
Infotainment im 5er: BMW und sein Connected Drive mit exzellenter Spracherkennung. Es gab allerdings auch einen Flop.
Wenn der Nachbar mit seinem neuen Mercedes-Benz und der spektakulären Sprachassistentin M-Bux vorfährt, man fortan vom Grundstück gegenüber schon morgens ein „Hey Mercedes“ nach dem anderen hört, dann gibt es zumindest für den Besitzer eines neuen BMW keinen Grund für Neid. Er kann zwar noch nicht „Hey BMW“ rufen, weil das entsprechende Pendant erst vom März an zum Start des neuen 3er-BMW für die bayrischen Fahrzeuge zur Verfügung steht. Es soll Intelligent Personal Assistent heißen, Künstliche Intelligenz mitbringen und damit Verhaltensmuster des Fahrers erkennen sowie Sprachbefehle kontextabhängig umsetzen. Doch was BMW schon jetzt mit seiner Sprachsteuerung in aktuellen Modellen kann, ist nicht weniger beachtenswert: Es lässt sich nach dem Wetter fragen, man kann die Klima-Kontrolle mit „mir ist kalt“ aufrufen und erhält im Grunde genommen einen Großteil jener Funktionalität, die Mercedes-Benz nun prominent als großen Fortschritt herausstellt. Wie bei M-Bux ist sogar eine Personalisierung persönlicher Daten vorgesehen. „Rufe meine Frau an“, das können BMW und Mercedes, wenn man einmalig im Kontaktverzeichnis festgelegt hat, wer das ist.
Der BMW-Fahrer hat sogar noch ein Alleinstellungsmerkmal, das wir uns schon immer gewünscht haben: Reibungslos werden nicht nur Kontakte und Telefonlisten ins Fahrzeug übertragen, sondern auch die Inhalte einiger Smartphone-Apps. Bei uns zeigten sich zum Beispiel Amazon Music und der Hörbuchvorleser Audible auf dem Bordmonitor. Nichts Neues, aber in jedem anderen Fahrzeug muss man sich langwierig mit seinen persönlichen Daten einbuchen, dann wird geprüft und synchronisiert, das Auto wird als zusätzlicher Client eingebunden. Nicht so im BMW: Schon mit der Verbindung des Smartphones, auf dem Amazon Music und Audible installiert sind, kann man ohne jede Fummelei gleich loslegen, also über das Bordsystem auf die eigene Musik und Wiedergabelisten zugreifen oder seine gekauften Bücher hören.
Wir waren im 5er-BMW unterwegs, der einen großen Hauptbildschirm als Bedienzentrale nutzt. Der Monitor ist berührungsempfindlich, man arbeitet mit dem Controller und seinem Tastenfeld drum herum oder tippt mit dem Finger auf die Anzeige. Die Oberfläche des Drehstellers ist ebenfalls berührungsempfindlich, man kann darauf auch Buchstaben mit dem Finger malen. Die Inhalte im Hauptdisplay sind auf Kacheln angeordnet, das macht die Orientierung leicht. Radio und Medien, Kommunikation, Navigation, Connected Drive und die Fahrzeugeinstellungen sowie ein üppiges Hilfemenü sind flink erreichbar. Die Menüs lassen sich individuell anpassen, und wer alle einmal aufgerufen hat, stellt fest, dass etliche doppelt vorhanden sind, man kommt also auf verschiedenen Wegen zum Ziel.
Connected Drive mit Dutzenden Apps läuft über einen eigenen Store, gegebenenfalls benötigt man Nutzernamen und Kennwort. In unserem Fahrzeug war die wohl unvermeidliche Wetter-App aufgespielt, ferner entdeckten wir Nachrichten, eine Online-Suche, Apps für die Parkplatzsuche, Restaurantempfehlungen und vieles mehr. Apps werden online geladen, und die Idee besteht wohl darin, dass der BMW-Fahrer der Zukunft alles Erdenkliche nachkauft oder dauerhaft abonniert. Ein Blick in den Store zeigt zum Beispiel als kostenpflichtige Optionen ein Fahrtenbuch, Microsoft Office mitsamt E-Mail und Kontakten und sogar, erstmals gesehen, Skype-Telefonie.
Sinnvoller sind die Echtzeit-Verkehrsinformationen, die BMW Real Time Traffic Information (RTTI) nennt. Wie bei den Mitbewerbern lassen sich Informationen zum Verkehrsfluss in Ampelfarben über das Straßennetz legen. Die Güte der Daten war während unserer Fahrten indes unbefriedigend. Ferner kommen auch Hinweise auf freie Parkplätze ins Auto, das funktioniert derzeit in zehn deutschen Innenstädten. Dazu muss man die Verkehrskarte ausschalten, weil die Parkplatz-Infos ebenfalls über einzelne Straßenzüge eingeblendet werden. In verschiedenen Farbabstufungen sieht man nicht etwa freie Parkplätze, sondern die Wahrscheinlichkeit für einen verfügbaren Parkplatz. Wie zu erwarten, kann BMW die kostbaren Flächen nicht herbeizaubern. Bei der Fahrt durchs Frankfurter Westend schimmerte eine einzige Straße in zartem Blau und signalisierte damit, dass hier die Anfahrt lohnen könnte. Wie immer gilt: Je mehr Autos mit solchen Funktionen ausgestattet sind, umso geringer wird der Nutzwert.
Die Cockpit-Anzeige mit Tachometer, Drehzahlmesser und anderen Informationen besteht gegen Aufpreis aus einem vollständig digitalen TFT-Farbdisplay in Black-Panel-Technik. Das Design und die Anordnung der dargestellten Instrumente lassen sich einstellen. Spektakulär ist das Head-up-Display, das während der aktiven Routenführung eine noch nie gesehene Detailtreue in der Anzeige von Fahrspuren und Richtungshinweisen aufweist. Die Inhalte der scheinbar über der Motorhaube schwebenden Anzeige sind ebenfalls konfigurierbar. Wird die Geschwindigkeit in roten Zahlen angezeigt, ist das Tempolimit überschritten.
Für einen Flop halten wir die Gestensteuerung. Einige Handbewegungen sind aus der Smartphone-Welt entlehnt, andere kann man selbst definieren. Das BMW-Navigationssystem mit Controller und Sprachsteuerung sowie Karten-Updates für drei Jahre gehört zur Serienausstattung des 5er-BMW. Ein größeres Navigationspaket mit 10-Zoll-Display, 20-Gigabyte-Festplatte für Musik und Qi-Ladeschale fürs Smartphone kostet inklusive einiger Connected-Drive-Funktionen 2000 Euro. Sonst lässt sich Connected Drive mit den Online-Diensten zwei Jahre nach der Erstzulassung des Fahrzeugs unentgeltlich nutzen und erfordert anschließend Abonnements für die verschiedenen Dienste. Das Head-up-Display steht mit 1200 Euro in der Preisliste, und die digitale Cockpitanzeige kostet 400 Euro.
