
Eigentlich ist diese Welt die Definition von Entspannung. In Animal Crossing, dem beliebtesten Computerspiel in der Corona-Zeit, spielt man in einer so genannten Lebenssimulation auf einer idyllischen Insel: Blauer Himmel, grüne Wiesen und sanfte Gitarrenklänge sorgen für ein Wohlfühlgefühl der Spieler. Man angelt Fische, pflückt Früchte und baut sich seine eigene, kleine Welt auf einer Insel auf. Stress, Druck, Hektik – all das gibt es hier nicht. Mehr als 13,5 Millionen Einheiten wurden für die Spielekonsole Nintendo Switch bereits verkauft. Damit wurden die Erwartungen von Nintendo deutlich übertroffen. Also alles gut im Paradies? Das war einmal.
Denn die Nachricht, die dem Spieler Ende April in das Postfach flatterte, hatte es in sich: „Werte Kunden, danke für die Nutzung unserer Bank!“, heißt es darin. „Im Zuge einer Preisanpassung haben wir die Guthabenzinsen für Ihr Konto gesenkt“. Ja, richtig gelesen. Selbst in der virtuellen Traumwelt braucht es handfesten, schnöden, Mammon, um sich die Objekte für die eigene Insel zu leisten: Etwa für ein eigenes Haus, eine verspielte Brücke über den Fluss oder einen simplen Zaun. Zinsen gesenkt, das Kennen viele aus dem echten Leben auch von ihrer Bank. Doch diese Zinssenkung hat es in sich, von 0,5 Prozent je Monat auf 100000 Sternis – so die Einheit – wurden sie gesenkt auf 0,05 Prozent auf maximal 9999 Sternis.
Auch Analysten scherzen
Albert Edwards, ein Analyst der französischen Großbank Société Générale, scherzte schon gegenüber der „Financial Times“ auf deren erster Seite: „Nun wo die Leitzinsen nahe null liegen, ist der nächste logische Schritt das Quantitative Easing. Die Spieler sollten ihre Drucker nun an die Konsole anschließen, da sie möglicherweise bald Geld drucken müssen“.
Ähnlich wie in der realen Welt, wo es nicht mehr reicht, sein Geld auf dem Sparkonto versauern zu lassen, haben sich auch die Spieler in der Welt von Animal Crossing überlegt, wie man nun einfach zu Geld kommen könnte. Während es in der realen Welt vielleicht Aktien oder Anleihen sind, so sind die Möglichkeiten in der digitalen Welt doch andere.
Über den effektivsten Weg wird in den einschlägigen Foren noch gestritten. So war der „Stalk-Markt“ ein Favorit. Und der funktioniert so: Man kauft am Sonntag zwischen 6 und 12 Uhr von einem Schweinchen Rüben auf dem digitalen Markt. Der Preis variiert zwischen 90 und 110 Sternis und ist zufällig. Über die Woche hinweg haben die Rüben einen ebenso zufälligen Preis auf dem lokalen Markt. Dieser liegt meistens zwischen 50 und 200, kann aber selten auch bis auf 15 abstürzen oder 990 steigen. Es kommt also auf den richtigen Zeitpunkt des Verkaufs an. Nach einer Woche vergammeln die Rüben. Erfahrene Spieler haben versucht, den Markt zu analysieren und Muster festzustellen – wie technische Analysten in der echten Welt. Mehr oder weniger ist der Markt aber ein Glücksspiel.
Eine andere Möglichkeit, an viel Geld zu kommen, sind die Taranteln. Sie geben 8000 Sternis je Spinne. Aber sie sind auch am gefährlichsten: Sie sind extrem selten und tauchen lediglich 19 Uhr auf. Wird der Avatar gebissen, wird er zu allem Überfluss auch noch ohnmächtig.
Man kann also festhalten: Die effektivsten Wege, wenn die Zinsen fallen, sind Glücksspiel oder hochriskante Unternehmungen. So weit ist es in der echten Welt zwar nicht, und doch werden auf den einschlägigen Internetforen über die Zusammenhänge mit der echten Welt diskutiert. Die „Bank von Nook“ spiegele nur die Entwicklung der Leitzinsen Japans wieder, wo Nintendo seinen Sitz hat.
Banales Problem, ernster Hintergrund
Manche Nutzer fanden die Änderungen gut, und meinten, es würde das Spiel realistischer machen. „Die Bank von Nook ist keine Wohltäterin und hat verschiedene Investments zu händeln“, so ein Spieler. Ein anderer meint dagegen, er werde sich davon finanziell nie wieder erholen. Und: Die Insel-Rezession stehe bevor. Ob sich da eine virtuelle Tulpenkrise schon anbahnt?
Die Probleme mit dem Spielgeld mögen banal wirken. Doch das hat einen ernsten Hintergrund: Solches digitale Geld ist für Spielehersteller immer wichtiger geworden, um Geld zu verdienen. Man kann sie teilweise über echtes Geld kaufen und die Spieler erwarten dann ebenso eine Art von Wertstabilität. So hat zum Beispiel der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis wesentlich dabei geholfen, die Handelsplattform der größten Spieleplattform Steam zu gestalten. Auch werden über Maßnahmen wie die in Animal Crossing einfache ökonomische Zusammenhänge an Millionen von Menschen weiter gegeben: Niedriges Risiko, niedriger Ertrag – hohe Risiken, hoher Ertrag – das wird nun jeder Spieler von Animal Crossing verinnerlicht haben.
Über den Grund für die Zinssenkung äußerte sich Nintendo erwartungsgemäß nicht, es wurde aber viel spekuliert: Die Zinsen wurden einmal im Monat ausgezahlt. Findige Spieler nutzten das aus, um einfach die Uhrzeit ihrer Spielekonsole in die Zukunft zu stellen, und so astronomische Summen einzustreichen. Quasi ein digitaler Hackerangriff auf die Zentralbank.
