Politik

Frankfurter Zeitung 06.05.1930: Als Mahatma Gandhi verhaftet wurde

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Geistiger und politischer Führer: Mahatma Gandhi 1931 auf dem Weg zu Verhandlungen zur Unabhängigkeit Indiens in London.

Das Erwartete ist jetzt also doch eingetroffen, und man hat Gandhi auf dem Weg nach Bombay, wo er eine entscheidende Aktion größten Umfanges vorhatte, verhaftet. Man hat ihn ohne eine Angabe näherer Gründe verhaftet und scheint zu beabsichtigen, ihn zunächst „auf unbestimmte Zeit“ gefangen zu halten.

Ob diese Gefangensetzung, die für den durch seine Askese und die Leiden der letzten Jahrzehnte gesundheitlich arg geschwächten Gandhi unter Umständen das Ende seines Lebens bedeuten kann, die von Gandhi und seinen Anhängern erhoffte radikale Wirkung zugunsten der indischen Freiheitsbewegung haben wird, steht freilich noch dahin. Gandhi hat offensichtlich vom Beginn seiner neuesten Aktion an auf seine Verhaftung hingearbeitet und gehofft, daß diese für den Sieg der Freiheitsbewegung von entscheidender Bedeutung sein werde.

Wie vor einigen Tagen an dieser Stelle auseinandergesetzt wurde, liegen die Verhältnisse in Indien aber keineswegs so einfach, daß man für die Entwicklung, die schon in den nächsten Wochen der Lauf der Ereignisse nehmen kann, irgendeine Prognose zu stellen vermag.

Man darf den indischen Menschen, dessen Grundhaltung eine dem westlichen Kulturmenschen völlig verschieden ist, nicht mit europäischen Augen ansehen. Man hat das z.B. Gandhi gegenüber in den Urteilen der westlichen Presse viel zu häufig getan, indem man ihn etwa als Sektierer und Phantasten hinstellte und seine religiös-philosophische weltanschauliche Haltung nicht von der politischen Wirkung seiner Aktionen zu trennen verstand.

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Wir haben an dieser Stelle bereits auseinandergesetzt, daß es in Indien keineswegs um Gandhi geht, sondern daß hinter der indischen Freiheitsbewegung eine starke revolutionäre Kraft steht, die nicht zum geringsten Teil in den Versprechungen der Engländer während des Weltkrieges ihre Wurzeln hat. Natürlich ist es Gandhis unbestrittenes Verdienst, dieser Bewegung erneut zum Ausbruch und zu einem neuen Ausdruck verholfen zu haben.

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Aber seine den Europäer so merkwürdig berührende Idee des unblutigen Widerstandes ist doch zutiefst in der Mentalität des indischen Menschen selbst begründet und stellt damit eine Waffe dar, deren Bekämpfung die Gegner zu einer ganz neuen Einstellung zwingt und vor ganz neue Aufgaben stellt.

Ob Gandhi aktiv an der Spitze der Bewegung steht oder nicht, das dürfte heute nicht mehr das letzthin Entscheidende für deren weitere Ausbreitung sein. Seine Parolen sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen und werden, da sie dem indischen Wesen entsprechen, auch nach Gandhis Ausscheiden weiter ihre Wirkung haben.