Politik

Fraktur: Ganz wie Mephisto

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Wie Mephisto: gespenstisch still und leise.

Wir sind zugegebenermaßen ziemlich früh dran. Aber da niemand weiß, was das Coronavirus mit uns allen noch vorhat, geben wir unseren Vorschlag für die Wahl zum Wort des Jahres sicherheitshalber schon jetzt zu Protokoll. Er lautet natürlich: Geisterspiele. Dem unbekannten Erfinder dieses Begriffs, der in dieser Zeitung zum ersten Mal am 24. September 1959 in einem Artikel über den Sowjetzonen-Sport auftauchte und dem Volksmund zugeschrieben wurde, muss man noch heute für seinen Geistesblitz danken. Denn damit lässt sich nicht nur treffend dieses fast lautlose Ballgeschiebe beschreiben, bei dem es mangels Pöbels auf den Rängen nur noch auf dem Platz zu jenen Beleidigungen und Schmähungen kommen könnte, ohne die der Fußball kein Fußball ist, wie man jetzt so oft hört. Die Spieler aber sind inzwischen als Rassisten totale Versager, das hat man ihnen erfolgreich abtrainiert. Und so schlichte Gemüter, dass sie die Hand eines Mäzens beißen, der sie mit Millionen füttert, haben nicht einmal jene Fußballer, die vergoldete Steaks essen.

„Geisterspiele“ begeistert uns, weil dieser Terminus auch zu Vorgängen in der Politik passt, für die einem sonst die Worte fehlen würden. Wir denken da etwa an die überraschende Entscheidung des Thüringer Ministerpräsidenten Ramelow von der Linkspartei, mit seiner Stimme dem Genossen Kaufmann von der AfD zur Wahl zum Vizepräsidenten des Landtags zu verhelfen – jenes Landtags, von dem Ramelow nur dann zum Regierungschef gewählt werden wollte, wenn das ohne eine einzige Stimme von der AfD geschehen würde. Vollends gespenstisch wurde dieser Spielzug dadurch, dass die AfD die stille Wahlhilfe Ramelows widerspruchslos annahm, obwohl sie den Linken sonst verteufelt, als wäre er Satans Großvater. An der Hufeisentheorie scheint aber doch etwas dran zu sein, schon wegen des Hufs.