Gesellschaft

Comiczeichnerin Sarah Andersen: Unsere allerliebste Außenseiterin

• Bookmarks: 54


„Der findet mich eklig“, die Unsicherheiten von Teenagern bei dem ersten Kontakt mit dem anderen Geschlecht.

Sarah Andersen zeichnet Comics über sich selbst: eine scheue junge Frau voller Selbstzweifel. Viele Menschen aus ihrer Generation lieben sie dafür. Doch die politische Lage in Amerika macht ihr zu schaffen.

Sarah Andersen ist nur kurz überrascht, als man sie danach fragt, wo sie ihre Gebärmutter aufbewahrt. In ihrer alten Wohnung, erzählt sie dann, hatte sie das Ding einfach in einen Schrank gepackt, „ein sehr angemessener Platz übrigens, denn die Gebärmutter saß die meiste Zeit im Dunkeln. Wenn ich den Schrank öffnete, schaute sie mich mit ihren großen Augen bedrohlich an.“

Spätestens an dieser Stelle muss der Hinweis erfolgen, dass es sich bei dem Organ, von dem hier die Rede ist, um einen Plüsch-Uterus handelt, angefertigt von einem italienischen Fan nach einer Vorlage der überraschten Andersen selbst. In deren Cartoon-Serie „Sarah’s Scribbles“ nämlich taucht der Uterus der Protagonistin immer wieder mal als eigenständiger, höchst widerborstiger Charakter auf, und zwar in unangenehmer Regelmäßigkeit dann, wenn frau es am wenigsten gebrauchen kann – etwa wenn eine schöne Reise ansteht oder wenn sie gemartert vom anstrengenden Tag heimkehrt, im irrigen Glauben, dass es heute nicht mehr schlimmer kommen kann.

Stimme der Millennials

Nun ist, dass Sarah Andersen den in der Kunst eher vernachlässigten Topos der Menstruationsbeschwerden in ihren Comics aufgreift, einerseits bemerkenswert- andererseits hätte allein das die 25 Jahre junge Amerikanerin kaum zu einer Frau gemacht, die oft als Stimme der Millennials gefeiert wird und vielen ihrer 2,4 Millionen Follower auf Instagram, Frauen wie Männern, eine Art Seelenverwandte ist. Nein, die wahre Hauptrolle in den unzweifelhaft autobiographischen, höchst selbstironischen Comics Sarah Andersens spielt nicht der Unterleib, sondern ihr Kopf – und der liefert ihr seit nunmehr sieben Jahren, in denen sie als Cartoonistin arbeitet, Stoff genug.

„Sarah’s Scribbles“, was man übersetzen könnte mit Sarahs Kritzeleien, erzählen in zwei bis fünf Bilder kurzen Strips aus dem Leben einer jungen Frau, die Sarah heißt. Sarah trägt zum strubbeligen Pixie-Cut zumeist einen gestreiften Pullover und ist ein weiblicher Nerd, der daheim am Tablet arbeitet. Gemeinhin würde man von ihr als Heldin der Geschichten sprechen, nur lässt sich der Begriff mit den Eigenarten der Cartoon-Sarah schwer in Einklang bringen: Sie ist introvertiert, hochsensibel, grüblerisch, menschenscheu, lethargisch, ängstlich, chaotisch, verträumt und voller Selbstzweifel- sämtlichst Eigenschaften, die in unserer auf Effizienz und Selbstoptimierung getrimmten Gesellschaft als hochproblematisch gelten. In einem Strip gelingt es Sarah, beim ersten Weckerklingeln das Bett zu verlassen, gut zu frühstücken, ordentlich das Bett zu machen und zwei saubere, zueinander passende Socken zu finden: ein, wie sie findet, stolzer Tag. Jedenfalls so lange, bis Sarahs gelegentlicher Sidekick, ein sprechendes Kaninchen – Reminiszenz an den eloquenten Tiger aus „Calvin und Hobbes“ –, ihr mitteilt, dass schon wieder eine ihrer Freundinnen aus den Highschool-Tagen ein Kind bekommen habe.

Um sich selbst zu kreisen, ihre Zeit im Netz zu verplempern, nichts auf die Reihe zu kriegen und einfach nicht erwachsen zu werden: Mit ebendiesen Vorwürfen sehen sich Menschen, die mal Millennials genannt werden, mal Digital Natives und mal Generation Y, die auf jeden Fall in einer der letzten beiden Dekaden des vergangenen Jahrtausends geboren wurden, häufig konfrontiert. Von daher wundert es wenig, dass sich in „Sarah’s Scribbles“, die Andersen zunächst bei Tumblr und später auch auf diversen anderen Plattformen veröffentlichte, so viele Leute wiedererkennen. Das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, ist auch in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet.