdischen Geschichte bezeichnet?

Joachim Prinz wurde am 10. Mai 1902 in dem kleinen Ort Burkhardsdorf in Oberschlesien geboren. Seine Eltern waren assimilierte Juden, die Tradition und Religion kaum mehr Bedeutung beimaßen, sondern sich zuerst als Deutsche verstanden. Das Bedürfnis, sich von seinem Vater abzugrenzen, den er als „ängstlichen und feigen Juden“ bezeichnete, sowie die Erfahrungen mit dem militanten Antisemitismus während und nach dem Ersten Weltkrieg führten Prinz zum Zionismus und zur jüdischen Religion. 1921 begann er eine Rabbinerausbildung am Jüdischen Theologischen Seminar in Breslau und ein Universitätsstudium, das er 1924 als Doktor der Philosophie abschloss. 1926, im Alter von gerade 24 Jahren, wurde er als Rabbiner an die Berliner Gemeinde Friedenstempel berufen.

Sein Wirken in der Gemeinde und im jüdischen Berlin war für einen Rabbiner durchaus unkonventionell. Nicht die klassische jüdische Liturgie, sondern eine beinahe protestantische Predigt war das Herzstück seines Gottesdienstes. Zum anderen entsprach sein Lebenswandel nicht den üblichen Vorstellungen geistlicher Würde und Seriosität. Prinz verkehrte nicht mit dem jüdischen Establishment, sondern genoss das Nachtleben der Metropole Berlin. In seinen Memoiren hat er die Erinnerung an ausschweifende Partys, Alkoholexzesse sowie sexuelle Abenteuer und Affären festgehalten. Prinz und seine Ehefrau Lucie Horovitz widersetzten sich offensiv dem ihrer Ansicht nach bürgerlichen Monogamiegebot.

Seine unkonventionelle Lebens- und Arbeitsweise verhalf Prinz besonders unter der jungen jüdischen Bevölkerung Berlins zu einer Popularität, die sich nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Januar 1933 noch steigern sollte. Als die Nationalsozialisten die Emanzipation in Frage stellten und die Juden zu einer minderwertigen Rasse erklärten, war es – neben anderen wie Robert Weltsch oder Leo Baeck – besonders Joachim Prinz, der ihnen Würde, Stolz und Zuversicht zurückgab. Sein 1934 erschienenes Buch „Wir Juden“ wurde zu einem der wichtigsten und umstrittensten Werke deutsch-jüdischer Publizistik der dreißiger Jahre. Es wurde von Liberalen und sogar im eigenen zionistischen Lager teils scharf kritisiert.

Sein Erfolg bei der Jugend hingegen war überwältigend. Eva Samo, eine Freundin aus den Berliner Jahren, berichtete Jahrzehnte später: „Er war für uns das, was man heutzutage einen Rockstar nennen würde.“ Wenn Prinz sprach, waren Synagogen oder Vortragssäle bis auf den letzten Platz belegt. Die Gestapo überwachte ihn und ließ ihn immer wieder verhaften. Aber auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft geriet er an seine Grenzen. Von deutschnationalen Juden erhielt er Morddrohungen, unter der Geistlichkeit avancierte er zum störenden Außenseiter. Der Rabbinerrat entzog ihm 1935 das Rabbinat.

Immer stärker geriet Prinz nun auch ins Visier der Gestapo, die ihm die Auswanderung nahelegte. Im Frühjahr 1937 begab sich Prinz auf eine mehrwöchige Reise nach Nordamerika, kehrte nochmals nach Berlin zurück und verließ Deutschland endgültig im Juli jenes Jahres.

Amerika war für Prinz nicht das Ziel seiner Wünsche gewesen, sondern die beste aller Möglichkeiten. Nach der Rückkehr von seiner ersten Reise im Frühjahr 1937 veröffentlichte er in der deutsch-jüdischen Monatsschrift „Der Morgen“ einen Reisebericht, in dem er seine mögliche neue Heimat scharf kritisierte. Am stärksten fühlte er sich von der Rassentrennung abgestoßen, aber er zeigte sich auch enttäuscht von seinen amerikanischen Glaubensbrüdern. Dass sich auch Juden rassistisch verhielten, verunsicherte ihn. Jemand, der den Nationalsozialismus und damit das Getto der Neuzeit kennengelernt habe, habe einen vollständig anderen Blick: „Merkwürdig, wie anders unser Blick geworden ist. Wir, die wir hingekommen sind, um uns ,umzublicken’, sehen schärfer und empfinden stärker. . . . Wir verstehen deshalb nicht, dass auch die Juden dort die Neger höchst gleichgültig betrachten, und dass auch sie hochmütig sind. . . . Wir können das nicht. Wir verstehen sie zu gut, die Schwarzen im Getto zu Harlem.“

