Leben & Gene

„Soziale“ Quallen: Ein glibbriges Gästezimmer

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Eine Gelbe Haarqualle frisst eine größere Ohrenqualle.

Quallen dienen Jungfischen und anderem Getier als Unterschlupf. Dank dieser Kinderstube wurde für manchen Fisch der Meeresgrund erst zum neuen Lebensraum.

Quallen haben einen schlechten Ruf. In Strandnähe verschrecken sie die Badegäste, und Fischer wollen mit ihren Netzen lieber Fische statt diese gallertigen Meeresbewohner aus dem Wasser holen. Zudem machen Quallen etwa dem Hering das Plankton streitig, von dem er sich ernährt. Sie tun sich ferner an frei herumschwimmenden Fischeiern und -larven gütlich. Einige dieser Nesseltiere machen sich aber auch nützlich, etwa indem sie Jungfischen einen Schutzraum bieten. Wahrscheinlich haben manche Fischarten den Meeresgrund erst als ihren Lebensraum erobern können, als sich ihr Nachwuchs bei Quallen eingenistet hatte. Zu dieser Einschätzung sind Wissenschaftler um Donal C. Griffin von der Queen’s University of Belfast und Isabella Capellini von der University of Hull gekommen.

Um den evolutionsbiologischen Hintergrund zu erkunden, haben die Biologen auf eigene Beobachtungen zurückgegriffen und die wissenschaftliche Literatur durchstöbert. Wie Griffin und seine Kollegen in den in den „Proceedings of the Royal Society B“ berichten, stießen sie auf 86 Fischarten, die zeitweilig mit Quallen leben. Bei vielen Fischfamilien ließ sich dieses Phänomen nur vereinzelt beobachten, bei anderen wie den Stachelmakrelen (Carangidae) dagegen auffallend häufig.

Die Zahl der unfreiwilligen Gastgeber ist groß. Als besonders beliebt haben sich Gelbe Haarquallen (Cyanea capillata) entpuppt, an Nord- und Ostseestränden als „Feuerquallen“ gefürchtet, und die für Menschen völlig harmlosen Ohrenquallen (Aurelia aurita), die an hiesigen Küsten weitaus zahlreicher herumschwimmen.

Die Lebkuchenhäuser der Meere

Wie molekulargenetische Stammbäume zeigen, haben Fische im Laufe der Entwicklungsgeschichte offenbar mehrmals enge Beziehungen zu Quallen geknüpft. Das führte jeweils zu einer Veränderung des Lebensstils: Korrelationsanalysen sprechen dafür, dass ursprünglich im offenen Meer heimische Fische nach evolutionsbiologischen Maßstäben ziemlich rasch den Kontakt zum Meeresboden aufnahmen, wenn sie sich mit Quallen zusammengetan hatten. Mitunter hat der Nachwuchs seinen gallertigen Begleiter dann wieder verloren. Diese Fischarten sind jedoch nie auf hohe See zurückgekehrt. Ihrem bodennahen Lebensraum treu geblieben, fanden sie mitunter abermals eine Quallen-Spezies, die ihnen als Kinderstube diente.

Um für Jungfische ein passendes Domizil zu sein, müssen mobile Nesseltiere nicht unbedingt so martialisch daherkommen wie die Gelbe Haarqualle. Ohrenquallen, deren Nesselzellen nur winzigen Planktontieren gefährlich werden, taugen ebenfalls als Versteck. Schließlich sind Organismen, die wie Quallen zu etwa 99 Prozent aus Wasser bestehen, für die meisten Meeresbewohner eine wenig verlockende Beute.

Unter der gallertigen Glocke sitzen allerdings die Geschlechtsorgane, die nahrhafter sind als der übrige Quallenkörper. Wie eifrig Jungfische an ihrem sehr regenerationsfähigen Gastgeber herumknabbern, ist noch eine offene Frage. Beute, die an den Tentakeln der Qualle hängen geblieben ist, könnte ebenfalls als Verpflegung dienen. Womöglich kommen die Nesseltiere als eine Art Lebkuchenhaus daher, das nicht nur Unterkunft bietet, sondern auch eine unerschöpfliche Nahrungsquelle.

Für Jungfische, die gewohnheitsmäßig bestimmten Quallen auf den Leib rücken, ist das Risiko, von Nesselzellen verletzt oder gar getötet zu werden, offensichtlich geringer als das Risiko, ohne solchen Rückhalt von einem hungrigen Maul geschnappt zu werden. Quallen spielen somit eine wichtige Rolle bei der Regeneration von Fischbeständen, auch von wirtschaftlich bedeutsamen. Zur Kategorie der Speisefische gehören laut Griffin und seinen Kollegen mehr als zwei Drittel der Jungfische, die bei Quallen Unterschlupf suchen.