Leben & Gene

Neue Menschenart entdeckt: Sind so krumme Finger

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Ausgrabungen auf der Insel Luzon, im Jahr 2011.

Auf den Philippinen wurden menschliche Überreste gefunden, die nun den Stammbaum um Homo luzonensis ergänzen: Ein geschickter Kletterer, vermutlich, und ein neues Rätsel für die Anthropologen, die Südostasien derzeit neu entdecken.

Viel ist es nicht, was vom Homo luzonensis übrig blieb: sieben Zähne und ein paar Knochen – von Händen, Füßen und einem Bein. Doch das, was die Archäologen seit ihrem ersten Fund 2007 in der Callao-Höhle mittlerweile bergen konnten, genügt immerhin, um dem menschlichen Stammbaum einen weiteren Ast hinzuzufügen. Die entdeckten Skelettreste sind 50.000 bis 67.000 Jahre alt und stammen offenbar von zwei Erwachsenen und einem Kind. Diese drei lebten einst auf der namensgebenden Insel Luzon, die heute zu den Philippinen gehört, und dürfen als Vertreter einer neuen, bisher unbekannten Art gelten. Nicht nur die exotische Ausgrabungsstätte macht den Homo luzonensis zu einem außergewöhnlichen Fund, sondern auch Merkmale, die querbeet aus der Entwicklungsgeschichte der Menschheit zitieren.

Die Details legen der französische Anthropologe Florent Détroit und der philippinische Archäologe Armand Mijares mit ihren Kollegen aus Australien und Frankreich in der Zeitschrift „Nature“ vor. Ihre Beschreibung liest sich stellenweise wie die Analyse eines Zahnarztes zu Wurzeln, Kronen, Schmelz und Dentin. Doch fügt sich das auf rätselhafte Weise zusammen- und warum die Molaren so ungewöhnlich klein sind, kann niemand erklären. Zudem weisen Zehen- und Fingerknochen eine leichte Krümmung auf, die an jene des Australopithecus erinnert, zu dessen Gruppe „Lucy“ zählt. Mehr als zwei Millionen Jahre Evolution und Tausende Kilometer liegen dazwischen, doch auch auf den Philippinen schien einst ein Knochenbau von Vorteil, der somit fürs Klettern geeignet ist. Nebst diesen vermeintlich primitiven Zügen finden sich etliche moderne, die in Richtung Homo erectus oder Homo sapiens weisen. Daraus ergibt sich eine einzigartige Anatomie, und die Entdecker sind überzeugt, dass sie zur Gattung Homo passt. Allerdings mit tiefer reichenden Wurzeln als unsere eigenen oder die der Neandertaler. Wer aber vor 700.000 Jahren das Nashorn schlachtete, dessen Überreste man in der Nähe fand, ist noch völlig offen.

Ähnlichkeit mit dem „Hobbit“?

Den Fall des Homo luzonensis vergleichen internationale Paläoanthropologen vor allem mit dem des kleinwüchsigen Homo floresiensis, dessen Gebeine 2003 in Indonesien ausgegraben wurden. Deren Alter wird mittlerweile auf 190.000 bis 50.000 Jahre geschätzt. Damit lebte der „Hobbit“ ungefähr im gleichen Zeitraum in Südostasien, ebenfalls auf einer Insel, und auch seine morphologischen Merkmale ergeben eine Mischung, die sich schwer zwischen die anderen Frühmenschen einreihen lässt. Wäre man schon im 19. Jahrhundert auf diese beiden Insulaner gestoßen, anstelle des Homo erectus, wäre dessen Rolle heute eine andere, mutmaßt der amerikanische Anthropologe Matthew Tocheri in einem Kommentar in der Zeitschrift „Nature“. Seiner Migration aus Afrika nach Asien würde man vielleicht weniger Aufmerksamkeit schenken, es könnte ja noch andere frühe Auswanderungswellen gegeben haben. Es ist eine alte, umstrittene These – den Fund des Homo luzonensis wertet Tocheri nun als einen Beleg.

„Da heute nur noch Homo sapiens die Welt bevölkert, scheint es fast unglaublich, dass einmal mehrere Hominiden gleichzeitig existierten“, sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Einst wäre die Vielfalt jedoch sehr viel größer gewesen: Die menschliche Ahnengalerie bilde einen recht buschigen Stammbaum – dafür sei Homo luzonensis ein weiterer Beweis und wahrscheinlich nicht der letzte, den man finden werde. Ein recht merkwürdiges Wesen war er, das gibt Hublin zu, obwohl bisher nur wenige Teilstücke gefunden wurde. Diese weisen jedoch ähnlich wie beim „Hobbit“ sowohl weiterentwickelte als auch archaische Merkmale auf, allein die Zähne, etwa die überraschend kleinen Backenzähne oder die oberen Prämolaren mit ihren drei Wurzeln. Alles in allem eine „seltsame Mischung“.