Das ist auch insofern kein Wunder, als dass Kinder und Jugendliche oft in Schonräumen missbraucht werden – in sozialer Nähe, in Vereinen, Schulen oder eben in der Kirche. Hier wirkt es sich besonders perfide aus, dass Kinder ein Urvertrauen zu den Tätern haben und Eltern bisweilen nicht glauben wollen, was ihr Nachwuchs ihnen berichtet. Einiges ist schon geschehen, um die Strukturen aufzubrechen – befremdlich bleibt, dass etwa stark verdächtige Priester nicht selten allenfalls versetzt wurden und damit woanders weiter ihr Unwesen treiben konnten.
Ein weites Feld ist der Missbrauch im Internet – der nun durch neue Befugnisse für die Ermittler besser bekämpft werden soll. Anders als mit staatlicherseits künstlich hergestellten kinderpornografischen Aufnahmen ist es offenbar nicht möglich, in die dunklen Räume der vernetzten Kinderschänder zu gelangen.
Ein „Pakt gegen Missbrauch“ kann somit nur ein Appell sein, das Selbstverständliche zu tun: Jedem Verdacht nachgehen, die Regelungen zum Schutz der Kinder auch anwenden. Über das Ziel hinausschießen darf man aber auch hier nicht. Es gilt gerade auch bei fürchterlichen, den sozialen Tod bedeutenden Vorwürfen die Unschuldsvermutung hochzuhalten. Neue Rechte, gar mit Verfassungsrang, dürfen nicht dazu führen, dass sich der Staat über Gebühr in Elternrechte einmischt. Die Familie – Vater, Mutter, Kinder – müssen die Keimzelle der Gesellschaft bleiben.
Einen „Pakt gegen Missbrauch“ sollte es eigentlich nicht geben müssen. Schließlich geht es um strafbares Unrecht an den Schwächsten. Das ist jedem bekannt – und muss verfolgt werden. Doch leider hat die späte Aufdeckung von verbreitetem Missbrauch vor allem in der katholischen Kirche, aber auch in sich elitär dünkenden Internaten etwas anderes gelehrt. Der Missbrauch ist systemimmanent gewesen- er hat strukturelle Züge. Das zeigt sich bis heute an den Mühen der Aufklärung, der zähen Offenlegung von Unterlagen, der schleppenden Zusammenarbeit mit der Justiz.
