Inland

Schule in Corona-Zeiten: Geht nicht, gibt es nicht

• Bookmarks: 19


Daumen hoch oder eher nicht? Eine Tafel in der Uhlandschule, einer Grund- und Werkrealschule, in Mannheim

Die aufgeregte Diskussion über die schrittweise Öffnung der Schulen scheint immer noch von der Vorstellung geleitet zu sein, es könne eine infektionsfreie Schule geben. Seien es Lehrervertreter, Schülerorganisationen oder andere Interessengruppen, alle gerieren sich als Bedenkenträger und scheuen sich nicht, Ängste zu schüren. Es ist ein regelrechter Überbietungswettbewerb der Unmöglichkeiten ausgebrochen. Die Rede ist von unzumutbaren Belastungen, traumatisierten Abiturienten und einer Lehrerschaft, die nur noch aus Risikogruppen zu bestehen scheint.

Niemand bestreitet, dass es bei der schrittweisen Wiedereröffnung der Schulen um risikoreiche Abwägungsprozesse geht. Auch der Sinn eines Hygienekonzepts wird nicht in Abrede gestellt, doch hundertprozentige Sicherheit gibt es weder ohne noch mit Corona. Ohne Zweifel ist es eine organisatorische Herkulesaufgabe, in den kommenden zwei Wochen Stundenpläne umzuschreiben, sich auf wenige Kernfächer zu beschränken, Klassenräume anders zu möblieren sowie Lerngruppen und Lehrerteams neu zu verteilen. In Flächenländern wird auch der Schülernahverkehr anders zu regeln sein. Weder Pausen noch Schulwege dürfen zu Infektionsbeschleunigern werden. Darauf müssen die Schulen vorbereitet sein. Denn es gibt Lehrer, Schüler oder auch deren Eltern, die in keinem Fall angesteckt werden dürfen und deshalb besonders geschützt werden müssen. Unlösbar sind diese Probleme aber nicht.

Neu
1 €

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Spezialangebot: Für Neukunden jetzt nur 1 € pro Woche für die kommenden vier Monate.

Mehr erfahren

Spätestens im Mai bräuchten Länder und Schulträger Erhebungen über das Infektionsgeschehen in Echtzeit- es müsste gezielter getestet und schneller über Testergebnisse informiert werden, um flexibel auf neue Infektionsherde zu reagieren. Die wird es bei fortschreitender Öffnung des gesellschaftlichen Lebens ohnehin geben, sie müssen nur kontrollierbar bleiben, dürfen also das Gesundheitssystem nicht überfordern, sprich den Ärzten das unerträgliche Dilemma der Triage aufbürden. Partielle Schließungen und Quarantäne für Einzelne und deren Kontaktpersonen sind nicht auszuschließen. Aber deshalb dürfen weder Kinder noch Alte für anderthalb Jahre eingesperrt werden. Regionale und lokale Lösungen zu finden gehört zu den Stärken eines föderalen Systems.

Auch wenn der Eindruck geschürt wird, dass die Schulen in jedem Land anders und unabgestimmt geöffnet werden, trifft er nicht zu. Den Rahmen für die Wiederaufnahme eines reduzierten Unterrichtsprogramms bildet der 4. Mai. Unstrittig ist auch, dass die Prüfungen in allen Ländern stattfinden. Auf eine so überflüssige Veranstaltung wie die Prüfung des Mittleren Schulabschlusses unter Berliner Gymnasiasten kann verzichtet werden, weil sie die Prüfung ohnehin alle bestehen. Schüler, die nach dem zehnten Schuljahr eine Berufsausbildung beginnen, brauchen sie um so mehr. Um ihnen und anderen Abschlussklassen noch eine kurze Vorbereitungszeit zu ermöglichen, können die Schulen schon am Montag damit beginnen, das haben die Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin ausdrücklich beschlossen. Mit Alleingängen hat das nichts zu tun.

Viel bedenklicher als die organisatorischen Details sind die Schüler, die durch die Corona-Krise noch mehr abgehängt werden als ohnehin. Das sind häufig Kinder aus bildungsfernen Familien mit schlechten Arbeitsbedingungen, aber es sind auch Schüler, die skandalöserweise seit fünf oder sechs Wochen nichts von ihren Lehrern gehört haben. Die ohnehin schon großen Disparitäten werden sich durch die Corona-Krise verstärken. Viele werden in ihrer Bildungsbiographie Schaden nehmen. Das gilt auch für die Schulanfänger der ersten und zweiten Klasse, die kaum noch einmal vor den Sommerferien zurückkehren und wohl auch nicht die Ersten sein werden, die nach den Sommerferien wieder in die Schulen kommen dürfen. Weder dieses noch das nächste Schuljahr wird in normalen Bahnen verlaufen. Lehrer, Schüler und deren Eltern müssen sich auf eine lange Phase der Improvisation und der Behelfslösungen einstellen.