Wenige Wochen nach seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten wurde er abermals Zeuge des Rassismus in jüdischen Kreisen. Vor einer Veranstaltung in Atlanta, zu der er von zionistischer Gruppen eingeladen worden war, traf er den schwarzen Theologen Willis Jefferson King zum Abendessen. Anschließend teilte ihm einer der Organisatoren seine Verwunderung darüber mit, dass sich Prinz mit „diesem Nigger“ getroffen habe. Prinz war schockiert. In seiner postum erschienenen, von Michael A. Meyer herausgegebenen Autobiographie erinnerte er sich an dieses Initialereignis: „Ich sagte ihm, dass ich einfach nicht begreife und bisher nicht wusste, dass Juden, die klassischen Opfer rassistischer Verfolgung, selbst Rassisten sein können. Ich sagte, dass das, was offensichtlich der schwarzen Bevölkerung Amerikas widerfährt, genau das gleiche ist, was mit dem jüdischen Volk in Europa geschieht.“ Die Diskriminierung der Schwarzen avancierte zu einem seiner Hauptthemen, die Bürgerrechtsbewegung wurde zu seiner zweiten politischen Heimat.

Die Zusammenarbeit von Juden mit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung war dabei durchaus kein Einzelfall, sondern hatte eine lange Tradition. Besonders in den Südstaaten waren Juden und Schwarze in ähnlicher Weise von Verfolgung und Gewalt bedroht. Aber auch in den anderen Regionen war die Diskriminierung von Juden nicht unbekannt, etwa im Hotel- und Wohnungswesen sowie in Beruf und Ausbildung. Entsprechende Bestimmungen wurden erst Ende der fünfziger Jahre abgeschafft.

Die gemeinsame Unterdrückungsgeschichte führte mitunter zu einem gemeinsamen Kampf von Schwarzen und Juden. Besonders eng war die Bindung zwischen jüdischen Organisationen und der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), unter deren Gründungsmitgliedern ebenfalls Juden waren. Geradezu einzigartig war jedoch das intensive Verhältnis Martin Luther Kings zum Judentum und zu einigen seiner Vertreter, vor allem zu Joachim Prinz.

Ende der fünfziger Jahre hatten sich die beiden Männer kennengelernt und waren in einen intensiven Briefwechsel eingetreten. Als Prinz im Mai 1958 in Miami Beach zum Präsidenten des AJC gewählt werden sollte, nutzten er und der New Yorker Geschäftsmann Stanley Levison die Gelegenheit, King als Gastredner einzuladen. Kings Rede auf der Jahresversammlung des AJC war sein erster Auftritt vor einem nahezu weißen Publikum im amerikanischen Süden. Zwei Jahre später war King abermals bei Prinz zu Gast und hielt eine Rede in dessen Synagoge Temple B’nai Abraham.

Die enge, beinahe freundschaftliche Beziehung zu Levison und Prinz, später noch zu dem jüdischen Theologen und Philosophen Abraham Joshua Heschel, beeinflusste Kings Denken und Handeln. Wie kein Zweiter der Bürgerrechtsbewegung kannte er die jüdische Geschichte und das Schicksal der Juden im Holocaust. Als Marek Edelmann, ein Kommandeur des Warschauer Gettoaufstands, 1963 in New York auf King traf, war er überrascht: „Es war irgendwo auf der Fifth Avenue. Wir sprachen lange miteinander. Er kannte die Geschichte des Holocausts und des Gettos. Er wusste über unseren Kampf Bescheid.“

Immer wieder kam King, ob vor jüdischem oder nichtjüdischem Publikum, auf die lange Leidensgeschichte der Juden und vor allem den Holocaust zu sprechen. In seiner Rede in Miami Beach 1958 sagte King: „Mein Volk wurde in Ketten nach Amerika gebracht. Euer Volk wurde hierher getrieben, um den Ketten, die ihnen in Europa angelegt wurden, zu entrinnen. Unsere Einigkeit ist aus unserem jahrhundertealten gemeinsamen Kampf geboren, nicht allein uns selbst aus der Knechtschaft zu befreien, sondern die Unterdrückung von Menschen überhaupt unmöglich zu machen.“

