
Deutschland bahnt sich einen Weg zurück ins Leben. Geschäfte öffnen ihre Türen, Betriebe fahren die Produktion hoch, und Abiturienten ziehen zurück in die Schulen. Nur für die Kleinsten ändert sich wenig. Da sie sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen hielten, „sollten die Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb bleiben“, hatten die Wissenschaftler der Leopoldina nüchtern vermerkt.
Die Länder folgten den Empfehlungen bislang, an diesem Montag wollen sie weiter beraten. Für die Kinder bedeutet das: zu Hause bleiben, möglicherweise für sehr lange Zeit.
Die Kleinsten der Gesellschaft haben ein Problem: Ihr Leid lässt sich nicht in Zahlen messen. Wo Menschen sterben und wirtschaftliche Existenzen vernichtet werden, wirkt die Sorge eines Vierjährigen harmlos, dass er seine Freunde für eine Weile nicht sehen darf. Die Größeren, die Schüler, haben Abschlussprüfungen zu meistern und Lernziele zu erreichen, die Kleinen können nicht mit handfesten Argumenten aufwarten. Es geht den meisten nur um ihre Gewohnheiten, die Unbeschwertheit, das Kindsein.
Mehr Notbetreuung ist gut, aber nicht die Lösung
Sowenig im Ringen um die Lockerungen der Corona-Maßnahmen ein Interesse gegen das andere in Stellung gebracht werden darf, so sehr ist darauf zu achten, dass niemand vergessen wird. Die Antwort der Politik auf die Nöte der Familien heißt bisher: finanzielle Unterstützung und „Ausweitung der Notbetreuung“. Mehr Berufsgruppen und vor allem auch Alleinerziehende dürfen ihre Kinder inzwischen wieder in die Kindergärten und -krippen bringen und dort mit anderen spielen lassen. Das ist richtig, weil es vielen Familien Abhilfe schafft. Doch einen wesentlichen Teil des Problems blendet es völlig aus.
Richtig ist es, weil damit Menschen in besonders wichtigen Berufen möglichst schnell wieder arbeiten können. Für mehr Notbetreuung spricht auch ein anderes, ungleich problematischeres Argument: Die Wissenschaft braucht Daten, um überhaupt erst erforschen zu können, wie groß die Ansteckungsgefahr unter Kindern ist. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass von den Kleinen ein viel geringeres Risiko ausgehen könnte als bisher gedacht.
Doch nicht alle Zahlen weisen in diese Richtung. Da fast überall auf der Welt die Schließung der Kindergärten zu den ersten Maßnahmen im Kampf gegen Covid-19 zählte, gibt es kaum Erfahrungswerte. Die Öffnung der Kitas ist also auch ein Feldversuch, in dem den Erziehern ein besonderes Risiko aufgebürdet wird.
Doch es darf nicht der Eindruck entstehen, dass mit etwas mehr Notbetreuung das eigentliche Problem gelöst wäre. Selbst wenn die Liste der Berechtigten irgendwann so umfassend wäre, dass die Hälfte aller Kinder wieder in die Kitas dürfte, würde es immer noch bedeuten, dass die andere Hälfte auf lange Sicht zu Hause bleiben muss. Die Betreuung werden in der Regel die Mütter übernehmen, die dafür wieder einmal in ihrem Beruf zurückstecken. Die Arbeit im „home office“ hat sich für die Eltern längst als Illusion herausgestellt.
Es gibt keine einfache Lösung
Noch viel wichtiger aber ist, dass auch die Notbetreuung wieder nur von den Bedürfnissen der Gesellschaft, der Arbeitgeber und Eltern her gedacht ist. Keiner fragt die Kinder, ob sie es gerecht finden, dass sie zu Hause bleiben müssen, nur weil ihre Eltern keine Ärzte, Polizisten oder Supermarktkassierer sind. Kinder haben ein sehr ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit. Jede Ungleichbehandlung, jedes Anderssein schmerzt sie – und das umso mehr, wenn ein Teil ihrer Freunde längst wieder vereint ist, während sie zu Hause bleiben müssen.
