
Er galt als der letzte Couturier, war eine Ausnahmepersönlichkeit und machte beim Rhythmus der anderen nicht mit. Nun ist der Modedesigner Azzedine Alaïa mit 77 Jahren gestorben.
Auf die ewige Frage, ob Mode auch Kunst sein kann, war sein Beispiel die beste Antwort. Azzedine Alaïa war so sehr Künstler wie Designer. Am Samstag hat sich die Mode so gesehen um einen großen Schritt von der Kunst entfernt. Das französische Wochenmagazin „Le Point“ meldet, dass der Couturier im Alter von 77 Jahren in Paris gestorben ist. Diese Ausnahmepersönlichkeit der Branche, gerade weil sie die Mode stets ganz anders als üblich verstanden hat.
Den Rhythmus zum Beispiel, machte Azzedine Alaïa nicht mit. Wenn andere Designer im Februar und März Herbstware zeigten und im September die Frühjahrskollektionen, lud er bewusst nicht zu einer Schau. Ganz zu schweigen von den saisonalen Zwischenlinien, die andere mit großem Tamtam präsentierten. Alaïa, nicht größer als 1,58 Meter, stets in schwarzer Uniform gekleidet, entzog sich Einfällen, die mehr wirtschaftlicher als kreativer Natur waren. Er präsentierte seine Mode hingegen, wenn er der Meinung war, etwas zu sagen zu haben, und dabei handelte es sich um äußerst unregelmäßige Abstände. Eine Kollektion war für ihn dann eine Punktlandung, und seine Kleider aus Stretch wie aus Leder saßen wie eine zweite Haut. Sie waren körpernah und inszenierten die Frauen zugleich. Mit diesem Stil eroberte er die Mode in den Achtzigern.
Zuvor, in den Fünfzigern, war er, der in Tunis Bildhauerei studiert hatte, nach Paris gekommen. Der Algerien-Krieg trieb ihn dorthin, und in der Modewelt der Stadt fand er eine neue kreative Heimat. Zunächst für kurze Zeit bei Dior, damals noch unter Yves Saint Laurent, bei Guy Laroche, bei Thierry Mugler. Letzterer ermutigte ihn dann auch zur Selbstständigkeit, Azzedine Alaïa richtete sich in einem eigenen Atelier ein, und Greta Garbo ließ nicht lange auf sich warten. Seine Karriere verlief trotzdem nicht ohne Brüche, er veräußerte sein Unternehmen, mal zog er sich zurück, dann war er wieder voll da. So auch in den vergangenen Jahren.
Allein war er trotzdem selten. Stattdessen erzählte die Stimmung in Alaïas Räumen bis zu seinem Tod von seinem großem Interesse am Leben anderer Menschen. Man sah es nicht nur in der Mode, man konnte es auch selbst erleben, beim Mittagessen. In keinem anderen Pariser Atelier wird die Tafel eine wichtigere Rolle gespielt haben, auch wegen der Stammgäste: Naomi Campbell, Carla Bruni, Carla Sozzani, die italienische Modeunternehmerin, die zugleich seine beste Freundin war. Dort blühte er bis zum Ende auf, es war sein Leben. Als Dior ihm 2011 den Posten des Kreativ-Direktors anbot, lehnte Alaïa ab. Er war ja so sehr Künstler wie Designer. Und ein großer Menschenfreund. Die Meldung zu seinem Tod kommt, zeitlich passend, um die Mittagszeit.
