Kein Platz für die Familie

Published 20/10/2013 in Auto & Verkehr, Technik & Motor

Kein Platz für die Familie

BMW hat eine Reihe von Cabriolets im Programm. Als reiner Zweisitzer konzentriert sich der Z4 auf das Wesentliche: Fahren und Spaß. Doch wer fährt im Z4 sDrive 35i eigentlich noch mit?

BMW steht für Bayerische Motoren Werke. Das muss man sich mal wieder ins Gedächtnis rufen, in Zeiten des i3 und des i8. Während sich die Münchener neuen Ufern zuwenden und bald auch den ersten Minivan im Programm haben werden, hält vor allem der Z4 noch die alte Fahne in den Wind: Der Motor ist alles, der Rest Beiwerk.

So hat kein BMW im Verhältnis zur Wagenlänge (4,24 Meter) eine so lange Schnauze, und darunter kann der Kunde je nach Gusto fünf verschiedene Triebwerke (kein Diesel dabei) packen, vom kleinen 2,0-Liter-Motor im sDrive18i mit 156 PS (115 kW) für 33 950 Euro bis zum sDrive35is mit 340 PS (250 kW) für 57 600 Euro. Dann gibt es sechs statt vier Zylinder, drei Liter Hubraum (nicht 3,5), Direkteinspritzung und zwei Turbolader. Weil wir nicht ganz so hoch hinauswollten, haben wir uns für mehr als 3300 Kilometer mit einer etwas schwächeren Variante dieses Triebwerks beschäftigt, 306 PS (225 kW) sollten allen Ansprüchen genügen. Der Basispreis beträgt hier 52 000 Euro.

Nun ist diese Generation des Z4 auch schon wieder vier Jahre auf dem Markt, seither trägt er ein Stahldach statt einer Stoffmütze, was einige Puristen vergrätzt haben mag, doch viele schätzen ein festes Dach. Es gibt einem das Gefühl von mehr Sicherheit. Für die Saison 2013 gab es nun eine leichte Überarbeitung mit kaum wahrnehmbaren Retuschen an der Front. Dazu wurde der oben erwähnte Basismotor ins Programm genommen. Ferner gibt es neue Lackfarben, so auch das „Valencia Orange Metallic“ des Testwagens (für 690 Euro Aufpreis). Schon die Farbe allein machte den Z4 zum Hingucker, gepaart mit dem übrigen exaltierten Auftreten bedeutet das: Der Z4 ist nichts für Menschen, die Bescheidenheit demonstrieren wollen.

Wer so ein Auto fährt, will sich zeigen, und er kann dies besonders gut tun, wenn er das Dach (in Schwarz) im Kofferraum verschwinden lässt. Das geschieht in 20 Sekunden, es klappt auch während der Fahrt (bis 40 km/h), danach ist der Himmel offen und der Kofferraum schrumpft auf ein Fassungsvermögen von 180 Liter. Im Coupé-Modus hat der Z4 ein Kofferraumvolumen von 280 Liter, für zwei Personen ist das durchaus ausreichend. Gegen Aufpreis gibt es eine Durchreiche für Skier. Im Kofferraumboden sitzt die Batterie, ein Reserverad gibt es nicht, dafür „Runflat“-Reifen. Hinter die Sitze des lupenreinen Zweisitzers passt ein Kulturbeutel, aber nur, wenn die Stühle nicht ganz nach hinten geschoben werden.

Zwei Personen fühlen sich dennoch sehr geborgen im kleinen Cockpit mit Alcantara-Lederkombination – im Falle dieser Farbwahl mit orangefarbenem Streifen auf den Sitzen. Mangelnde Wertigkeit kann man diesem BMW nicht vorwerfen, allerdings war der Testwagen nach tiefem Griff in die Zutaten-Liste deutlich aufgewertet. Der Endpreis lag schließlich bei 66 990 Euro.

2400 Euro davon waren für die „Sport-Automatik“ (sieben Gänge) gut angelegt. Die Kraft wird per Doppelkupplung auf die Hinterräder übertragen. Ums Schalten muss sich der Fahrer nicht kümmern. Zwei Teilgetriebe mit eigener Kupplung leiten die Motorkraft an die Hinterräder. Wird zum Beispiel im dritten Gang beschleunigt, ist der vierte schon eingelegt. Das alles funktioniert wunderbar, die Schaltvorgänge sind kaum zu bemerken. Wer will, kann die einzelnen Gänge manuell einlegen (auch mit Tasten am Lenkrad), aber das haben wir schon immer als Spielerei erachtet. Ungewohnt ist, dass man für „P“ oben auf den Schalthebel drücken muss, sonst ist die Parkstellung bei einem Automatik-Getriebe immer die vorderste Position des Hebels. Aber daran kann man sich gewöhnen, ebenso wie an die elektrische Handbremse und den Startknopf.

Als Schlüsselablage dient ein kleiner Schacht am Armaturenbrett- er kann aber auch in der Hosentasche bleiben. Lässt man die 306 Pferde mit voller Kraft losrennen, wird in glatt sechs Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt, der Vortrieb endet erst bei 250 km/h. Der Motor grollt schön dumpf und zählt damit zu jenen Maschinen, die man gerne hört, ohne dass die Geräuschentwicklung als lästig empfunden wird. Dass man bei 306 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von 250 km/h nicht an der Leistung herummäkelt, ist klar. Allerdings braucht der Doppelturbo beim Start einen kleinen Moment, bis er Druck aufbaut und die Beschleunigung einsetzt.

Verbrauchswunder darf man nicht erwarten, doch ein Gesamtschnitt von 10,7 Liter auf 100 Kilometer ist in Anbetracht der Motorleistung ein guter Wert, in diesem Fall allerdings geschönt durch lange Strecken in Ländern mit Tempolimit. Dann sind auch 8,8 Liter auf 100 Kilometer drin, im Mischverkehr (Stadt/Landstraße) oder beim Ausnutzen der vielen PS steigt der Kraftstoffbedarf gern auf mehr als 12 Liter für 100 Kilometer, unser Höchstwert war 13,7. Spätestens dann ist der 55-Liter-Tank zu klein.

Und sonst? Der Z4 hat sich als flottes Reisefahrzeug bewährt, das nicht ohne Komfort ist. Die gewisse sportliche Härte tat gut. Vor allem auf der feuchten Landstraße muss man oft aufs ESP vertrauen, das Heck rutscht schnell weg, ist aber genau so schnell wieder gefangen. Die Bremsen sind jederzeit Herr der Lage. Der Z4 ist ein GT im alten Wortsinn, also ein Gran Turismo, ein Auto, das sich für die weite Reise eignet. Aber auch den Begriff GT versteht man bei den Motorenwerken inzwischen ja ganz anders. Gut, dass es noch den Z4 gibt.

Print article

Leave a Reply

Please complete required fields