
Einfach das Handy an der richtigen Stelle ablegen: Schon wird der Akku induktiv geladen. Dieser Komfort gefällt. Jetzt gibt es die Technik auch für das Elektroauto.
Ständig ist der Akku leer. Kommt man mit dem Smartphone über den Tag? Und das Elektroauto? Der typisch deutsche Begriff Reichweitenangst bringt es auf den Punkt: Die Kraftspender für unterwegs halten nicht lange genug durch. Man macht sich Sorgen, schränkt sich ein und sinnt natürlich auf Abhilfe. Mehr Kapazität für die Akkus ist die eine Möglichkeit, ein geringerer Verbrauch die andere.
Doch vielleicht ist der Ausweg ein dritter Weg: mehr Ladestationen. Jede kurze Pause wird zum Auffüllen des Akkus verwendet. Er ist dann immer fast voll. Denn wenn man sich nicht bewegt, liegt das Handy auf einer standardisierten Ladeschale. Stromspender überall könnten also das Akku-Problem nicht lösen, wohl aber mindern.
Schon jetzt kann man selbstredend überall in der Nähe eines Stromanschlusses laden. Aber das Hantieren mit Kabel und Netzteil ist nicht komfortabel. Das kabellose induktive Laden ist hingegen kinderleicht. Der Strom fliegt durch die Luft. Elektrische Energie wird berührungslos mit induktiver Koppelung übertragen: Ein Sender mit Stromversorgung erzeugt ein magnetisches Wechselfeld und schickt dieses an eine Spule. In einer zweiten Spule des Empfangsgeräts wird dadurch eine Wechselspannung induziert, diese wird gleichgerichtet und dann dem Verbraucher zugeführt. Die magnetische Resonanz zwischen beiden Spulen ist schwach, deshalb funktioniert die Energieübertragung nur über eine kurze Distanz. Das Smartphone muss direkt auf der Ladefläche aufliegen. Beide Seiten müssen zudem einen identischen Induktionsstandard verwenden.
Die Idee des induktiven Ladens ist alt. Man kennt die Technik von der elektrischen Zahnbürste oder dem Induktionsherd. Als erstes Smartphone arbeitete der Palm Pre 2009 mit Induktion. Doch dem Erfolg des raffinierten Stromaustauschs außerhalb des Badezimmers stand bisher ein langer Streit um Standards im Weg: Gleich drei konkurrierende Industrieverbände wollten ihre eigene Technik durchsetzen. Nun kündigt sich ein Ende des Streits an. Der wichtigste Hersteller von Basisstationen und Ladehüllen, das Unternehmen Powermat, wechselte im Januar die Fronten, gab seine eigene Ladetechnik Airfuel auf und den Beitritt zum Wireless Power Consortium (WPC) bekannt. Damit hat sich das WPC-Verfahren Qi durchgesetzt.
Dass auch Apple mit den seit Herbst erhältlichen iPhone-Modellen auf Qi setzt, ist ein weiterer Beleg für den Siegeszug dieses Standards. Das chinesische Wort (gesprochen Chi) steht für Lebensenergie. Der riesige Gewinn, der sich nun für alle Smartphone-Nutzer auftut, ist die nahtlose, drahtlose Kompatibilität über alle Gerätegrenzen hinweg: Das neue Samsung Galaxy S9 lässt sich an den gleichen Qi-Stationen mit Strom versorgen wie ein älteres Samsung Galaxy S6 oder ein Telefon von LG, Nokia oder Motorola.
Drahtloses Laden hat jedoch auch Nachteile. Zwischen Sendeantenne und Empfänger geht Leistung verloren, rund 10 Prozent. Der Schwund ist umso geringer, je exakter die beiden Spulen aufeinanderliegen und je kleiner ihr Abstand ist. Handy-Hüllen können den Wirkungsgrad weiter verschlechtern. Die Ladeleistung ist abhängig vom Ladegerät und dem zu ladenden Gerät. Die jüngsten iPhones unterstützen maximal 7,5 Watt. Somit ist die Induktion in diesem Fall ein wenig schneller als mit dem beiliegenden 5-Watt-Gerät, aber deutlich langsamer als mit einem kräftigeren Netzteil, etwa dem des iPad Pro mit 12 Watt.
