
Werksabholung ist in Deutschland ein alter Hut. Jetzt kann man als deutscher Kunde auch seinen neuen Volvo in Göteborg abholen….
Das Auto mag in der emotionalen Bedeutung vor allem bei jüngeren Menschen nicht mehr den Stellenwert haben, den es einst hatte. Dennoch bleibt es für fast alle nach dem Haus oder der Eigentumswohnung die zweitgrößte Investition, die in einem Leben getätigt wird, und es ist nicht immer eine rational getätigte Investition. Viele Hersteller setzen deshalb darauf, die Pflege der emotionalen Bindung zum Kunden zu verstärken. Eines der Mittel ist die Selbstabholung des Neuwagens im Werk, die sich in Deutschland hoher Beliebtheit erfreut. Mercedes-Benz bietet das schon seit 1953 an. Im Laufe der Zeit haben alle deutschen Hersteller – außer Ford und Opel – nachgezogen. Volkswagen hat dafür sogar eine eigene Stadt gebaut und BMW seine „Welt“.
Dass das Erlebnis, das begehrte Fahrzeug nahe seiner Entstehungsstätte abzuholen, zu einer starken Identifikation mit der Marke führt, ist unumstritten. Während der Abholung bekommt man natürlich mehr geboten als nur die profane Übergabe des Wagens. Nun sind die deutschen Importeure von Neuwagen aus aller Welt in Sachen Selbstabholung zunächst im Nachteil. Japan oder Korea sind sehr weit weg, und in Frankreich oder Großbritannien ist „Factory Delivery“ generell nicht üblich, auch nicht für die dortigen Kunden. In Deutschland eine Reise zum Auslieferungslager oder zum Importeurs-Standort anzubieten ist wenig spannend, und die komplexe Logistik sowie der Platzmangel sprechen dagegen.
Jetzt aber prescht Volvo Germany vor und bietet seit kurzem seinen Käufern – und den Leasingnehmern – eine Werksabholung an. Die Fahrzeuge V60, XC60, V90 und XC90 können ab Fabrik in Göteborg-Torslanda übernommen werden. Ein halbes Dutzend Kunden hat sich auf das kleine Abenteuer schon eingelassen und ist nach Göteborg geflogen, hat den Wagen übernommen und ist damit wieder nach Hause gefahren. Wir trafen bei unserem Besuch im Auslieferungszentrum das Ehepaar Weber aus Schwabach bei Nürnberg, die sich begeistert über das Erlebnis zeigten. „Wir mussten unseren Händler quasi überreden, für uns das zu arrangieren, aber für Volvo-Fans wie uns ist das genau das richtige Angebot“, sagt Olaf Weber, der seit 25 Jahren auf die schwedische Marke schwört und einen XC60 übernommen hat.
Die Reise kostet knapp 2400 Euro für zwei Personen. Sie umfasst den Flug, die Abholung vom Flughafen, eine Hotelübernachtung in der alten Post im Herzen Göteborgs inklusive Dreigang-Menü mit Weinprobe, den Transfer zum Werk, die Übergabe mit gründlicher Einweisung und Lunch, eine Werksführung und auf Wunsch auch einen Besuch des Volvo-Museums, das keine fünf Kilometer entfernt ist.
Selbstverständlich kann eine zweite Übernachtung in Göteborg dazugebucht werden. Das haben Webers getan. Sie haben für ihren Trip vier Tage eingeplant und waren auf dem Rückweg in Kopenhagen. Das liegt sozusagen am Weg. Göteborg selbst ist ebenfalls mehr als nur einen kurzen Aufenthalt wert. Zurzeit ist es die Boomtown in Schweden, hauptsächlich aufgrund der mannigfaltigen Volvo-Aktivitäten. Zu Volvo gehören jetzt auch die neue Marke Polestar und im weiteren Sinne Lynk und Co aus China. Beide haben ihren Sitz in Göteborg und bringen viele weitere Arbeitsplätze. Die Stadt am Kattegat beidseits des Flusses Göta älv hat inzwischen mehr als 600 000 Einwohner und ist noch internationaler geworden, als sie als Hafenstadt ohnehin schon immer war.
