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Patientenschützer zu Corona: „Für die Hochgefährdeten passiert so gut wie nichts“

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Jetzt gibt es Schutzanzüge: Altenpfleger auf einem Balkon des Hanns-Lilje-Heims in Wolfsburg, wo viele Bewohner mit Corona infiziert sind.

Herr Brysch, obwohl der Höhepunkt der Corona-Krise noch nicht abzusehen ist, hat die Diskussion über eine „Exitstrategie“ begonnen. Manche meinen, eine baldige Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sei möglich, wenn man besonders gefährdete Personen, also Alte und Vorerkrankte, isoliere. Was halten Sie davon?

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Corona-Stillstands sind ohne Zweifel immens. Aber zügiges Hochfahren in Aussicht zu stellen, ist derzeit völlig unverantwortlich. Obwohl sich seit Monaten abzeichnet, welche Menschen hochgefährdet sind, passiert so gut wie nichts für sie. Die erschütternden Fälle von Würzburg und Wolfsburg machen das überdeutlich. Dort sind bis Sonntagabend knapp 30 Altenheimbewohner an dem Virus gestorben. Auch die Bilder aus Frankreich, Italien und Spanien müssen uns Mahnung sein. Denn was in der Pflege schiefläuft, kann die Intensivmedizin kaum retten. Doch bisher konzentrieren sich Bund, Länder und Wissenschaft weitgehend auf die Krankenhäuser. Das ist fahrlässig.

Was ist falsch daran, die Zahl der Intensivbetten und Beatmungsgeräte stark zu erhöhen?

Natürlich ist das richtig und wichtig. Aber die rein intensivmedizinische Perspektive reicht nicht. Die Entscheider in Politik und Wissenschaft haben sich bisher viel zu wenig mit der Pflege befasst. Ein Beispiel: Aufgrund der bisherigen Kriterien des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden Altenpflegekräfte und Pflegebedürftige bei Grippesymptomen fast nie auf das Virus getestet. Dadurch ist viel Zeit verlorengegangen.

Könnten sich deshalb auch in Deutschland Altenheime wie in Spanien zu regelrechten Corona-Pulverfässern entwickeln?

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Die Gefahr besteht. Das ist jetzt auch in einem Kölner Seniorenheim zu sehen, wo sich Pflegebedürftige infizieren. Deshalb müssen die Verantwortlichen endlich ihrer Fürsorgepflicht nachkommen. Das RKI hat seine Kriterien nun geändert. Damit spielt für die Covid-19-Tests keine Rolle mehr, ob Pflegekräfte in einem Corona-Krisengebiet waren oder Kontakt mit einer infizierten Person hatten. Treten jetzt Grippesymptome auf, muss auf das Virus getestet werden. Eine überfällige Entscheidung. Denn überall sind Pflegekräfte und Gepflegte gefährdet, weil Pflege ohne körperliche Nähe unmöglich ist.

Ist das genug?

Auch die Tests nützen nichts, wenn bei Pflegebedürftigen, Pflegekräften und Ärzten weiterhin selbst der Grundschutz vor einer Infektion fehlt. Desinfektionsmittel, Mund- und Nasenschutz, Brillen und Schutzanzüge sind kaum vorhanden. Selbst bei den Gütern des täglichen Bedarfs sind viele, die zu Hause gepflegt werden, auf fremde Hilfe angewiesen. Wer also jetzt vom Ausstieg redet, muss zuallererst garantieren, dass Versorgung und Hilfe Tag für Tag sichergestellt sind. Alles andere ist verantwortungslos. Zurzeit sehe ich keine überzeugende Strategie, die Risikogruppe dort zu schützen, wo sie lebt, ob zu Hause oder im Heim.