Diese Analogie wurde von King in verschiedenen Varianten zu unterschiedlichen Gelegenheiten wiederholt. In dem berühmten „Letter from Birmingham Jail“ vom April 1963, eine Art Grundlagentext der Bürgerrechtsbewegung, berief sich King in seiner Interpretation der rassistischen Segregation der Vereinigten Staaten auf das Konzept des jüdischen Theologen Martin Buber, der auch Prinz während seiner Jahre in Deutschland stark beeinflusst hatte. Ziviler Ungehorsam sei nötig, hieß es weiter in dem Brief, wenn die Gesetze eines Landes der Humanität und Gerechtigkeit widersprächen: „Wir sollten nie vergessen, dass alles, was Adolf Hitler in Deutschland tat, ,legal’ war. Es war hingegen ,illegal’ in Hitlers Deutschland, einen Juden zu ermutigen und zu helfen. . . . Wenn ich in jener Zeit in Deutschland gelebt hätte, dessen bin ich mir sicher, hätte ich meine jüdischen Brüder ermutigt und ihnen geholfen.“

Diese Äußerungen Kings spielten auf einen Konflikt an, den Prinz mit anderen jüdischen Organisationen und Repräsentanten austrug. Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre war unter der Präsidentschaft von Joachim Prinz der Kampf für die Bürgerrechte zum Hauptbetätigungsfeld des AJC geworden. Prinz und der AJC drängten die amerikanische Administration immer wieder persönlich oder in Briefen dazu, die Segregation per Gesetz zu beenden. Der AJC beteiligte sich an Demonstrationen der Bürgerrechtsbewegung, rief zum Boykott von Geschäften und Unternehmen mit einer rassistischen Kunden- und Personalpolitik auf und tat dies vor allem vor diesen Geschäften selbst. Besonders die Boykottstrategie war umstritten. Die Belagerung von Geschäften mit Boykottplakaten erinnerte einige Juden zu stark an die antijüdischen Boykottkampagnen im nationalsozialistischen Deutschland.

Die gemeinsame Leidenserfahrung von Juden und Schwarzen führte nicht nur dazu, dass Prinz die Bürgerrechtsbewegung unterstützte. Seinerseits trat King wie kein anderer gegen den zunehmenden Antisemitismus unter der schwarzen Bevölkerung Amerikas ein. Zusammen mit jüdischen Organisationen prangerte er zudem den Antisemitismus in der Sowjetunion an und verteidigte leidenschaftlich das Existenzrecht Israels. Während des Sechstagekriegs 1967 verteidigte King öffentlich das israelische Vorgehen und verlor damit das Vertrauen vieler seiner Anhänger, die es nun mit den Arabern hielten. Die Autorität Kings als Sprachrohr der Bürgerrechtsbewegung war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon geschwächt. Dies lag zum einen an seiner harschen Kritik am Vietnam-Krieg, die von der schwarzen Mehrheit nicht geteilt wurde. Zum anderen lag es jedoch auch daran, dass das pluralistische Nationsverständnis Kings von einem schwarzen und islamistisch gefärbten Nationalismus in der Lesart von Malcolm X und der „Nation of Islam“ abgelöst wurde und der Antisemitismus unter der schwarzen Bevölkerung stärker wurde. Als Martin Luther King am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee, erschossen wurde, starb mit ihm auch der letzte große Vertreter der jüdisch-afroamerikanischen Zusammenarbeit und Solidarität auf Seiten der Schwarzen.

Joachim Prinz trat weiter für die Rechte der Afroamerikaner ein. 1973 zog seine Gemeinde von Newark nach Livingston, vier Jahre später beendete Prinz seine Tätigkeit als Rabbiner. Am 30. September 1988 starb Joachim Prinz im Alter von 86 Jahren. Ein Schriftsteller, der in seiner Gemeinde aufgewachsen war und als junger Mann bei seinen ersten schriftstellerischen Gehversuchen von Prinz protegiert wurde, setzte ihm im Jahr 2004 ein literarisches Denkmal. Philip Roth ließ in seinem im Jahr 2004 erschienenen Roman „Verschwörung gegen Amerika“ die Familie Roth auf fast verlorenem Posten gegen die Nazifizierung nicht nur Amerikas, sondern auch der amerikanischen Juden kämpfen. Während der berühmte Rabbiner Lionel Bengelsdorf (eine literarische Fiktion) auf Appeasement und ein gutes Verhältnis zu dem antisemitischen Präsidenten Charles A. Lindbergh setzt, ist es einem anderen Rabbiner vorbehalten, gegen Lindbergh und die Zerstörung des amerikanischen Traums einzutreten: Joachim Prinz.

Zuletzt war es der amerikanische Präsident Barack Obama, der an Prinz’ Vermächtnis erinnerte. In einer Rede in Jerusalem am 21. März dieses Jahres zitierte er aus dessen Rede vor dem Lincoln Memorial am 28. August des Jahres 1963: „Unsere Väter lehrten uns vor Tausenden Jahren, dass Gott den Menschen als eines jeden Nachbarn erschuf. Nachbar ist kein geographisches Konzept. Es ist ein moralisches Konzept. Es bedeutet unsere kollektive Verantwortung für die Erhaltung der Würde und Unversehrtheit des Menschen.“