Finanzen

Scherbaums Börse: Warum die aktuelle Börsenerholung verfrüht sein könnte

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Im Labor des Mainzer Unternehmens Biontech

Die vergangenen vier Wochen waren an der Börse sehr dynamisch. Schaut man sich die Charts der großen Indizes an, so kann man nur staunen. Für die meisten Aktienindizes ging es in einem nie dagewesenen Rekordtempo in den Keller, um anschließend nahezu im gleichen Tempo wieder eine Gegenbewegung stattfinden zu lassen. Bei so manchem Anleger, der bei dieser nicht dabei war, dürfte fast schon eine Art „Verpasst-Gefühl“ aufgekommen sein.

Nach Ansicht vieler Börsenexperten sollten Anleger aber nicht ein solches Gefühl haben. Der Begriff der „Bärenmarktrallye“ wird derzeit sehr oft in Kommentaren verwendet.

Es liegt auch augenscheinlich auf der Hand, dass wir uns an den Börsen in einer solchen Situation befinden: In einer typischen Bärenmarktrallye, basierend auf Short Covering und dem Abbau von Untergewichtungen. „Viele positive Faktoren waren und sind darin bereits eingepreist“, sagt Michael Winkler, Leiter Anlagestrategie bei der St.Galler Kantonalbank. „Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass die Investments der Erholungsphase im Wesentlichen in wenige Mega Caps vor allem aus dem Digitalbereich sowie aus dem Medizin- und Biotech-Bereich geflossen sind“, ergänzt der Experte weiter.

Börse hofft auf Corona-Medikament

Man sieht dies an der Entwicklung des amerikanischen Index Nasdaq 100, in dem viele dieser Unternehmen gelistet sind. Der Index hat sich zuletzt überdurchschnittlich stark präsentiert und hat jetzt sogar die 200-Tage-Linie überschritten, während die meisten anderen Indizes fallende 38-Tage-Linien erreichen.

NASDAQ 100

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An der Börse herrscht gerade der Corona-Hype. Die Hoffnung auf ein schnell wirksames Medikament oder einen Impstoff gegen Covid-19 und einzelne (Erfolgs-)Meldungen aus dem Sektor lassen Aktienkurse an nur einem Tag klettern wie zu besten Zeiten der New Economy. Die jüngsten Kursgewinne der Aktien von Biontech oder Gilead spiegeln dies wieder. Das Ganze erscheint aber nur bedingt langfristig für Anleger gut zu sein. Der Markt ist zu sehr meldungsgetrieben.

„So schnell die relative Erholung kam, so schnell könnte sie nun auch wieder vorbei sein. Der gerade wieder auf neue Tiefstände gefallene Ölpreis (gemäß dem WTI-Index) ist dafür ein Signal“, warnt Winkler. Anleger würden zunehmend das strategische Vertrauen in eine Erholung der Märkte verlieren und negative Effekte schlagen in einem nach wie vor stark meldungsgetriebenen Markt immer deutlicher durch.

Weitere Vorsicht ist vernünftig

Die Perspektive an den Aktienmärkten „ist wenig verlockend und spricht in jedem Falle für weitere Vorsicht auf mittlere und lange Sicht“, kommentiert auch Olivier de Berranger vom Vermögensverwalter La Financière de l’Échiquier die aktuelle Situation. So sind aus seiner Sicht die Bewertungen der Unternehmen „angesichts der jüngsten Erholung nun weniger attraktiv, zumal bisher nur eine moderate Korrektur der Gewinnerwartungen eingepreist ist und die Gefahr einer zweiten Infektionswelle völlig außer Acht gelassen wird“.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.

Nach Ansicht von de Berranger haben sich die Akteure an den Finanzmärkten in den vergangenen Wochen stark auf die Maßnahmen der Zentralbanken und der Regierungen fokussiert. Er hält es jedoch für wahrscheinlich, dass sich „letzten Endes der gesundheitliche Aspekt der Pandemie als entscheidender Faktor herausstellt“. Allerdings zeigt sich aktuell, dass dieser Aspekt nur schwer eingeschätzt werden kann.

Viele Investoren hoffen wohl wieder einmal auf positive Impulse aus Amerika für den Aktienmarkt. Doch von dort könnten eher andere Impulse kommen. Denn in der größten Volkswirtschaft der Welt sind 22 Millionen Menschen arbeitslos. Das heißt, selbst wenn diese in den kommenden Monaten wieder in den Job zurückkehren werden, dürften diese Menschen nicht als erstes an den Konsum denken. Dieser ist aber gerade für die amerikanische Wirtschaft die wichtigste Säule.

Anleger brauchen Durchhaltevermögen

Generell dürfte die Coronakrise die Märkte mit ihren Auswirkungen deutlich länger beschäftigen, als mancher Teilnehmer das erwartet und erhofft hat, analysiert Winkler: „Anleger werden zumindest in diesem Jahr Durchhaltevermögen aufbringen müssen. Momentan kommen nur ausgesuchte Sondersituationen als Kaufgelegenheit in Frage“. Dagegen werden sich attraktive Investitionsmöglichkeiten in der Breite erst wieder auf ermäßigtem Kursniveau bieten, so der Experte von der St.Galler Kantonalbank.

Letztlich können Aktienanleger mit langfristigem Horizont und die seit Anfang März in ihrem Depot keine Veränderungen vorgenommen haben, unverändert ruhig bleiben. Denn in der anhaltenden Pandemie-Krise hat sich die Strategie des Durchhaltens bewährt: „Anleger, die etwa nach einem Minus von 20 Prozent verkauft haben, stehen heute schlechter da als diejenigen, die investiert geblieben sind“, kommentiert Swen Köster von der Fondsgesellschaft Moventum.

Letztlich sind und bleiben Aktien eine langfristige Geldanlage und der alte Spruch von Star-Investor Warren Buffett „Eine Aktie, die man nicht 10 Jahre zu halten bereit ist, darf man auch nicht 10 Minuten besitzen“, hat unverändert Bestand. Auch oder gerade in Krisenzeiten.