
In den Vereinigten Staaten wütet die schlimmste Grippewelle seit 15 Jahren. Mehr als 180.000 Amerikaner haben sich schon infiziert. Betroffen sind vor allem die geburtenstarken Jahrgänge.
Die Grippewelle in den Vereinigten Staaten hat zwei weitere Kinderleben gefordert. Ein sechs Jahre altes Mädchen starb am Samstag in Norwalk (Connecticut), nachdem die Ärzte drei Tage zuvor eine Influenza-Infektion diagnostiziert hatten. Einen Tag nach dem Tod des Mädchens meldeten die Gesundheitsbehörden den Tod einer Schülerin in Elizabeth (New Jersey). Auch sie hatte sich mit einem Grippevirus angesteckt.
Nach Angaben der amerikanischen Seuchenschutzbehörde (CDC) stieg die Zahl der Kinder, die in dieser Grippesaison zwischen Neuengland und Los Angeles starben, auf fast 90. „Es könnte sein, dass die Saison ihren Höhepunkt erreicht hat und jetzt abklingt. Wir müssen aber die kommenden Wochen abwarten“, teilte eine CDC-Sprecherin mit.
Nachdem die Infektionen in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Monaten vor allem auf den Erregerstamm H3N2 zurückzuführen waren, wurde in den vergangenen Wochen auch eine Zunahme von Infektionen mit den Influenzaviren B und A H1N1 beobachtet. Der Erregerstamm H1N1 hatte in den Vereinigten Staaten in den Jahren 2009 und 2010 die sogenannte Schweinegrippe-Pandemie ausgelöst. Damals infizierten sich fast 59 Millionen Amerikaner mit dem Virus. Mehr als 250.000 Amerikaner wurden in Krankenhäusern behandelt, etwa 12 000 Patienten starben.
Dutzende Schulen blieben nach den Ferien geschlossen
Bis Mitte Februar registrierte die amerikanische Seuchenschutzbehörde mehr als 20.000 Krankenhausaufenthalte von Grippepatienten. Insgesamt infizierten sich bislang mehr als 180.000 Amerikaner. Um in dem besonders heftig betroffenen Kalifornien alle Infizierten behandeln zu können, errichteten Krankenhäuser wie das University Medical Center in Loma Linda östlich von Los Angeles inzwischen Zelte. Zudem wurden Krankenschwestern aus benachbarten Bundesstaaten eingeflogen. Im Bundesstaat New York rief Gouverneur Andrew Cuomo derweil den medizinischen Notstand aus, um Kinder auch in Apotheken impfen lassen zu können. In Florida und Texas blieben Dutzende Bildungseinrichtungen auch nach den Weihnachtsferien geschlossen, da die Schulverwaltung die Ausbreitung der Infektion befürchtete. Mit Ausnahme der Schweinegrippe-Pandemie in den Jahren 2009 und 2010 gilt die Grippesaison von 2017 und 2018 schon jetzt als die schlimmste der vergangenen 15 Jahre.
Während in früheren Jahren meist Patienten, die älter als 65 Jahre und jünger als vier Jahre waren, mit Grippesymptomen wie hohem Fieber, Gliederschmerzen und Atemnot in Krankenhäusern behandelt wurden, trifft es in dieser Saison ungewöhnliche viele Erwachsene zwischen 50 und 64 Jahren. Für die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit meldete die amerikanische Seuchenschutzbehörde mehr als 72 Krankenhausaufenthalte je 100.000 Mitglieder der Altersgruppe. Bei früheren Grippewellen lag die Zahl weit niedriger. „Die sogenannten Baby Boomer liegen häufiger mit Grippesymptomen im Krankenhaus als ihre Enkelkinder. Das ist sehr ungewöhnlich“, sagte Daniel Jernigan, der Leiter der Influenza-Abteilung der CDC. Der Grund für die Anfälligkeit der Altersgruppe blieb vorerst offen. Mediziner vermuten aber, dass die Mischung unterschiedlicher Viren der aktuellen Grippesaison ein Auslöser sein könnte.
Nur jedes vierte der 90 verstorbenen Kind wurde geimpft
Zu den Grippetoten der „Baby Boomer“ zählt auch eine 58 Jahre alte Texanerin. Sie starb am 3. Februar an Lungenentzündung und Blutvergiftung, nachdem sie sich einige Wochen zuvor mit einem Virus des Typs B infiziert hatte. Kurz nach Weihnachten hatte sie bereits eine Grippeerkrankung mit einem Erreger des Typs A überstanden. Ob die Texanerin sich einer Impfung unterzogen hatte, blieb ungeklärt. Der für diese Grippesaison zusammengestellte Impfstoff schützt laut CDC vor den drei häufigsten Erregern. Der Impfstoff wirkt sowohl gegen das Virus H3N2, das sich seit Oktober ausbreitet, als auch gegen die Erreger H1N1 und B, die in den vergangenen Wochen immer öfter gemeldet wurden.
Nach den bisherigen Untersuchungen der Seuchenschutzbehörde war nur jedes vierte der etwa 90 verstorbenen Kinder geimpft worden. Während der Schutzstoff lediglich bei etwa 36 Prozent der erwachsenen Geimpften wirke, betrage die Quote bei Kindern fast 60 Prozent. „Auch wenn die Saison schon fortgeschritten ist, empfehlen wir Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen“, mahnte eine CDC-Sprecherin. „Die Grippewelle kann sich noch über Wochen hinziehen.“
