Exotische Träume auf dem harten Boden der Tatsachen

Published 19/10/2013 in Auto & Verkehr, Technik & Motor

Exotische Träume auf dem harten Boden der Tatsachen

Wiesmann, Morgan und McLaren. Die Luft schien ob der Kauflust der Reichen überhaupt nicht dünn zu werden. Doch heute führen automobile Spezialitäten kein leichtes Leben.

Ohne Visionen stünde das Automobil heute gewiss nicht dort, wo wir es finden. Getrieben von der Begeisterung für technische Glanzleistungen und sicher auch für satte Gewinne, hat manch einer der Pioniere in der Vergangenheit am Projekt Auto-Zukunft mitgebastelt und getüftelt. Und tut dies noch heute in Kleinserie. Die Luft schien ob der Kauflust der Reichen aus dem fernen Westen oder Osten überhaupt nicht dünn zu werden. Grenzenlos sind die Erfolgsaussichten freilich nicht.

Wiesmann hat an Zahlungsunfähigkeit zu leiden, die Chancen auf ein Überleben des erst 1988 gegründeten Unternehmens, das ursprünglich Hardtops für Roadster herstellte, sind vage. Man sehe eine Zukunft für die Marke, heißt es, man führe Gespräche mit potentiellen Investoren, um den Fortbestand des Kleinstserienherstellers zu ermöglichen. Das Insolvenzverfahren sei vor allem beantragt worden, um das Unternehmen zukunftssicher aufzustellen. 1600 Fahrzeuge hat Wiesmann bisher gebaut, die leichten Sportwagen werden traditionell von BMW-Aggregaten angetrieben. In Verbindung mit einem selbst entwickelten Gitterrohrrahmen und Aluminium-Monocoques haben die Modelle MF4 und MF5 ein extrem günstiges Leistungsgewicht. Eine Abregelung der Höchstgeschwindigkeit findet nicht statt, bis zu 300 km/h schafft das Spitzenmodell mit seinem 408 kW (555 PS) starken Biturbo-V8.

Einer der Gründe für das Leiden ist gewiss im Fehlen einer belastbaren Marken-Historie zu finden. Dergleichen stellt in dieser Klasse eine kaum abdingbare Tugend dar. In der kurzen Zeit von 1993 bis heute gelang es den Brüdern Martin und Friedhelm Wiesmann trotz eines virtuosen Spiels auf dem Marketing-Piano nicht ausreichend, einen verkaufsfördernden Kultstatus der Roadster und Coupés zu erreichen. Organisierte Ausfahrten zu traditionsreichen Veranstaltungen wie der Mille Miglia oder dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans konnten Kunden begeistern, aber nicht in ausreichender Zahl.

Einzigartige Konstruktion und Produktionsweise

Das sieht bei einem weiteren Kandidaten aus der Spezialitäten-Abteilung anders aus. Die Morgan Motor Company wurde 1909 von Harry Frederick Stanley Morgan in Malvern Link in den britischen West Midlands gegründet, bis heute werden die sportlichen Fahrzeuge aus einem Eschenholzgerippe hergestellt, das auf einem Stahlrohrrahmen sitzt und der angeschraubten oder geklebten Karosserie Halt gibt. Legendär ist der jüngst neu aufgelegte Morgan Threewheeler, ein Dreirad, das einst von einem Motorradmotor angetrieben wurde und anfangs ganze 178 Kilogramm wog. Zwei gelenkte Vorderräder und ein angetriebenes Hinterrad versprechen auch heute noch jede Menge ungewohnten Fahrspaß. Die Angst vor dem Umkippen ist ein ständiger Begleiter – es fällt aber nicht um.

Der Morgan plus 8 und der Aero schrieben nicht minder wundersame Geschichten, wahrlich genug Stoff, aus dem Träume sein können. Zumindest halten ein treuer Freundeskreis und eine muntere Club-Szene die Marke am Leben. In Deutschland verkaufte Morgan im vergangenen Jahr gerade mal 111 Fahrzeuge, den Löwenanteil beanspruchte der Morgan 4/4 für sich, der 2012 46 Mal einen Käufer fand. Das ergibt Platz zwölf in der Rangliste der Sportwagen-Zulassungen in Deutschland. In diesem Jahr könnte die Absatzbilanz etwas günstiger ausfallen, bis August wurden schon 77 Fahrzeuge der Marke in Deutschland zugelassen. Dass Morgan eine britische Angelegenheit ist, zeigt schon die Struktur des Händlernetzes. Während sich in Großbritannien 19 Handelspartner um den Absatz bemühen, sind es in Deutschland mal eben vier Verkaufsstationen, dazu kommen zwei Service-Stützpunkte.

Nicht allein die Konstruktion der Morgan-Sportler ist einzigartig, auch die Produktionsweise sucht ihresgleichen. In den Backsteingebäuden werkelt eine Schar von Individualisten, sie sind Handwerker, keine Fließbandarbeiter, schon das Biegen eines hölzernen Rahmenhecks erfordert mindestens zwei kräftige Spezialisten. Und die gestalten ihren Arbeitsplatz mit individuellem Musikgenuss noch angenehmer. Aus den Fertigungshallen in Malvern dringt stets eine Kakophonie aus Techno-, Soul- und Rock-’n’-Roll-Klängen.

Gelandete Raumschiffe in einer Hügel- und Seenlandschaft

Und nun McLaren. Der Weg über den Motorsport-Boulevard des in Woking nahe London beheimateten Unternehmens wird zur Geschichtslektion über die Formel 1. Namen wie Alain Prost, Niki Lauda, Ayrton Senna oder Mika Häkkinen prangen auf den Seiten der Boliden. Gewonnen wurde einst, was das Zeug hielt. Die Ehrentafeln nennen in schöner Reihenfolge den Sieg in der Konstrukteurswertung oder in der Fahrerweltmeisterschaft. Am liebsten gleich beides. David Hamilton errang noch den Meistertitel, dann aber wurde aus dem Siegestaumel ein eher gemächlicher Spaziergang. In der jüngeren Vergangenheit sind gerade noch ein oder zwei Siege aufgeführt, Erfolg liest sich anders.

Der Formel-1-Rennstall hat sich jedoch schon frühzeitig darauf besonnen, die Motorsport-Aktivitäten mit einer eigenen Produktion von Supersportwagen zu unterstützen. 1993 rollte der F1 auf die Straßen, befeuert von einem V12, den BMW beisteuerte. Wenig mehr als 1100 Kilogramm brachte er auf die Waage. Bis zu 680 PS (500 kW) generierte die Maschine aus 6,1 Liter Hubraum, 106 Fahrzeuge dieses Typs wurden bis 1997 gebaut.

In Woking arbeiten 1000 Mitarbeiter in den futuristisch anmutenden Werks- und Verwaltungsgebäuden, die wie gelandete Raumschiffe eingebettet in einer Hügel- und Seenlandschaft ruhen. In den Jahren 2003 bis 2009 entstand hier das zweite Automobil, das es auf nennenswerte Stückzahlen bringen sollte. Der Mercedes-Benz SLR McLaren war als Auftragsarbeit der Sternen-Marke ein technischer Leckerbissen. Die Karosserie wurde als Monocoque aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff hergestellt und hatte Schmetterlingstüren, 626 PS (460 kW) leistete der 5,4-Liter-V8-Motor von AMG. 2157 Exemplare haben die Werkshallen in Woking verlassen, einen eigenen VIP-Raum hatte man eingerichtet, in dem der Kunde bei Champagner und Musik sein Auto zum ersten Mal sehen und in Empfang nehmen durfte. „Und hier“, sagte Klaus Nesser, damals Geschäftsführer der Daimler-Dependance, „habe ich Millionäre weinen sehen.“

Der Bolide als Wertanlage

2011 war die Zeit reif für eine weitere Eigenkonstruktion. Der 12C mit Anleihen aus der Formel 1 wird seither in Handarbeit zusammengesetzt. Das Karbon-Chassis stammt von Carbo-Tech aus Österreich, der V8-Biturbo vom britischen Hersteller Ricardo schaufelt 626 PS auf die Kurbelwelle. 4000 Exemplare des Supersportlers sollen im nächsten Jahr gebaut werden, bisher war der Absatz mit 1400 Fahrzeugen allerdings eher mäßig.

Aus den Händen gerissen wurde McLaren auch der jüngste Bolide nicht, der P1, ein Konkurrent für Supersportler wie Porsche 918 Spyder oder Ferrari LaFerrari. Die Produktion ist auf 375 Fahrzeuge limitiert, und obwohl der P1 schon im Frühjahr auf dem Genfer Salon in endgültiger Form gezeigt und verkauft wurde, haben bis jetzt erst 300 Exemplare einen Abnehmer gefunden. In Europa stockt der Absatz. Während die Asien- und Amerika-Kontingente schnell ausgeschöpft waren, suchen hierzulande noch rund 75 Fahrzeuge einen Besitzer.

Dabei ist der P1 mehr als andere ein reinrassiger Rennwagen mit Straßenzulassung. Über eine Taste am Lenkrad, das an die Volants der Formel-1-Piloten erinnert, kann per Knopfdruck das Fahrverhalten in den Race-Modus versetzt werden. Dann senkt sich die Karosserie um fünf Zentimeter näher an den Asphalt, der Heckflügel fährt in eine Position 30 Zentimeter über dem Heck. Keramikbremsen greifen bei Kurvenfahrten ein, Brake Steering heißt die Technik, mit der das kurveninnere Rad verzögert wird, um höhere Querbeschleunigung zu erzielen. Der überarbeitete 3,8-Liter-V8 leistet 737 PS (542 kW), ein Elektromotor mit 179 PS (132 kW) sorgt für höhere Durchzugskraft. Seine Batterie kann in zwei Stunden wieder gefüllt werden.

Die McLaren-Boliden gelten in Fachkreisen nicht nur als High-End-Fahrzeuge für den Connaisseur, sondern auch als Wertanlage mit guten Erfolgsaussichten. Ein F1, der ursprünglich für umgerechnet rund 750.000 Euro verkauft wurde, erzielte kürzlich auf einer Auto-Auktion die stolze Summe von 5,6 Millionen Euro.

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